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Skiurlaub mit Kindern: "Mama, ich bin den Erwachsenen-Hügel gefahren!"

Morgens liegt die "Zwergenpost" aus, und der Pistenzubringer heißt Tuffi-Express. Skiurlaub mit Kindern ist eines ganz sicher nicht: glamourös. Aber er kann eine Riesengaudi für alle sein. Zum Beispiel im österreichischen Großarltal.

Von Oliver Creutz

Der Familien-Skiurlaub: die schönste Zeit im Jahr, alle sind froh gestimmt, Vater, Mutter, Kind in friedlicher Eintracht. Halt! Etwas stimmt nicht an diesem Bild. Am flachen Hang, auf dem sich vor zwei Tagen acht Mädchen und fünf Jungs im Alter von vier bis sechs Jahren eingefunden haben, um das Skifahren zu lernen, tobt an diesem Morgen ein Vater durch den Schnee. "Du sollst nicht weinen!", brüllt er seinen Sohn an. "Du sollst fahren!"

Das Ergebnis ist für alle Umstehenden vorhersehbar, nur für den Vater nicht: Das Kind bleibt wie festgefroren stehen, Tränen kullern die Wangen hinunter. Der Vater: Skijacke in gelber Signalfarbe, Käppi, verspiegelte Sonnenbrillengläser, ganz der Typ Pistenschleifer. Der Sohn: ein dick eingepacktes, zutiefst unglückliches Paket, gekrönt von einem Sturzhelm.

Zu wenig Action

Irgendwann stapft der Vater aus dem Bild. Jetzt ist wieder Ruhe am Berg. Nur die Stimme von Skilehrerin Rosi ist zu hören. Sie erklärt den Kindern gerade den Schneepflug: "Macht ein Pizzastück." Sobald ein Kind mit Pizzastück-geformten Brettern seine erste Kurve hinbekommen hat, quittiert Rosi diese Leistung mit dem landestypischen "Passt".

Ja, passen sollte er schon, so ein Skiurlaub mit Kind. Die Leute hier im Großarltal haben eine Menge unternommen dafür. Normalerweise würden in die Region südlich von Salzburg nicht so viele Wintertouristen reisen - zu unspektakulär sind die Hänge und Pisten am Hausberg, dem Kreuzkogel. Zu idyllisch. Viele Hänge sind breit wie Ausfallstraßen. Geübte Pistensäue sind nach einem Tag mit allen Strecken durch, ab dem zweiten Tag gibt es noch die Talabfahrt nach Dorfgastein auf der anderen Bergseite zu entdecken. Aber dann?

Gegen die Großskigebiete wie das nicht weit entfernte Saalbach-Hinterglemm können die Großarler nicht bestehen. Zu wenig Skiaction, zu wenig Après-Ski-Gaudi. Oft bleiben solchen Tälern nur die Skirentner übrig, die so ausgeruht die Pisten hinunterrutschen, dass ihnen die Mittelstationsabfahrt auch am dritten Tag noch Herausforderung genug ist.

Da bieten sich zwei Möglichkeiten: Man schenkt den Berg der Natur zurück und stellt den Skizirkus ein. Oder man heuert einen Tourismusmanager an, der den Wettbewerbsnachteil in einen Tipptopp-Vorteil verwandelt (zweite wichtige landestypische Vokabel: "tipptopp"). Die Großarler fanden ihn in Thomas Wirnsperger, einem drahtigen Einheimischen mit Schnauzbart und Halskettchen. Sein Konzept: Lockt junge Familien an. Baut ihnen Kinderhotels und einen Skikindergarten. Gewährt großzügige Rabatte (Kinder bis sechs Jahre zahlen nichts an den Liften, Kinder bis 15 nur die Hälfte). Wenn man das Ganze noch mit Folklore anreichert, ist das Image abgerundet: Wirnsperger beschreibt anschaulich die Gebärfreudigkeit, für die sein Tal bekannt ist. "Aktueller Rekordhalter ist der Stockhambauer hinten im Talschluss: Er hat 15 Kinder", erzählt Wirnsperger. Rekordhalter sei "der Zandlbauer" gewesen - mit 25 Nachkommen.

Seit einigen Jahren ist in der Hauptsaison nun ein Großteil der 4250 Gästebetten in Großarl belegt. Tatsächlich ist die Kinderbetreuung so gut, dass Familienministerin Ursula von der Leyen ihre Mitarbeiter zum Anschauungsunterricht hierher schicken könnte.

Alles auf Kinder ausgelegt

Im Hotel Waldhof zum Beispiel: Sind die Kinder mal skiunwillig, können die Gäste sie durch pädagogische Fachkräfte bespaßen lassen. Von 9 bis 20.30 Uhr. Auf dem Programm steht Vergnügliches wie Kekshausbasteln. Am Abend ist ein Kinderbüfett angerichtet mit altersgemäßer Nahrung. Wenn Schnitzel, Pommes, Hamburger nach zirka sieben Minuten komplett vertilgt sind, die Eltern aber gerade erst den Suppenlöffel angehoben haben, passt es gut, dass der Nachwuchs noch mal schnell in den Spielkeller abhauen kann. Und falls das eigene Kind mal einen Schreianfall bekommt, müssen die Eltern keinen zornes- und peinlichkeitsroten Kopf bekommen, denn: Andere Kinder schreien auch. Renitenz-Erduldung ist im Kinderhotel im Preis inbegriffen. Es macht einem Kind schließlich viel mehr Spaß, den Speisesaal als Bühne für seine Tobsucht zu nutzen. Überall stoisch weiterlöffelnde Eltern - ist das nicht herrlich?

Zum Kinderurlaub gehört auch, dass man sich nicht stört an der Babysprache, die hier gepflegt wird. Auf dem Frühstückstisch liegt jeden Morgen die "Zwergenpost", die verkündet, was der Tag bringen wird; der hoteleigene Skibus heißt Tuffi-Express, und das Maskottchen, das aus Holz geschnitzt vor dem Eingang Platz genommen hat, trägt den Namen Wurzl.

Im Tuffi-Express herrscht morgens noch träumerische Ruhe. Auch in der Kabinenbahn: große Kinderaugen. Schweigen. Vorfreude? Oder: blanke Angst? Wer hat eigentlich gesagt, dass Vierjährige schon Skifahren lernen sollen? Was haben wir doch gelästert über die Eltern im Kindergarten, die wollten, dass ihre Kleinen in Physik unterrichtet werden. Nichts fanden wir lächerlicher als Väter, die zu Hause mit ihren Kindern Englisch reden. Um sie aufs Leben vorzubereiten. Aber was machen wir hier eigentlich? "Es ist wohl die Furcht, dass bald kein Schnee mehr in den Alpen liegen wird", sagte ein Vater am Tag zuvor in der Skischule. "Da wollen wir keinen Winter verschenken!"

Nach drei Tagen Pizzastückformen auf dem Übungshang im Tal geht es zum ersten Mal auf den Berg. Oben: Schneetreiben. treiben. Wo inmitten des Flockeninfernos wartet der Skilehrer? Da: knallrote Jacke, knallrote Hose, knallrote Mütze. Dimi ist sein Name. Er übernimmt die Bergschicht. Dimi ist Bulgare. Saisonarbeiter: sommers Tennis, winters Ski.

Schnelles Lernen

Jedem Kleinkind, das auf einen kalten, windigen Berg geschickt wird, ist ein Skilehrer wie Dimi zu wünschen. Er redet nicht viel, rückt die Schneebrille zurecht, schnappt sich eine lange, orangefarbene Stange, an die sich eine kleine Gruppe von Kindern dranhängen soll. Mit ihr schleppt er die Kleinen den Hang hinunter, immer und immer wieder. Im Kinderlift hängen sie sich mit ihren mit dicken Fäustlingen bewehrten Händen an die Stäbe, krallen sich fest, den Blick entschlossen nach oben gerichtet. Kurz vor dem Ausstiegspunkt kommt es stets aufs Neue zu einem Stolpern, die kurzen Bretter geraten über Kreuz. Dimi ist da und hilft. Vor diesem schweigsamen Bulgaren scheinen die Kinder Respekt zu haben, mit jeder Kurve wächst ihnen ein Stück mehr Zutrauen in ihre kurzen Beine.

Am Mittag dann der große Moment: Die Kinder haben den Bogen raus, brauchen keine Stange mehr. Sie kleben an Dimi wie kleine Enten an ihrer Mutter. Jede Bewegung wird nachgemacht: in die Knie, Ski öffnen, zur Spitze formen, Hand auf den Oberschenkel, belasten - und: rum! "Mama, Papa, ich bin eben den Erwachsenen-Hügel gefahren", sind die ersten Worte beim Essen auf der Hütte. Großes Elternherzklopfen - vor Freude. Was für ein wunderbares Skigebiet doch dieses Großarl zu bieten hat!

Später am Tag sehen wir den Pistenschleifer wieder, leicht zu erkennen an der signalgelben Jacke. Hinter ihm sein Sohn. Er weint nicht mehr. Er fährt.

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