Skiort Vent Hinter den sieben Bergen

Ein Zwerg zwischen zwei Riesen braucht innere Größe, um sich zu behaupten. Vent im Ötztal wehrt sich selbstbewusst gegen den Mega-Tourismus der Nachbardörfer Sölden und Obergurgl.
Von Marina Kramper

Wir befinden uns im Jahre 2008. Ganz "Ötztal" ist von den Touristen besetzt. Ganz "Ötztal"? Nein! Das von unbeugsamen Einheimischen bevölkerte Dorf Vent hört nicht auf, den Gemeinden Sölden und Obergurgl Widerstand zu leisten. Die fröhlichen und gastfreundlichen Venter fürchten sich eigentlich nur vor einem, dass sie wie die beiden Nachbargemeinden vom Massentourismus überrannt werden.

Der einleitende Satz aus den "Asterix und Obelix" -Heften trifft die Mentalität der Venter Einheimischen. Im hinteren, im südlichsten Teil des Ötztales erhält sich Vent bis heute den Charme eines "Geheimtipps" für Bergfreaks, Naturfreunde, Tourengeher, Tiefschneefahrer und Skiläufer. Für diejenigen, die wegen der Berge und der Mentalität der Bergler in den Skiurlaub fahren und nicht wegen der feuchtfröhlichen "Gaudi". Als Tourismusmarke steht das Ötztal weltweit für Spaß, Obstler, Pistenkracher, Rambazamba, und "Ski heil!". Sölden bedient diese Ansprüche ohne Rücksicht auf Verluste. Junggesellenabschiedsparties können hier nicht fehlschlagen, dafür sorgen schon die Table-Dance-Bars entlang der Hauptstrasse. Panem et Circensis. Die Römer des imperialen Tourismus stehen "ante portas", vor der Tür. Die Venter merken das. Die Dorfkinder gehen in Sölden zur Schule. Morgens fahren sie mit dem Bus, aber mittags sammeln die Eltern den Nachwuchs lieber selbst ein, damit sie keine "Stielaugen" bekommen.

Nachbargemeinde Hochgurgl/Obergurgl mag es sehr exklusiv. Fährt man samstags hinauf in das Skigebiet, kommen dem Tagesgast in lockerer Reíhenfolge Audi, BMW, Mercedes und Porsche Cayenne entgegen. Ist es ein Opel, so sitzt garantiert ein Einheimischer am Steuer. In Gurgl treffen sich die gesellschaftlichen Eliten aus Deutschland und logieren mit Piano Bar, Prosecco, und Bussi Bussi.

So nicht!

Vent hat nichts von beiden und die Venter sind stolz darauf. Die Stammgäste Wolfhard, Rita und Gernot Göhlich durchqueren die Alpen und das Ötztal heute im BMW X5. Mitte der Sechziger war die Strasse nur einspurig. "Das Auto wurde in Zwieselstein geparkt, das Gepäck in einen Militärjeep umgepackt und dann ging es "volle Stunde rauf, halbe Stunde runter" in das auf 1900 m gelegene Vent", erinnert sich Gernot Göhlich. "Der kleine Ort hat uns damals gleich gefallen. Entweder man kommt nur einmal her oder immer wieder." Wenn eine Lawine runterkam und das passierte regelmäßig, saß man einfach fest. "1965 waren wir mehrere Tage eingeschlossen. Die Lawinengalerien gab es natürlich nicht. Nach mehreren Tagen im Dorf ist eines morgens um fünf Uhr der Wirt durchs Haus und hat gerufen: "Es hat gefroren, wir können raus!" Wir sind dann mit Handgepäck, mit dem Louis Pirpamer als Bergführer und mit Lastenträgern über die Lawinen, " erinnert sich Wolfhard Göhlich."Ich hatte vielleicht Blasen an den Füßen", ergänzt seine Frau Rita.

Berge und Eigensinn

Die Venter sind stolz auf die unberührte Natur ohne endlose Reihen von Liftmasten. Stolz auf die höchsten Berge Tirols und auf eine Menge Gletscher. Stolz auf die Wanderwege, die bis Südtirol hinüberreichen und auf die selbstbewirtschafteten Hütten. Und sie sind stolz auf Ötzi. Ötzi ist der prominenteste Einwohner des Tals, auch wenn er den Ventern wieder weggenommen wurde. Die Südtiroler konnten schließlich nachweisen, dass er auf italienischem Staatsgebiet tausende von Jahren im Eis schlief.

Heute liegt er einsam in seiner kargen Kältekammer in Bozen und zieht unzählige Besucher in seinen Bann. In Vent kann man sein Sommerlager besichtigen. Er und seinesgleichen lagerten vor 5300 Jahren für die Sommerzeit in Vent. Sie zogen über die Pässe und siedelten im "Hohlen Stein", der mit Fellen und geflochtenen Korbwänden abgedichtet wurde. Hier und an der steinzeitlichen Jägerstation konnten die Wissenschaftler die Wege von Ötzi verfolgen.

Gefunden wurde er im Similaungletscher von dem Nürnberger Ehepaar Erika und Helmut Simon. Die beiden Venter Stammgäste waren im der Sommersaison 1991 zu einer Hüttenwanderung gestartet und hatten durch Zufall einen Umweg eingeschlagen. Helmut Simon ist inzwischen verstorben. Einen österreichischen Journalisten hat das dazu veranlasst, den "Fluch des Ötzi" auszurufen. Auf der Liste der am Fluch Verstorbenen stand auch Alois Pirpamer. Heute lacht der Siebzigjährige Venter über den Sensationsreporter.

Totenbahre über der Spritze

In der Welt von Asterix wäre Pirpamer der Druide von Vent. Aufrecht und durchtrainiert und mit silberweißen Haaren ähnelt er Miraculix auch äußerlich. Sein Zaubertrank hingegen sind die Bergwanderungen, die halten den heute Siebzigjährigen jung. Pirpamer hat in Vent so viele wichtige Posten und Berufe bekleidet, dass man sich schon fragen kann, was denn die anderen Einwohner gemacht haben. Hotelier, Skirennfahrer, Bergführer, Skiclubbegründer, Obmann des Venter Tourismusverbandes und Chef der Bergrettung. Unten am Bachufer steht die ehemalige Totenkapelle. Dort wurden früher, als es noch keine Hubschrauber gab, die abgestürzten Bergsteiger aufgebahrt. Ein wahrhaft schauriger Ort, möchte man meinen. Pirpamer sieht es zweckmäßig. "Unten drunter haben wir unsere Feuerwehrgeräte aufbewahrt". Feuerwehrhauptmann war er natürlich auch. Bis heute sitzt er der Lawinenkommission vor. Und selbstverständlich hat Louis, wie seine Gäste und Freunde ihn nennen, das besondere Gespür für Schnee. Acht verschiedene Schneearten nennt er auf Anhieb und zeichnet deren Symbole auf. Die nehmen sich auf dem Papier dann wieder genau aus, wie die Runenzeichen eines Dorfdruiden.

Louis hat, und das weiß nur ein Stadtneurotiker nicht zu schätzen, unzähligen Wanderern die Bergwelt nahe gebracht. Im Sommer zu Fuß im Winter mit Seehundfellen unter den Tourenskiern. Er ist in Vent eine Institution wie der Ötzi. Kein Zufall, dass der Louis den Ötzi mit ausgegraben hat. "Der Messner und der Kammerlander waren damals gerade auf der Similaunhütte. Uns war schon klar, dass der Ötzi ein alter Toter sein muss. Mit den Lederschuhen und dem alten Beil. Messner hat damals auf ein paar hundert Jahre getippt. Ein paar Wochen später, ich saß unten im Hotel "Post" beim Frühstück klingelte das Telefon. Als Innsbruck uns mitteilte, dass der Ötzi über 5000 Jahre alt ist, waren wir schon sehr erstaunt." Nach umfangreichen archäologischen Untersuchungen wurde den Ventern ein "Ötzidorf" angeboten. Vent wäre nicht Vent, wenn sie zugesagt hätten. "Wir wollen auf gar keinen Fall ein Dorf für Tagestouristen sein", erklärt vehement Bianca Klotz vom Venter Tourismusbüro. Umhausen hat nicht gezaudert und zugegriffen.

Im Windschatten des Kommerzes

Was wollen die Venter denn nun eigentlich? So ganz genau wissen sie es nicht, die freundlichen, aber resoluten Einheimischen. Einen ca. fünf Kilometer langen Tunnel zum Skigebiet nach Obergurgl haben sie ebenfalls einstimmig abgelehnt. Weil es unheimlich sei, die ganze Berge so "zu unterhöhlen". Vent ist kein Aussteigerdorf. Der einzige Dorfladen verkauft Lebensmittel und Hirschtalgcreme, verleiht moderne Ski-Ausrüstungen. Ein Skigebiet hat Vent natürlich auch. Und ein schneesicheres dazu. Es ist nicht groß, aber groß genug für eine eigene Alm, die Stablein Alm. Heute fahren Gäste wie die Göhlichs auch ohne Tunnel einfach von Vent aus nach Obergurgl ins Top-Skigebiet, ihre Kinder und Enkel haben in Vent Skilaufen gelernt und begleiten sie regelmäßig. Mit Rheinländischem Klarblick fasst Wolfhard Göhlich die Situation der Venter zusammen: "Die vielen Stammgäste sind sicherlich deshalb zu erklären, weil die ihr Tal eben nicht vermarktet haben bis zum Letzten. Das ist sympathisch in einer Zeit, wo jeder nur nach Profiten schielt."


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