Coney Island Aus für die Sommerfrische


Es war einst die Wochenend-Frische für gestresste New Yorker, doch mit der Amüsiermeile am Atlantik ist nicht mehr viel los. Coney Islands soll radikal umgestaltet werden, Immobilienhaie wittern das große Geschäft - und zerstören den Protyp des Freizeitparks.
Von Jonas Erlenkämper

Der Snack-Laden von Paul Georgoulakos ist eine Instituion. Schon seit den 50-er Jahren verkauft der heute 78-Jährige Hot Italian Sausages und Bier an die Ausflügler, die aus den dichtbesiedelten Vierteln New Yorks nach Coney Island kommen, um im Atlantik zu baden, sich zu sonnen und auf der kilometerlangen Promenade zu flanieren. Er hat längst alles im Angebot, was Amerikaner mögen und dick macht: Hot Dogs, Pizza, Pommes oder frittierte Shrimps. Doch wie es aussieht, sind die Tage von Paul Georgoulakos Imbiss am Boardwalk von Coney Island gezählt: Die Halbinsel im Süden Brooklyns soll radikal umgestaltet werden. Das Unternehmen "Thor Equities" hat in den vergangenen Monaten einen Großteil des Areals aufgekauft und plant, daraus eine Touristenmeile zu machen.

Direkt an der Strandpromenade liegt der Astroland-Vergnügungspark. Am vergangenen Wochenende eröffnete er vielleicht zum letzten Mal. Draußen standen ein paar Demonstranten, aber eben nur ein paar. Es war ein trauriger Sonntag. Wo heute noch Kinderkarussells, Schießstände im Wild-West-Design und die denkmalgeschützte und damit unantastbare Cyclone-Achterbahn aus dem Jahr 1928 stehen, wird es irgendwann nach Großbaustelle aussehen. "Thor Equities" will auf dem Gelände bis 2011 ein Hotel, Restaurants und einen Time-Sharing-Wohungskomplex hochziehen. Ein Stück New Yorker Geschichte wird damit sterben, und diese Vision macht vielen Menschen in Coney Island Angst. Eine Ära geht zu Ende. Es war ein trauriger Tag für Chilly De La Cruz; er muss sich nun also einen neuen Job suchen. De La Cruz ist einer von 370 Angestellten des Astroland-Parks. "Kein gutes Gefühl ist das", sagt er, und wenn er spricht, sieht man eine große Lücke zwischen seine Schneidezähnen. Seit acht Jahren arbeitet er an der Stillwell Avenue. "Coney Island ist berühmt für seinen Amüsierpark", sagt er, "und nun soll das so enden?". Er weiß nicht, was werden soll. Aus ihm, aus Astroland, aus Coney Island. Schließlich, diese Gegend ist nicht nur ein Stück Land, ein Filet-Stück für Immobilien, dies hier ist auch historischer Boden.

Vorreiter für Freizeitparks in ganz Amerika

Bereits 1897 eröffnete der erste Vergnügungspark an Brooklyns Atlantiküste. In den folgenden sieben Jahren kamen zwei weitere hinzu. Sie waren die Vorgänger und Archetypen der Themenparks überall im Land. Seinen Kult-Status indes hatte Coney Island schon lange verloren. Über allem lag bestenfalls noch morbider Charme. Zwar prägen der rote Fallschirmspringer-Turm oder die Holzachterbahn noch immer das Bild, die Gegend spielt allerdings touristisch kaum noch eine Rolle. Trotzdem kommen viele New Yorker an den Wochenenden gerne hier her. Nur: Die lassen ihr Geld kaum noch an den Buden, Schießständen und den klapprigen Fahrgeschäften von Astroland, sondern in zahlreichen Geschäften entlang der Strandpromenade. Läden wie eben jenem von Paul Georgoulakos.

Zwölf Mitarbeiter stehen abwechselnd an den Friteusen und Grills, viele sind Saison-Arbeiter. Auch Greg Poulos hat einst dort gearbeitet. "Als Jugendlicher habe ich mir hier ein paar Dollar verdient", sagt er. Das war in den 70-ern. Seit er nach einem Motorradunfall querschnittgelämt und auf den Rollstuhl angewiesen ist, kann er zwar nicht mehr im Laden seines Onkels aushelfen, kommt ihn aber noch ab und an besuchen. "Das wird die letzte Saison für Paul und viele andere hier gewesen sein", sagt er. An den Läden pappen Schilder "Give us more one more year". Aber ob Astroland im Mai nächsten Jahres und dann unwiderbringlich zum letzten Mail öffnet, ist zweifelhaft. Es ist wie alles eine Frage des Geldes. Die neuen Besitzer verlangen für eine neue Lizenz drei Millionen Dollar. In dieser Saison waren es gerade mal 170.000 Dollar.

Anwohner sammeln Unterschriften

"Den Pachtvertrag mit meinem Onkel haben sie nicht verlängert", sagt Greg Poulos. Der gebürtige Kalifornier, der in Manhattan aufwuchs und nun in der Bronx lebt, blickt mit Wehmut zurück. "Das hier war immer die Amüsiermeile der Arbeiter und Mittelschichtler." Wenn erst mal Hotel und Restaurants und Wohnungsblocks stehen, wird sich die Gegend zwangsläufig verändern. Es wird schick, es wird in, es wird teuer und unbezahlbar für die alteingesessenen Bewohner. Viele Viertel in Manhattan auf der anderen Seite des East Rivers haben exakt diese Entwicklung durchlaufen. Das ist der Gang der Dinge in dieser Stadt.

Letzte Hoffnung der Anwohner ist eine Unterschriftenliste. 2500 Menschen haben mit für den den Erhalt von Astroland signiert. "Coney Island ist eine Ikone für unsere Gemeinschaft", sagt Brian Gotlieb, der Initiator. "Sie dürfen das nicht zu einem Kapitel in der Geschichte machen." Das ist gut gemeint, das klingt romantisch, das ist ehrenwert. Aber ob's hilft? Greg Poulos kann nicht recht daran glauben, er ist kein Träumer, er sagt: "Du kannst das Kapital mit ein paar Unterschriften nicht aufhalten." Nicht in New York, der Hauptstadt des Kapitalismus.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker