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Schweiz: One-Night-Stand im Schnee

Je kälter, desto besser. Frostig-romantische Nächte in Iglus werden von Jahr zu Jahr beliebter. In den Hütten von Zermatt sind die Temperaturen eisig - vier Grad unter null. Zum Bibbern schön!

Von Johannes Schweikle

Der Rekord waren sechs Spanier", sagt Martin Vogel. Sie waren alle weg, als er ihnen am Morgen heißen Tee an die Schlafsäcke im Iglu bringen wollte. Geflohen in den geheizten Umkleideraum, der 20 Meter von den Schneehütten entfernt einen Außenposten der Zivilisation bildet.

In diesem Jahr haben die eisigen Temperaturen lange auf sich warten lassen. Es ist nicht so kalt wie sonst, und es liegt auch noch nicht so viel Schnee wie sonst. Aber der Winter ist endlich da, und der Wind pfeift schon den ganzen Tag um das Matterhorn. Am späten Nachmittag haben sich vier Paare eingefunden, die eine Nacht im höchsten Igludorf der Alpen verbringen wollen, 2700 Meter über dem Meer, 1100 Meter über dem Schweizer Skiort Zermatt, wo es ganz viele mollig warme Betten gibt.

Die Abenteurer stellen sich vor

Bei einem Glühwein an der Schneebar stellen sich die Teilnehmer des Abenteuers vor. Sie sind zwischen 25 und 45, ihr Alter liegt somit im Durchschnitt der Iglugäste. Daniela, die bei einem Konzern in Zürich im Marketing arbeitet, hat die Iglunacht ihrem Freund Stephan zu Weihnachten geschenkt. "Ich habe gehofft, er nimmt jemand anderes mit", kokettiert sie und reibt ihre Hände über einer großen Kerze. Doch sie strahlt vor Vorfreude, unter der dicken Skimütze lugt blondes Haar heraus. Stephan baut als Ingenieur im Lötschbergtunnel, er interessiert sich für die Wandstärke der Igludecke. Dort bläht sich ein Segel mit der Totenkopf-Flagge, als Relief aus dem Schnee herausgearbeitet. Ein Pirat blickt grimmig von der Wand, lediglich beim Säbel waren die Iglubauer zu ehrgeizig. Den haben sie wie die ganze Skulptur aus Schnee modelliert, aber die weiße Waffe ist abgebrochen.

Überaus stabil ist dagegen der Tresen: ein Schiffsbug, selbstverständlich ebenfalls aus Schnee. Weil sich dieser Zauberstoff unbegrenzt formen lässt, stachelt er einen fantastischen Gestaltungstrieb an.

Martin Vogel, der Leiter des Igludorfs, hat Mitte Dezember mit dem Bauen begonnen. Der 30 Jahre alte Schweizer trägt Snowboarderkleidung, seine Augen strahlen, ein Flaumbart wärmt sein rundes Gesicht. Dass er als Bankkaufmann in Zürich nicht die Erfüllung gefunden hat, erklärt sich spätestens nach drei Sätzen. So traf es sich gut, dass Adrian Günter ihn angeheuert hat. Der war Skilehrer in Scuol und wollte Mitte der 90er Jahre einfach am Morgen der Erste sein, der seine Spuren in den Schnee zieht. So grub er sich oben am Berg eine Schneehöhle und verbrachte dort die Nacht im Expeditionsschlafsack.

Aus Geldnot zur rationalisierten Schneebautechnik

Als immer mehr Freunde diese Erfahrung der Bergeinsamkeit teilen wollten, kam Günter auf die Idee, Iglus zu bauen. Skilehrerkollegen halfen ihm, Schneeblöcke zu schneiden und aus diesen die Rundhütten der Inuit zu mauern. Vor allem Freerider kamen als zahlende Gäste, und damit war für die Skilehrer aus dem Unterengadin das Ende der Spaßphase erreicht. Im nächsten Winter forderten sie Geld für den Iglubau.

Weil er das nicht hatte, ersann Adrian Günter eine rationalisierte Schneebautechnik: Er blies einen Riesenballon auf, schleuderte mit einer Fräse Schnee gegen diese Halbkugel, ließ die Luft aus der Hohlform, und fertig war der Iglu. Mittlerweile baut seine Firma zwischen der Zugspitze und Zermatt fünf Igludörfer, andere Anbieter ziehen im ganzen Alpenraum nach.

In Zermatt ist der Hauptiglu sechs Meter hoch und hat einen Durchmesser von neun Metern. Oben ist die Decke etwa 30 Zentimeter dick, und Martin erzählt begeistert von der Stabilität des Schnees: "Als wir nach dem letzten Winter Anfang Mai das Igludorf plattmachen wollten, ist ein vier Tonnen schwerer Pistenbully drübergefahren. Die Kuppel hat gehalten."

An den Wänden der Lounge befinden sich Sitzecken aus Schnee, abgedichtet mit Isomatten, gepolstert mit Schaffellen. Große Kerzen tauchen den Raum in romantisches Licht, auf den Tischen dampft Fondue in großen Töpfen. Nicht ganz einfach zu essen, weil der Käse Fäden zieht, die in der Kälte zäh wie Klebstoff sind. Hier drinnen zeigt das Thermometer vier Grad unter null. In der Wasserflasche bilden sich Eisbrocken, eine Sagengestalt der Inuit wacht über uns, ihre vollen Lippen sind in den Schnee modelliert.

Romantiksuiten für Pärchen

Ein Gang führt zu den Unterkünften, die kreisförmig um die Lounge in den Schnee gegraben sind: vier Gruppen-Iglus für jeweils sechs Personen und vier Romantiksuiten für Pärchen. Flauschige Schaffelle liegen auf acht Zentimeter dicken Schaumstoffmatratzen, die Schlafsäcke sind für Temperaturen bis minus 32 Grad isoliert. Für die Romantiker sind zwei Schlafsäcke per Reißverschluss zu einem vereint, als Kopfkissen gibt's rote Plüschherzen. "Zwei Drittel der Buchungen für die Romantik-Iglus kommen von Frauen", sagt Martin Vogel und mutmaßt: "Die Männer haben wohl vom Militär schlechte Erinnerungen an den Schlafsack." Aber wenn die Kerle erst einmal in der Schneehütte sind, bringt ihr Zauber sie zum Schmelzen. Vergangenen Winter gab's hier drei Heiratsanträge.

"Wir empfehlen die Nacht im Iglu als One-Night-Stand", sagt Martin Vogel. Bedingt durch Höhenlage und Kälte schläft der Mensch hier schlechter als in der Zivilisation, der Körper regeneriert sich nicht so gut. Trotzdem ist das Gästebuch voll von Schwärmereien über das Abenteuer für eine Nacht. Eine Sabine aus Bayern schreibt von dem "unvergesslichen Erlebnis", aus dem Whirlpool das Matterhorn bei Vollmond zu betrachten.

Die Kälte kriecht aus den Füßen hoch

Das hat bei unserem One-Night-Stand leider nicht geklappt: Das Horn blieb verhüllt. Wir liegen im 39 Grad heißen Wasser des Pools neben dem Iglu und lassen uns die Schneeflocken ins Gesicht treiben. Auch am nächsten Morgen zeigt sich der Berg der Berge nicht, und so bleiben wir auf Martins Beschreibung des Sonnenaufgangs angewiesen: wie das erste Licht die markante Gipfelpyramide in seinen Schein taucht und dann langsam die kantige Wand des Matterhorns hinunterwandert, das als Solitär aus den Viertausendern zu ragen scheint.

Uns bleiben ein paar Grunderfahrungen. So intensiv haben wir Wärme und Kälte noch nie erlebt. Als wir aus dem Pool kommen, fühlen wir uns mollig warm in den Skianzügen. Aber beim Sitzen, Erzählen und Trinken in der Lounge kriecht die Kälte aus den Füßen hoch. Die gefühlte Körpertemperatur beschreibt eine Kurve, die stetig nach unten zeigt. Gegen zehn Uhr verkriechen sich die ersten Paare im Schlafsack. "Das ist meistens so", sagt Martin, "nur Gruppen sind manchmal bis drei Uhr morgens nicht totzukriegen."

Im Schlafsack ziehen wir nur einen Schlafanzug an, wie der Guide es empfohlen hat. Socken, Unterhosen und Pullover für den nächsten Tag stopfen wir ins Fußteil. Erstaunlich schnell füllt der Körper den Daunenschlafsack mit Wärme, auch ohne Strümpfe sind die Füße warm. Wir hören in dieser Geborgenheit noch Musik vom MP3-Player, danach dringt kein Laut mehr an die Ohren, die Welt ist hinter den Schneemauern verschwunden. Richtig gemein wird die Kälte nur für diejenigen, die in der Nacht rausmüssen. Im Klo-Iglu sind Campingtoiletten in den Schnee eingegraben, eine weiße Wand trennt Männlein und Weiblein.

Keine Flüchtiger im Heizraum

Am nächsten Morgen bringen die beiden Guides jedem einen heißen Kräutertee an den Schlafsack. In der Nacht ist keiner in den geheizten Raum neben dem Whirlpool geflohen. Kurz nach acht marschieren wir los. Es ist still und dämmrig, wir haben den Berg für uns allein, auf dem es in zwei Stunden von Skifahrern wimmeln wird. Nach zehn Minuten erreichen wir das Hotel "Riffelberg", wo im Speisesaal ein üppiges Frühstücksbüfett aufgebaut ist.

Zum ersten Mal sehen wir uns ohne Mützen. Alle haben verschwitztes und verstrubbeltes Haar, und den Augen sieht man an, dass der Schlaf nicht so erholsam war wie zu Hause. Aber alle freuen sich auf den Skitag rund ums Matterhorn. Daniela und Stephan können sich nicht einigen, was schöner war, das Bad im heißen Pool oder die ersten Schritte in den unberührten Morgen. Und Markus sagt unternehmungslustig: "In Norwegen soll's ein Eishotel geben."

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