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Ukraine: Der Mix macht's

Die Kulturen und Völker, die im ukrainischen Lwiw, einst Lemberg, ihre Spuren hinterließen, zeigen: Multikulti ist ein wunderbarer alter Hut.

Von Wolf Thieme

Mit meinem Freund Jurko Prochasko sitze ich im Café, aber in welcher Stadt? Es könnte Krakau sein, Laibach, Graz, ist aber Lwiw, ehemals Lemberg. So wie hier sah die k. u. k. Monarchie überall aus, als sie noch visafrei von Galizien bis in die Toskana reichte. "Überall trugen die Gendarmen den gleichen Federhut", schrieb Joseph Roth über das Imperium seines backenbärtigen Kaisers Franz Joseph, "É gab es die gleichen Kaffeehäuser mit den verrauchten Wölbungen, den dunklen Nischen, in denen Schachspieler wie merkwürdige Vögel hockten." In seinen Büchern malt Roth eine Welt, die vor fast 100 Jahren mit dem Untergang der Donaumonarchie verschwand und der heute wieder Besucher nachspüren, als sei es das versunkene Atlantis. Czernowitz, Tarnopol, Lemberg - wie das klingt! Klein-Wien in Osteuropa. Bilder vom jüdischen Stetl tauchen auf, von trägen Dörfern und dem Summen des Sommers.

Galizien und die Hauptstadt Lemberg in der heutigen Ukraine leben vom Mythos der Erinnerung. Völkermischmasch unter dem Doppeladler, Ukrainer - damals noch Ruthenen -, Polen, Österreicher, Russen, Juden, Deutsche. Mit- und Nebeneinander in Schulen, auf Märkten und in den Kirchen. Habsburgs Kronland, arm am Beutel, reich an Kultur.

Von Lembergs Schlossberg breitet sich die Metropole mit ihren heute 830 000 Einwohnern aus, auf den Hügeln ringsum die modernen Trabantenstädte, ins Tal geduckt die alten Gassen. Unesco-Weltkulturerbe mit ihrem Reichtum an Kirchtürmen und -kuppeln. Man betet ukrainisch- oder russisch-orthodox, jüdisch, armenisch, protestantisch, griechisch- und römisch-katholisch.

Platz für alle.

Roth war Jude aus dem nahen Brody, Österreicher der Schriftsteller Leopold von Sacher-Masoch, der uns den Masochismus hinterließ und dessen Vater in Lemberg als Polizeipräsident residierte. Sein Landsmann, der k. u. k. Spion Oberst Redl, wurde ebenso in Lemberg geboren wie der polnische Dichter Stanislaw Lem. Der galizische Kosmos, ein Panoptikum.

"Das alte Lemberg", sagt der ukrainische Dichter Juri Andruchowytsch, "existiert irgendwo im Unerreichbaren, von der heutigen Stadt getrennt durch einen unüberwindlichen Abgrund, dessen Name Traum ist." Die verklärte Vergangenheit wird sichtbar durch eine reiche großbürgerliche Architektur, die, anders als die Menschen, den Krieg unversehrt überstanden hat und nach Jahrzehnten sozialistischer Planwirtschaft das ausstrahlt, was man den Charme des Brüchigen nennen könnte.

Wir flanieren über den Korso, der heute Prospekt Swobody heißt, Boulevard der Freiheit, davor Lenin- und Adolf-Hitler-Straße oder Legionowa, Straße der (polnischen) Legionen. Einst dominierten hier die blauen Blusen und die schwarzen Salonhosen der k. u. k. Infanterie, dann wechselten die Uniformen, vom polnischen Adler zur SS-Rune und zum Roten Stern. Heute promenieren auf dem Boulevard die Studenten der großen Uni, Mädchen mit viel Schminke um die grünen Augen, junge Männer in schwarzen Lederjacken, garniert von blinden Straßensängern und Brettspielern, die auf Kunden warten.

Am Ende des Korsos

leuchtet Lembergs Wahrzeichen, die Oper, draußen Neorenaissance, drinnen derart überladener Bombast, dass sich der Architekt Zygmunt Gorgolewski 1903 angesichts der massiven Kritik im Foyer erschoss. Hinter dem Prachtbau der Markt, über den schon Alfred Döblin spazierte. Immer noch die Mütterchen mit Blumen und Gemüsekörben, aber kontaminierter Boden. Hier war das jüdische Viertel, später das Ghetto. Mehr als 100 000 Juden lebten in Lemberg, bis 1941 ein Drittel der Stadtbevölkerung.

Boris Dorfman, Jahrgang 1923, gehört zu den wenigen, die das Gemetzel der Nazis überlebten, weil ihn die Sowjets bei ihrem Rückzug 1941 ins ferne Kasachstan deportierten. Er zeigt mir die Mauerreste der Synagoge Goldene Rose, das ehemalige Hospital, das renovierte Kaufhaus Magnus, einen Ausstellungskatalog mit alten Fotos, jüdische Händler, spielende Kinder, Musikanten. Erbärmliche Armut, das reiche Lemberg, einst KleinParis genannt, war anderswo. Dorfman führt deutsche Reisegruppen zu den zahlreichen jüdischen Stätten, "ich vornweg mit zerbrochenem Herzen". Hier, in der einst überfüllten Rappoporta- und Shpytalnastraße, kommt es mir vor, als habe die Stadt ihre Seele verloren.

Verschwunden die Juden, 1945 fast alle Polen vertrieben in die deutschen Ostgebiete, geblieben sind Russen und Weißrussen als größte Minderheit in der 14 Jahre jungen Ukraine. Nur unter den pittoresken Statuen des Lyczakiwskyj-Friedhofs liegt die einst multikulturelle Gesellschaft friedlich beisammen, Kaminski neben Geschöpf, Kruszelnicka neben Schrimpf. Sehnsuchtstouristen aus Polen fahren in funkelnd neuen Bussen vor und erinnern die Ukrainer schmerzhaft daran, dass der Nachbar im Westen den Sprung in EU und Wohlstand gerade noch geschafft hat.

Lyczakiw hiess mal Lützenhof.

Hinter vermeintlich slawischen Namen wie Winniki, Gilarowa, Kamien verbergen sich Weinbergen, Gillershof und Steinau, verbirgt sich die Geschichte der mehr als 50 000 Galiziendeutschen, Einwanderer aus Böhmen und der Pfalz, die im 18. Jahrhundert ins Land kamen. Heute sind sie noch rund 300, darunter auch viele zugewanderte Wolgadeutsche. Es gibt ein Deutsches Heim, eine Deutsche Gesellschaft, ein Jugendzentrum, und, wie es sich für eine Minderheit gehört, man ist zerstritten.

Kaffeetafel in der evangelischen Gemeinde von Lemberg. Man spricht deutsch. Ich trinke Messwein und lausche Helena Modritzky, 79. Geboren im polnischen Lwów, überlebt im russischen Lwów, heimgeholt ins Deutsche Reich bei Beginn des Zweiten Weltkrieges, zurückgeholt als Russin aus dem eroberten Deutschland, hat sie bis heute durchgehalten, irgendwie. Trotzdem fröhliche Stimmung im kleinen Gemeindehaus, das früher Konsulat von Österreich war. Zu wenige Gläubige für die große Kirche in der Zelenastraße, die sie an die Baptisten vermietet haben.

"Die meisten sind ausgereist", sagt Helenas Sohn Yurij. Wer heute in der Ukraine lebt, ist froh über die Unabhängigkeit des Landes. Als die Sowjets, 1939 Hitlers Bundesgenossen, in Ostpolen einfielen, verschwanden Tausende Ukrainer, Polen und Galiziendeutsche. Das Gefängnis in der Horodotskastraße ist noch heute ein Gruseldenkmal. "Hut und Regenschirm genügten, damit jemand als bürgerlich dekadent verhaftet werden konnte", sagt Yurij, der in ein Wort fasst, was neu ist im Nationalstaat: "Freiheit."

Die Apokalypse zweier Weltkriege lässt die Zeit der k. u. k. Monarchie als friedlich und stabil erscheinen. "Das war eine Zivilisation, in der Denkart und Lebensstil gleich waren", sagt Jurko Prochasko, "eine Vergangenheit, die uns niemand nehmen kann."

Wir sind im Kulturzentrum Dzyga, beliebter Treffpunkt, wo jeder jeden kennt und sich schnell Runden finden, die dann bei georgischem Wein beieinander sitzen. Hier in der Armenischen Straße und am Rynok, dem Ringplatz, sind die Wunden der Zeit verheilt. Ein Land will auf die Beine kommen, trotz der Oligarchen, die noch immer Medien und öffentliche Meinung beherrschen, der Korruption, der Armut - ein Fünftel der Einwohner lebt unter dem Existenzminimum. Dass in der Ukraine schon zwölf Maybachs fahren und ein Polizeigeneral im Groß-VW Phaeton, gibt Anlass zu Witzeleien auch bei denen, die von weniger als umgerechnet 100 Euro im Monat leben müssen.

Bildungsbürger aus "Germaschka" (Spottname für Deutschland) und irische oder japanische Osteuropa-Globetrotter staunen über den Barock der St.-Georg-Kathedrale, die Ikonentafel in der Paraskewa-Kirche, die Mosaiken in der Kuppel der Armenischen Kathedrale. Noch fahren mehr Gruppen als Einzelreisende nach Galizien. Das liegt an den Straßenschildern mit kyrillischen Buchstaben und dem oft robusten Charme in den Hotels. Die Kriminalität? "Nicht mehr als in einer sizilianischen Kleinstadt", hat Thomas Reck vom Berliner Reiseveranstalter Ex Oriente Lux ausgemacht, und mein Freund Jurko Prochasko sieht es mit Ironie: "Wir sind keine Hinterwäldler. Auch bei uns wird gestohlen."

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