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Argentinien: Anden statt Asphalt

Dirk von Zitzewitz hat es vorgemacht: Stimmt die PS-Zahl, kann man die Anden rasant erklimmen. Im Gegensatz zu den Fahrern der Rallye Dakar haben Touristen im Geländewagen jedoch genügend Zeit Salzseen, Vulkane und den schwarzen Sand der Hochebene zu genießen.

Von Helge Bendl

Manches muss man erst erlebt haben, um später davon träumen zu können. Hoch über einem steht als glühender Kristall die Sonne, unter einem hat sich der Schlamm des ausgetrockneten Sees zu weißen Schollen geformt. Das Salz der Anden auf den Lippen steht man inmitten dieses scheinbar endlosen Salars, allein mit sich und der Welt.

Bis aus dem Nichts dunkle Punkte auf einen zufliegen, sich in graue Geländewagen verwandeln, aufgefächert vorbeibrausen, sich in vielen Kilometern Entfernung zu einer Kolonne wiedervereinigen, langsam zurückkommen. Zwischen ihnen strampelt nun ein Radfahrer, sein Gefährt voll bepackt, auf dem viele tausend Kilometer langen Weg nach Feuerland. Keine Fata Morgana – doch manchmal erscheinen die Anden und das, was man tief in ihrem Inneren erlebt, wie eine Landschaft von einem anderen Stern. Und es berührt, sie einmal erleben zu können.

Was nicht heißt, dass es immer angenehm ist. Schon im Schlafsack war es nicht gerade warm. Aber draußen schlägt einem die Kälte ins Gesicht, so trocken, dass man husten muss. Minus 20 Grad vielleicht, dazu der Wind. Im Dunkeln brummen sich die kantigen Defender warm, die runden Scheinwerfer noch getrübt vom Staub des gestrigen Tages. Die Wagen, vor 60 Jahren von Land Rover erfunden und seither zwar modernisiert, aber optisch nur behutsam verändert, scheinen für diese Art Szenerie wie geschaffen, konstruiert für die freie Wildbahn, für Stock und Stein, Eis und Schnee, Berg und Tal. Sie dürften sich hier wohler fühlen als im Großstadtdschungel mit Ampeln, Stopp-Schildern und Einbahnstraßen. Autos, die ächzen dürfen und aufheulen, es durch ausgetrocknete Flussbetten schaffen, steile Hänge hinauf und hinab, die ihre Pferde antreiben, wenn es durchs tiefe Wasser geht, und die auch hunderte von Kilometer auf der Wellblechpiste nicht übel nehmen. Und die Fahrer und Beifahrer, verfroren trotz dreierlei Schichten Kleidung auf der Haut, mit ihrer Sitzheizung in die Lage versetzen, am frühen Morgen zu starten.

Reifenspuren statt asphaltierter Straßen

Die Anden machen es einem nicht einfach. Selbst Argentinier und Chilenen kennen sie kaum - zu schwierig ist die Anreise, wenn man die wenigen asphaltierten Pässen verlassen will. Kompliziert ist es, sich auf eigene Faust fortzubewegen, weil auf den wenigen Karten, die man kaufen kann, oft Straßen eingezeichnet sind. Aber nur noch ein paar verblasste Reifenspuren beweisen, dass hier tatsächlich einmal Menschen gefahren sind. Weil man sich um die Treibstoffversorgung kümmern muss an einem der einsamsten Flecken der Erde, dem 4000 Meter hohen und von noch gewaltigeren Bergen umgebenen Altiplano, wo es ein paar Minen und Guanako-Züchter und sonst oft nur das große Nichts gibt. Doch wer den Höhenflug auf Rädern in Eigenregie wagt und den Asphalt verlässt, wird für jede Mühe vielfach belohnt.

So wie an jenem Morgen am Socompa-Pass. An dem Grenzort zwischen Argentinien und Chile erinnern ein paar verrostete Gleise an den „Tren a las Nubes“, jene „Eisenbahn in die Wolken“, die hier einmal Güter aus den Anden quer durch die Atacama-Wüste zum Pazifik transportierte. Das ist lange her - heute haben die Zöllner manchmal wochenlang keinen Besuch. Umso mehr freuen sie sich, ihren Mate-Tee mit Gästen aus Deutschland teilen zu können, und sei es um fünf Uhr früh. Pässe sind gestempelt, Adressen ausgetauscht, und einer der Fahrer, ein deutscher Polizist, tauscht strahlend Abzeichen mit den Kollegen. Zeit zum Aufbruch, mahnt der Chef, und bald tanzt eine Kolonne Scheinwerfer über die staubige Piste. Per Funk warnt das erste Fahrzeug seine Truppe vor großen Steinen und tiefen Bodenwellen und schickt, wie fast jeden Morgen, als musikalischen Tages-Auftakt den Refrain aus dem Xavier Naidoo-Lied „Dieser Weg wird kein leichter sein“ hinterher. Dann jedoch setzt die Natur ein.

Gestaunt wird still

Die Sonne schickt ihre ersten Strahlen über den schwarzen Sand der Hochebene, vergoldet das vereinzelt in Büscheln wachsende Gras, erleuchtet nach und nach die große einsame Leere. Majestätisch schön, ein Gemälde aus kristallklaren Farben: Oben das Ultramarin des Himmels, am Horizont in schneeweiß der 6739 Meter hohe Llullaillaco, früher Heiligtum und Grabstätte der Inkas, funkelnder Diamant in der Krone der Anden-Vulkane. Zu seinen Füßen, in hellem Grau schimmernd, ein Salzsee.

Der Konvoi muss weiter und hält doch an, Zeit für immerhin einige Minuten des Bewunderns. Ein Motor nach dem anderen verstummt, Türen schließen mit einem dumpfen Plopp, Gelenke knacken, trockene Erde knirscht. Dann bläst nur noch der Wind. Denn gestaunt wird still. Weil Atemluft kostbar ist auf fast 5000 Metern Höhe. Und weil angesichts des Panoramas ohnehin die Worte fehlen.

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