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Bangkok-Blockade: Chaos-Virus infiziert das Ausland

Bangkok ist am siebten Tag im Ausnahmezustand. Jeden Tag wächst die Warteschlange um mindestens 35.000 Reisende, die am Boden bleiben. Mittlerweile breitet sich das thailändische Chaos-Virus auf die Nachbarstaaten aus. Am Himmel über Südostasien herrscht völliges Durcheinander.

Von Michael Lenz, Bangkok

Die drei Belgier sind mit den Nerven am Ende. Beladen mit Urlaubsgepäck irren sie durch Bangkok in der Hoffnung, irgendwo drei Sitzplätze auf einem der als "Rettungsflüge" deklarierten Flugverbindungen von Utapao in Thailand nach Kuala Lumpur ergattern zu können. Die Belgier wollen einfach nur zu ihrem Urlaubsziel Bali. Sie waren schon bei einem Büro ihrer Fluggesellschaft Air Asia, nur um zu hören: "Umbuchungen müssen Sie über unsere Webseite erledigen."

Dann haben die Belgier erfahren, dass das thailändische Fremdenverkehrsamt in den Hotels Schalter für Fluggäste eingerichtet hat. Als sie verschwitzt und müde im JW Marriott Hotel auf der Sukhumwit ankommen, müssen sie die nächste herbe Enttäuschung erleben. "Nein, Sie können hier nicht für ihren Flug einchecken", sagt der Herr an Rezeption mit professioneller Höflichkeit. Aber man merkt ihm an, dass es ihm zunehmend schwer fällt, die Contenance zu bewahren. "Dass man hier einchecken kann, gilt nur für Passagiere von Thai Airways. Die Medien verbreiten Falschinformationen", sagt er mit einem gequälten Lächeln.

Inzwischen wurde der Check-in für Thai-Airways-Passagiere in die BITEC-Messehallen in Bangkok verlegt. Die Schalter seien rund um die Uhr besetzt und die Reisenden müssten mindestens sieben Stunden vor Abflug einchecken, teilte Thai Airways am Montag mit. Die Umbuchung des Tickets aber muss vorher in einem der Stadtbüros der Airline oder telefonisch erfolgen. In der Praxis ist das aber eine Qual: Vor den Büros bilden sich Schlangen, die Callcenter sind völlig überlastet. Dieses Schicksal teilen Thai-Kunden mit Passagieren anderer Airlines. Wer bei einer anderen Fluggesellschaft gebucht hat, muss über deren Homepage herausfinden, wo und wie umgebucht und wo eingecheckt werden kann.

Pro Wartetag 40 Euro Entschädigung

Neuester Gesprächsstoff an den Hotelbars in Bangkok ist die Frage, wie und wo und ob überhaupt man die 2000 Baht Entschädigung pro Tag Zwangsaufenthalt in Thailand bekommt, die die Regierung am Sonntag jedem gestrandeten Touristen versprochen hat. "Das ist bestimmt schon wieder heiße Luft", meint Robert aus Kiel, der mit ein paar Freunden am Busbahnhof Ekamai in Bangkok auf einen Bus nach Pattaya wartet. "Wir sind jetzt auf einen Flug nach Deutschland für Samstag gebucht. Die Zeit bis dahin vertreiben wir uns lieber am Strand als hier in Stadt. Man muss halt das Beste aus dem Zwangsurlaub machen."

So mancher der 300.000 festsitzenden Thailand-Urlauber arrangiert sich mit seinem Schicksal. Frust paart sich mit Verständnis für die logistisch kaum zu meisternde Aufgabe, Hunderttausenden eine Alternative zu ihrem gebuchten Flug zu bieten. Die Busse nach Malaysia oder Züge nach Singapur sind rappellvoll. Wer es ins Ausland schafft, muss seine Fluggesellschaft vor Ort davon überzeugen, ihn mit nach Hause zu nehmen. Zusammen mit den Thailand-Flügen, die umgeleitet werden, pflanzt sich so das Chaos-Virus aus Bangkok auf ausländische Flughäfen fort. Flugpläne geraten ins Rutschen, am Himmel über Südostasien herrscht Durcheinander.

13 Millionen Besucher empfängt Thailand im Jahr. Durch das Politdrama an den Flughäfen wird aber die Besucherzahl um mindestens 40 Prozent einbrechen, befürchtet das Tourismusministerium. Zu den 60 Prozent Thailand-Wiederholern, die sich auch durch Aufruhr und Putschgerüchten nicht schrecken lassen, gehört Gerhard Keller. Der Schweizer ist Sonntagnacht eingetroffen. Der nur zu einem Drittel besetzte Swiss-Flug war nach Singapur umgeleitet worden. Von dort wurden die Passagiere mit einem Charterflug nach Utapao geflogen, einem Militärflughafen 160 Kilometer von Bangkok entfernt. "Diese politischen Schwierigkeiten sind eine Angelegenheit der Thais. Uns Touristen passiert nichts", sagt Keller, der seit vielen Jahren regelmäßig nach Thailand reist. Er will zusammen mit zwei Freunden - einem Schweizer und einem Thai - weiter nach Koh Samui. Zu urlauben, aber auch um das Hotelprojekt voranzubringen, dass sie für die Ferieninsel im Golf von Thailand planen. "Natürlich wird das Hotel gebaut. Thailand hat schon so viele Putsche und Politunruhen überstanden. Es wird sich auch von dieser Krise wieder erholen."

Ein Röntgengerät für 3000 Koffer

Keller zeigt sich von von der Ankunft in Utapao beeindruckt. "Das war alles gut organisiert", sagt er, aber er räumt ein, dass nicht viele Passagiere dort ankommen. Wer von Utapao abfliegen will, braucht gute Nerven und viel Zeit. Der eiligst als Ersatz für Survarnabhumi hergerichtete Militärflughafen ist kaum in der Lage, den Massen von Menschen, Bussen, Autos und Taxen Herr zu werden. Passagiere sitzen unter freiem Himmel auf Plastikbänken oder liegen auf dem Rasen. Glücklich sind jene, die einen Platz im Schatten ergattert haben. Wartezeiten von fünf Stunden bis zum Abflug sind normal.

Utapao hat zwei Eincheckschalter und einen Scanner fürs Gepäck. Das reicht für die Passagiere der beiden Flüge pro Tag, die das ganze Verkehrsaufkommen des Militärflughafens ausmachen. Jetzt sind es mehr als 3000 Menschen bei zwölf Abflügen und 16 Landungen pro Tag - Tendenz steigend. Aber Thais sind geschäftstüchtige Leute. Wo immer sich Menschenansammlungen bilden, sind sofort mobile Garküchen zur Stelle. So ist wenigstens für das leibliche Wohl der wartenden Passagiere gesorgt. Auf Unverständnis aber stößt die Abzocke der Taxifahrer. Für die 40 Kilometer von Pattaya nach Utapao werden mindestens 1000 Baht verlangt. Zum Vergleich: In normalen Zeiten kosten die 130 Kilometer im Taxi von Pattaya nach Bangkok genauso viel.

Keine Ende der Bangkok-Blockade

Ein baldiges Ende der Blockade von Bangkoks internationalem Flughafen Suvarnabhumi ist nicht in Sicht, wie ein Foto auf der Webseite der englischsprachigen Tageszeitung "The Nation" unmissverständlich klarmachte. Es zeigte Bangkoks Polizeichef Suchart Muankaew und Chamlong Srimuang, Anführer der PAD, wie sie miteinander lachen und scherzen. Die beiden hätten sich getroffen, um über die Sicherheit der Demonstranten zu verhandeln, hieß es.

Auch die Armee unternimmt keine Anstalten, die Airports aus der Hand der PAD zu befreien. Die nach Chiang Mai geflüchtete Regierung ist nicht mehr Herr der Lage. Selbst wenn die PAD den Flughafen Suvarnabhumi räumt, wird so schnell kein Flugzeug starten. Flughafenchef Serirat Prasutanond sagte: "Es wird mindestens eine Woche dauern, bis der Flughafen wieder in Betrieb gehen kann."

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