Tag 3, Setesdal Rendezvous mit dem Elch


Was wäre ein Skandinavien-Urlaub ohne die Begegnung mit einem Elch? Doch leider ist dem, der den "König der Wälder" sucht, meist kein solches Glück beschieden.

Das Schild verspricht die Erfüllung aller Skandinavien-Klischees: Auf der Straße von Kristiansand hoch hinauf in das Setesdal wird vor Elchen gewarnt. Der Traum eines jeden Norwegen-Touristen ist der Albtraum von Autofahrern. Wer einen der schwergewichtigen und mächtigen Tiere jemals live gesehen hat, weiß warum: Ein Elch macht jeden Kleinwagen platt.Für mich verspricht der Warnhinweis ein Abenteuer mehr. Geschützt im 3,5 Tonnen schweren Wohnmobil heißt es ab sofort: Auf Elch-Suche bleiben. Schließlich steht mir eine lange Fahrt bevor. Von Kristiansand soll es über das Setesdal und die Hochebene Hardangervidda bis nach Kinsarvik am Hardangerfjord gehen. Eine Tagestour und eine Route durch eine idyllische Mittelgebirgs- und Seenlandschaft im Süden und eine raue, tundraartige Hochebene im Norden. Die Strecke ist in den letzten Jahren zur wichtigsten Nord-Süd-Verbindung von der Südküste nach Bergen geworden.Das Setesdal zählt zu den ursprünglichsten Tälern Norwegens. Glattgeschliffene Felsen im Trollformat und finstere Wälder bestimmen nach wie vor das Landschaftsbild. Da die Gegend bis zur Hälfte des 20. Jahrhunderts schlecht erreichbar war, konnten viele Gehöfte und mit ihnen alte Traditionen die Zeiten überdauern. Heute ist das Tal übersät mit Ferienhäusern, den so genannten Hytter. Hier verbringen die Norweger mit Vorliebe die Sommermonate. Über 400.000 der meist kleinen Holzhäuser bedecken das ganze Land. Die Hütte ist ein Zufluchtsort vor der Zivilisation. Die ist hier oben zwar ohnehin schon weit, doch der Norweger an sich hat eine andere Vorstellung von Ruhe und Einsamkeit als Touristen aus dem dicht besiedelten Deutschland. Der nächste Nachbar sollte außer Sicht-, zumindest aber außer Rufweite sein. Jetzt im September sind die meisten Hytter verwaist. Nur selten qualmt Rauch aus einem der Kamine.

Evje

Kurz hinter Evje gibt es neue Hinweise auf den Elch. Im Freizeitcenter „Troll-Mountain“ wird neben Kajak-Touren, Rafting-Abfahrten und Mountainbiking auch eine Elchsafari angeboten. "Wir garantieren Ihnen, dass Sie Tiere zu sehen bekommen", verspricht der Werbeprospekt. Für mich Grund genug, einen Zwischenstopp einzulegen. Doch ich werde schnell enttäuscht. "Elchsafaris gibt es nur am Abend", klärt mich Bobo auf, der hier seit dem Frühjahr Rafting-Touren begleitet und eigentlich aus Schweden kommt. Doch auf meiner Suche nach dem Elch kann er mir nicht weiterhelfen. Leider sei dem, der den Elch suche, vor allem im futterreichen Sommer, nur wenig Glück beschieden, meint Bobo. Viele müssten fünfmal nach Norwegen fahren, um das erste Exemplar zu Gesicht zu bekommen. Stattdessen empfiehlt er mir einen Elch-Burger in einem der umliegenden Restaurants zu probieren.

Hardangervidda

Eine Stunde später und rund 70 Kilometer weiter schwindet meine Hoffnung auf eine Begegnung mit dem Elch. Ich befinde mich bereits oberhalb der Baumgrenze und unweit von Europas größtem Hochgebirgsplateau, der Hardangervidda. Entstanden ist die Rumpffläche vor ca. 600 Millionen Jahren. Das Meer glättete und schliff die Oberfläche. Sedimente lagerten sich ab. Vor ca. 10.000 Jahren war das Gebiet vom Eis der letzten Eiszeit überdeckt, einzelne Baumstände zeugen von einstigen Wäldern. Gespenstisch legt sich Nebel über die Landschaft. Plötzliche Wetterumschwünge sind keine Seltenheit. Empfindlich kalt ist es geworden, die Temperaturen liegen fast an der Frostgrenze. Im Winter kann das Thermometer auf unter Minus 40 Grad fallen. Nicht umsonst testen viele norwegische Polarreisende ihre Ausrüstung in einigen Teilen der Vidda. Im Sommer bevölkern Wanderer die Gegend. Mehrere Tage kann man unterwegs sein und wird trotzdem kaum einen Menschen treffen. 35 zum Teil bewirtschaftete Hütten stehen für die Übernachtung bereit.

Odda

Etwa 30 Kilometer vor der Industriestadt Odda wird das Klima wieder milder. Ich verlasse die Region der Tiefebene und nähere mich dem Hardangerfjord. Nicht die Aussicht auf einen Elch, sondern ein einmaliges Naturschauspiel veranlasst mich unterwegs zum Stopp. Der Latefossen, ein 165 Meter hoher Zwillingswasserfall rauscht direkt an der Straße wild schäumend den Berg herunter. Am rechten Rand kann man, am Wasser entlang, empor wandern. Odda selbst lädt nicht unbedingt zum Verweilen ein. Noch bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts war der Ort ein beliebtes Touristenziel, was angesichts der reizvollen Lage am Ende des Sorfjordes nicht verwundert. Doch 1906 entschied man sich für die Nutzung der Wasserkraft und den Bau von Fabriken, was das Ortsbild entscheidend veränderte. Es dominieren Industriebauten.In der Dämmerung erreiche ich endlich Kinsarvik. Vom herrlichen Blick auf den Fjord bekomme ich nicht mehr viel zu sehen, geschweige denn von einem Elch. Der wartet wohl in einem der nächsten Wälder auf mich.

Jens Maier

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