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Botswana: Grenzerfahrungen unter Löwen

In Botswana findet man eines der letzten unberührten Paradiese. Die Natur zeigt sich aber auch von ihrer ursprünglichsten, härtesten Seite. So kann der geplante Safariurlaub in einer Luxuslodge zur persönlichen Herausforderung werden.

Der Jeep kommt zum Stehen. Ein offener Wagen. Zwei Meter von uns entfernt liegt ein Rudel Löwen behäbig in der Mittagssonne. Nur eine Autotür trennt mich von 15 Raubtieren, die hier sogar Elefanten reißen. Das gibt es nur rund um das Okavango-Delta in Botswana, dem größten Inland-Delta der Welt. Die Löwen schauen uns teils neugierig, teils gelangweilt an. Wir - das sind mein Guide und ich. Vor 5 Minuten habe ich erfahren, dass wir keine Waffe dabei haben. Für alle Fälle, dachte ich. Ich werde aber aufgeklärt, dass wir kein Gewehr brauchen, wenn wir uns korrekt verhalten. Beruhigt hat mich das nicht. Deshalb versuche ich erst einmal dem Blick der bernsteinfarbenen Augen auszuweichen. Als was sehen sie mich, schießt es mir durch den Kopf. Lunch?

Das Walkie-Talkie des Fahrers stört blechern und für meinen Geschmack entschieden zu laut die Stille. Meine ängstlichen Blicke versuchen die Reaktion der 15 Katzen in Sekundenschnelle zu erfassen. Mich beschleicht die Gewissheit, dass eine Option zur Flucht gar nicht besteht. Vorsichtig greife ich zur Kamera und mache Fotos. Fange Momente ein, die selbst für meinen Guide eine Premiere bedeuten. Mutter und Sohn herzen und küssen sich, schmusen wie zwei kleine Kätzchen und lecken sich gegenseitig ab. In diesem Moment vergisst man, dass dieselben Löwen einem Gnu bei lebendigem Leib das Filet herausreißen. Der Dieselmotor wird knatternd angelassen, ein Adrenalinschub für mich, keine Reaktion bei den Löwen. So lassen wir dem Rudel seine Siesta. Bevor Sie sich gegen Abend wieder auf die Pirsch machen.

Allein in der Wildnis, fern jeder Zivilisation

Ich muss mir eines immer wieder bewusst machen: 200 Kilometer in alle Himmelsrichtungen ist nichts als pure Wildnis. Die wenigen Camps sind offen, also ohne Zäune angelegt. Die wilden Tiere im Busch haben jederzeit Zugang zum Camp, den sie verstärkt in der Nacht wahrnehmen. Das ist die beste Zeit für die Jagd. Oder die Trockenzeit, wenn außer nahe den wenigen Wasserlöchern extreme Dürre herrscht. In den luxuriösen Zelten sind die Gäste sicher. Allerdings auch nur dort. Nach Einbruch der Dunkelheit sollte niemand ohne Begleitung eines Ortskundigen zum Zelt gehen. Hyänen, Raubkatzen und Schlagen bilden nur eine Auswahl an Tieren, die Gästen auf dem Weg vom Dinner zum Zelt begegnen können. Zwei Tage vorher war ich noch in der unmittelbar am Wasser gelegenen Kwai River Lodge zu Besuch. Dort gesellten sich zu den unangemeldeten Besuchern noch einige Flusspferde dazu. Was so gemächlich aussieht, kann erstaunliche 40 km/h schnell werden. Auf deren Konto gehen mehr Menschenleben als auf das der Löwen. Da diese Tiere reine Vegetarier sind, dürfen Boshaftigkeit und Aggressivität durchaus unterstellt werden. Zurück zum Nachhauseweg. Mir drängt sich die Frage auf, was mein Beschützer denn wohl anstellt, wenn sich uns ein Tier in den Weg stellt. Denn bewaffnet ist auch im Camp niemand. Ich lerne, dass die Begleitung für das richtige Verhalten bei der Konfrontation mit einem Raubtier sorgt. Das sollte reichen.

Unberührte Lebensräume der afrikanischen Wildnis

Botswana ist ein vorbildliches Land in Afrika. Auf einer Fläche so groß wie Frankreich stehen 17% des Landes unter Naturschutz. Das ist der Grund, warum man hier die letzten ursprünglichen, unberührten Lebensräume der afrikanischen Wildnis findet. Extrem hohe Auflagen sorgen dafür, dass die wenigen Lodges vollkommen der Umgebung angepasst sind und den Lebensraum der Tiere nicht einengen. Wer sich nicht streng daran hält, dem wird die Konzession nicht verlängert. Denn käuflich erwerben kann man die als Naturschutzgebiet ausgewiesenen Flächen ohnehin nicht. Auch Apartheit kennt man in Botswana nicht. Der ehemalige vor einigen Jahren verstorbene Präsident Serétse Khama war mit einer weißen Britin verheiratet. Botswana gilt als der liberalste Staat in Afrika mit der geringsten Korruption. Seitdem hier große Diamantenvorkommen entdeckt wurden, ist das ehemalige Armenhaus ein reiches Land. Mit dem 18. Lebensjahr erhält jeder Bürger ein Haus von der Regierung. Als Geschenk. Nur bei einem verstehen die Behörden keinen Spaß: Selbst ein kleines Stück Elfenbein im Gepäck hat die sofortige Festnahme zur Folge.

Als wir aus dem Busch hinaus in die weite Steppe fahren, sehe ich Bilder, die kaum in Worte zu fassen sind. Herden unzähliger Zebras, Gnus, Büffel und Antilopen rupfen in aller Seelenruhe das frische Grün, Vögel vom kleinen Bee-Eater bis zum riesigen Marabou-Storch drehen ihre Kreise über den Wasserlöchern. Und eine Herde Baboons. Das sind Paviane, die sich permanent vermehren, fressen und sich gegenseitig die Läuse aus dem Pelz ziehen. Das ganze Panorama ist ein Fest für die Sinne und wird zu einem Feuerwerk der Farben, wenn die glühende Sonne mit einem gewaltigen Finale hinter den Bäumen versinkt und mit dramatischen Formationen am Firmament untergeht. Ein vermeintlicher Frieden für den Augenblick.

Kämpfende Löwen im Jeep

Es dämmert und es ist die beste Zeit für eine Nachfahrt. Die soll mich noch einmal zu meinen Freunden den Löwen führen. Wir können die Fährte aufnehmen und kreuzen mehrfach die Spuren im Sand. Dann sind sie genau vor uns. Streitsüchtig. Zwei männlichen Löwen haben offenbar ein ausgewachsenes Kompetenzproblem, das von lautstarkem Brüllen begleitet wird. Das lässt mir das Blut in den Adern gefrieren. Der Streit verlagert sich bedrohlich nah an unseren Wagen. Die Kampfhähne stehen sich jetzt aufrecht in zwei Meter Höhe gegenüber. Völlig unvorbereitet kippt der eine nach hinten um und landet mit seiner Mähne auf dem Beifahrersitz . Er begräbt einen Mitfahrer unter sich. Der stärkere Löwe ist über den unterliegenden Kontrahenten gebeugt und fletscht seine Zähne. In unserem Wagen. Das Gefecht ist entschieden, die Streithähne ziehen ab. Ich frage mich erleichtert, warum sich das Rudel jetzt auf die Jagd macht, obwohl das Futter direkt vor ihrer Nase sitzt. Auf Nachfrage erfahre ich: Wir Menschen stehen nicht auf dem Speiseplan der Löwen. Das ändert sich erst, wenn wir uns wie "Futter" verhalten. Zum Bespiel umdrehen und wegrennen. Wenn ein Löwe jedoch einmal "Blut geleckt hat", ist er ein "man eater" und muss sofort getötet werden. Denn er hat jetzt gelernt: Menschenfleisch schmeckt gut und ist leicht zu haben.Der Dschungel birgt echte Grenzerfahrungen. Die Konfrontation mit Unvorhersehbarem verunsichert selbst souveräne Menschen. Da hilft keine gelernte Strategie, keine einstudierte taktische Maßnahme. Es ist Nacht. Von der Bar in der Lodge kam ein Anruf für den Manager des Hotels. An die zwanzig Löwen fallen über ein erlegtes Opfer her. Auf der gegenüberliegenden Seite. Unterhalb Zelt Nummer 3 und Nummer 4. Der Manager will die Gäste beruhigen. Die Zelte sind absolut sicher. Er ruft bei Zelt Nummer 4 an. Einmal, zweimal, zehnmal. Keine Antwort. Schweißgebadet wählt er die Nummer von Zelt 3. Und hat sofort Erfolg. Der Gast meldet sich und ist unversehrt. Nach einer weiteren lähmenden halben Stunde quälender Versuche erreicht er endlich den Gast aus Nummer 4. Die dünne Erklärung: Im lautstarken Kampf um die Beute sind zwei Löwen gegen die Zeltwand gestoßen. Aus Angst hatte sich der Gast mit seiner Frau in der Dusche im hinteren Teil des Zeltes eingeschlossen. Ohne Telefon. Das stand neben dem Bett. Das Opfer der Löwen war eine Antilope. Der Gast von Nr. 4 ist CEO eines multinationalen Großkonzerns.Die richtige Intuition und das Gefühl für den jeweiligen Moment entscheiden über richtig oder falsch, manchmal über Leben und Tod. Und lässt einen viel über sich selbst erfahren. Was sich streckenweise dramatisch anhört, ist Ausdruck meiner persönlichen Wahrnehmung. Und das reale Leben in der Wildnis. Ein unvergessliches Erlebnis. Sehr selten kommt ein Mensch zu Schaden. Das ist eine Tatsache. Wer aber sagt, die Wildnis in Botswana ließe ihn kalt, der lügt.

Oliver Jacobi
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