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Besorgniserregende Bilder aus Bulgarien Am Ballermann ist die Musik aus, am Goldstrand ist Party – ohne Abstand oder Maske

DJ am Goldstrand vor der Coronavirus-Pandemie
Ein DJ heizt der Menge in einer Disco am bulgarischen Goldstrand ein – diese Aufnahme entstand jedoch vor der Coronavirus-Pandemie
© Thomas Schulze / Dumont Bildarchiv / Picture Alliance
Die Behörden haben den Kneipen, Bars und Discos am Ballermann auf Mallorca den Stecker gezogen. 2000 Kilometer östlich geht die Party auch für deutsche Touristen unbeirrt weiter: am Goldstrand in Bulgarien. Oft ohne Masken und ohne Abstand. Droht ein neues Ischgl?

Auf der Deutschen liebsten Partyinsel ist Ruhe eingekehrt. Nachdem in den Feierhotspots Mallorcas mehrere Tage und Nächte hintereinander dichtes Gedränge herrschte, gesungen und getanzt wurde, haben die Behörden der Insel die Lokale in Schinkenstraße und Co. am Ballermann kurzerhand wieder geschlossen. Zu hoch erschien der Regierung angesichts der Bilder die Gefahr, dass sich auf der Baleareninsel das Coronavirus schnell verbreiten könnte.

Die Party am Ballermann ist damit vorerst vorbei – rund 2000 Kilometer weiter östlich geht sie aber trotz Pandemie offenbar ungehindert weiter: Am bulgarischen Goldstrand, dem "Ballermann des Schwarzen Meeres", feiern die Touristen mehreren Medien zufolge als gäbe es kein Covid-19.

Volle Discos am Goldstrand in Bulgarien

Wie RTL berichtet, finden in den Diskotheken an der Schwarzmeerküste weiterhin Partys statt, Menschen singen und tanzen eng zusammen – Maske tragen die wenigsten, Abstand zwischen den Feiernden Fehlanzeige. Und genau das zieht offenbar die Urlauber an: "Im Vergleich zum Ballermann sind hier noch mehr Dinge erlaubt", sagt einer der Goldstrand-Touristen den Reportern.

Die Vorsichtsmaßnahmen in den Clubs seien marginal: Gastronomen müssten zwar die maximale Personenzahl begrenzen und forderten mit Hinweisschildern die Urlauber zum Abstandhalten auf – eine Maske sei jedoch nicht verpflichtend.

Ein Vertreter der Tourismuskammer in Varna sieht die Verantwortung auch bei den Gästen: "Wie sollte man denn die Emotionen so einer Menge kontrollieren?", fragt er. "Wenn die Leute Songs hören, wollen sie halt tanzen. Das Problem ist, dass sie betrunken sind und ihnen alles egal ist."

Auch das ARD-Magazin "Kontraste" zeigt ähnliche Bilder einer Schaumparty am Goldstrand, immerhin im Freien. Am Eingang werde die Temperatur der Feiernden gemessen, die Feierwütigen erhielten Mund-Nasen-Schutztücher – doch spätestens auf der Tanzfläche und nach einigen Drinks scheinen alle Vorsichtsmaßnahmen vergessen. Die Urlauber tummeln sich dicht an dicht. "Es gibt für mich auf jeden Fall ein Recht auf Party", gibt eine deutschsprachige Barfrau unumwunden zu. "Man sollte weiterhin unter Leute gehen, man sollte weiterhin das Leben genießen."

Es ist offenbar eine problematische Mischung aus unbedarften und unvorsichtigen Touristen, aus Coronaleugnung bei den Geschäftsleuten, die vom Tourismus leben, und aus Alibi-Vorsichtsmaßnahmen, die sich am bulgarischen Goldstrand zusammenbraut.

Und die Regierung des osteuropäischen Landes? Die steht der Pandemie anscheinend fast gleichgültig gegenüber. Unter Berufung auf bulgarische Behörden informiert das Auswärtige Amt über die Maßnahmen. "Es gilt ein Betretungsverbot von Lebensmittelgeschäften und Apotheken für Personen unter 60 Jahren täglich zwischen 8.30 Uhr und 10.30 Uhr. Ansonsten gibt es keine Bewegungsbeschränkungen im Land", heißt es in den Reise- und Sicherheitshinweisen. Und: "Es besteht unter anderem Maskenpflicht bei der Nutzung des öffentlichen Personennahverkehrs, in Apotheken und anderen geschlossenen öffentlichen Räumen." Doch in der Gastronomie gilt diese Pflicht laut bulgarischem Tourismusministerium nicht: "Persönliche Schutzausrüstung ist nur für das Personal obligatorisch."

Goldstrand als neuer Coronavirus-Hotspot?

Wird der Goldstrand so zum neuen Ischgl? Virologen sagen übereinstimmend, dass nur ein Superspreader-Event wieder dazu führen kann, dass sich das Coronavirus nach der Rückkehr der Urlauber schnell in den Heimatländern ausbreitet. Unter anderem forderte zuletzt der Epidemiologe und SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach im Berliner "Tagesspiegel" kostenlose Corona-Tests für Urlaubsrückkehrer, um zumindest hierzulande das Risiko einer neuen rasanten Virusausbreitung zu verringern.

Eine Quarantäne ist zurzeit nur für Reisende aus Risikogebieten vorgesehen. Bulgarien befindet sich (noch) nicht auf der entsprechenden Liste des Robert-Koch-Instituts. Allerdings stieg die Zahl der Coronavirus-Infektionen in dem Land zuletzt sehr stark an. Inzwischen sind laut Johns-Universität 8442 Menschen positiv auf das Coronavirus getestet worden (rund 121 Fälle auf 100.000 Einwohner; im Vergleich: Deutschland hat etwa doppelt so viele Fälle auf 100.000 Einwohner). Allerdings hat sich Zahl der Fälle in Bulgarien binnen eines Monats mehr als verdoppelt. Die Infektionskurve des Landes steigt so stark an wie von keinem anderen EU-Staat.

Der Tourismus ist an der bulgarischen Schwarzmeerküste die Haupteinnahmequelle, Orte wie Slatni pjasazi am Goldstrand leben nahezu ausschließlich von Urlaubern – in diesem Jahr kommt Medienberichten zufolge nur die Hälfte an Touristen dorthin, mit entsprechenden wirtschaftlichen Einbußen zur Folge.

Die Clubs und Discos am Goldstrand geben sich wenig Mühe, das enge Treiben zu verhindern oder zu verbergen. In den sozialen Medien werben sie mit Videos und Fotos der vollen Tanzflächen für ihre Events. "Leute ihr wart sensationell! Ein Hoch auf unsere Partyurlauber!" oder "Danke euch, für den super Abend gestern ... nicht mehr lange, und wir legen wieder los!", schreiben zwei Veranstalter.

In einem weiteren Facebook-Post einer Disco heißt es: "Auch wir tun nix, ohne Sicherheitsauflagen!" – mit einem Kommafehler, in dem offenbar auch ein Funken Wahrheit steckt.

Quellen: ARD-"Kontraste", RTL, Auswärtiges Amt, Tourismusministerium Bulgarien, Robert-Koch-Institut (1), Robert-Koch-Institut (2), Johns-Hopkins-Universität, Nachrichtenagentur DPA


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