Ferien Die Katastrophe, die Urlaub heißt

Stress im Gepäck: Während des Urlaubes kracht es besonders häufig bei Pärchen und Familien. Geplagte erhalten jetzt Hilfe vom Autoklub, der spezielle Psychiater stellt.
Von Albert Eikenaar

Das Essen ist zu kalt, der Strand zu voll, das Hotel zu langweilig, das Zimmer zu klein, das Wetter zu heiß. Es gibt jede Menge Gründe für einen Menschen, sich am Urlaub zu ärgern und dabei psychisch total aus dem Ruder zu springen. Millionen fahren und fliegen in den kommenden Wochen in die Ferien, an die Costa’s, in die Alpen, nach Rom oder New York, Norwegen oder die Türkei. Der Eine sucht die „all inclusive”-Turbulenz von Mallarca, der Andere die gemütliche, gutbürgerliche Ruhe des Schwarzwaldes.

Wie oder wohin auch immer: der Urlaub soll Spaß und Entspannung bringen, vielleicht sogar ein organisiertes Abenteurer, in jedem Fall einen vorübergehenden Bruch mit dem Druck des beruflichen Alltags. Tausende sind jedoch nicht imstande, die Urlaubszeit richtig zu genießen. Sie bleiben gefangen im Stress, nörgeln, motzen, regen sich über jede Kleinigkeit auf und belasten ihren Partner, die Kinder oder andere Mitreisende. Manchmal fliegen die Fetzen. In den Ferien, so haben niederländische Soziologen festgestellt, gehen die meisten Ehen in die Brüche, wenn Mann und Frau z.B. in einem winzigen Hotelzimmer an einer vollen Küste 14 Tage lang eng aufeinander hocken und kaum noch vernünftigen Gesprächsstoff haben.

Unkontrollierbare Spannungen bauen sich auf

Einer solchen Situation kann man sich kaum entziehen. „Dann gibt es keinen Fluchtweg”, so der niederländische Psychologe Hans Renders. „Zuhause flieht der eine oder andere ins Stammlokal. Am nächsten Morgen ist dann alles wieder normal. Im Urlaub kann man den Partner aber nicht so einfach im Stich lassen. Weil man wohl oder übel zueinander verdonnert ist, bauen sich unkontrollierbare Spannungen auf”.

„Finde ich meine Frau noch so sexy wie früher?”, fragt sich der Ehemann, der täglich am Strand blendend schöne Mädels vorbei-spazieren sieht. Seine Frau schaut auf seinen satten Bierbauch und denkt, wie spießig er geworden sei. Solche dünnhäutigen Partner geraten in so einer Negativstimmung hemmungslos aneinander, wenn in ihren Augen etwas irritierendes gesagt oder getan wird. „Du Drecksau”, „Du Mistkerl”. Danach kann von entspannenden Ferien keine Rede mehr sein.

Renders stellt fest, dass viele Ehepaare, die in einer Krise stecken, falsch beraten sind, wenn ein Hilfeleistender oder Hausarzt sie an-spornt, mal gemeinsam richtig locker auszuspannen, in einem anderen Ambiente, einer anderen Kultur. „Diese Ratschläge bewirken eher das Gegenteil. Man fühlt sich so weit von Haus und Herd nicht wohl. Der nächste Streit ist vorprogrammiert, ein neues Drama beginnt, bei dem die Eheringe an die Wand klirren”. Niederländische Reiseversicherer und Krankenkassen sowie der Automobilklub ANWB (ADAC) beschäftigen spezielle Psychiater, die Urlaubern mit geistiger Panne helfen.

Kriselnde Partnerschaften als Risiko

Eventuell werden sie nach Hause begleitet, wenn sie Pflege der Seele brauchen. Mancher gerät in solchen akuten Notzustand, dass die Aufnahme in einer Klinik unbedingt erforderlich ist. Seelische Not gibt es bei 3% aller Auslandsreisenden, laut Statistiken. Aber Renders glaubt, dass in Wirklichkeit die Zahl der Problemtouristen viel höher liegt. „Nicht jeder ruft seine Assekuranz an, um geistigen Beistand zu erbitten”.

Nicht nur kriselnde Partnerschaften gelten als Risikofaktor. Gefährdet sind auch Alleinstehende, die sich einsam fühlen. Sie entwickeln im Urlaub ein Verhalten, das man als „merkwürdig” beschreiben kann. Sie hungern nach Aufmerksamkeit, benehmen sich auffallend, belästigen Fremde. Eine dritte Kategorie bilden Jungen und Mädchen in der Pubertät. „Lange vor den Ferien sehen sie sich klammheimlich nach tollem Sex. Doch das klappt dann nicht so richtig”, erklärt Hans Renders. „Viele reagieren wütend, finden sich Versager. Das kann dann bis hin zu Selbstmordversuchen führen. Die Zahl wächst jedes Jahr”.

Kabüffchen statt Luxusappartement

Wieso der Urlaub zu Torheit, Panik, Agressivität, Agitation, geistigem Zusammenbruch bei augenscheinlich normalen Bürgern führt ist unbekannt. Dick Mondeel, Mitarbeiter einer Firma, die Menschen in Not aus den Urlaubsländern nach Holland zurück fliegt, meint, dass viel Elend damit zusammenhängt, dass der alltägliche Lebensrhythmus und das Fehlen der trauten eigenen Umgebung gestört ist. „Es ist für Viele nicht einfach, die Nabelschnur mit den eigenen vier Wänden zu trennen”.

Am Ferienort sieht alles ganz anders aus. Nichts ist wie Zuhause. Man versteht die Sprache nicht, das Bier schmeckt anders. Das angebliche Luxusappartement ist nur ein Kabüffchen. Kurzum: man ist unglücklich. Wenn’s dabei bliebe, würde der geistige Schaden begrenzt bleiben. Oft jedoch führt der innere Unfriede zum Dampf ablassen beim Partner. Dann kracht es und läßt sich der schöne Urlaub am weißen Palmenstrand nicht mehr retten. Wer so eine schmerzliche Erfahrung gemacht hat, kann sich seit einigen Monaten von einer Spezialagentur beraten lassen, von einem Angstbehandlungszentrum in Nijmegen.

Dieses Institut bereitet Urlauber auf die Folgen vor, die entstehen können, wenn man sein trautes Heim für längere Zeit verläßt. „Nimm Dir Zeit zum Abschied von allen möglichen Menschen wie Kollegen, Angehörigen. Informieren Sie sich über das Leben am Urlaubsort. Diese Vorfreude gibt eine gewisse Basissicherheit. Es beugt unangenehmem Missgeschick vor”, so Angstspezialist Jan van den Berg. „Wer sich vorab mit den örtlichen Gegebenheiten auseinandersetzt , hat weniger Schwierigkeiten, sich an Sitten und Gebräuche anzupassen und damit weniger Grund zu mäkeln und zu meckern. Statt einer Katastrophe wird Urlaub zum Vergnügen”.


Mehr zum Thema



Newsticker