HOME

Florida: Miami Schweiß

200 Kilometer an vier Tagen. Mit Inline-Skates. Wer Florida auf Rollen durchquert, erfährt sich Respekt - und einen ganz eigenen Blick auf den Sonnenstaat.

Letztens war ich zum Inlineskaten in Florida. Dienstlich. Man traut sich das ja kaum zu schreiben, weil die Leute sonst denken könnten: "Die vom stern, die arbeiten ja nichts." Dienstliches Inlineskaten ist natürlich etwas anderes als Urlaubs-Inlineskaten. Weil man sozusagen tiefer in die Materie einsteigt.Vorher wusste ich zum Beispiel gar nicht, wie viele Inlineskates-Modelle es heutzutage gibt: mit Stoffschuhen, Plastikschuhen, Kevlarschuhen; zum Schnüren oder mit Schnallen; drei Rollen, vier Rollen, fünf Rollen; mit einseitig oder zweiseitig geschlossenen Lagern; aus Stahl oder Keramik. Entscheidend für den Laufkomfort: die Metallschiene. Am besten Aluminium gefräst. Noch besser: gelasert. Gelaserte Inlineskates! Star Wars - das Imperium rollt zurück.Bei mir im Keller lag auch noch ein Paar. So eine Art Wanderstiefel mit Rädern drunter. Wahrscheinlich schämt sich der Hersteller heute dafür, sie jemals auf den Markt gebracht zu haben. Aber als ich sie vor fünf oder sechs Jahren kaufte, versicherte mir der Mann im Laden: "Das Beste, was es gibt. Da haben Sie was fürs Leben." Ich glaube, er hat gelogen.So eine 130-Meilen-Inline-Skates-Tour durch Florida hat den Reiz, dass es viel zu sehen gibt: Meer und Palmen, Motorboote, groß wie Frachtschiffe, Villen, riesig wie Lagerhallen, und Autos in der Länge von Sattelschleppern. Jeden Moment erwartet man, dass Don Johnson mit seinem weißen Ferrari zu einer neuen Miami-Vice-Folge über den Ocean-Boulevard prescht. Der Nachteil ist, dass man von Meile zu Meile immer weniger davon wahrnimmt und nur damit beschäftigt ist, nach Atem zu ringen. Jedenfalls, wenn man Wanderstiefel mit Rädern drunter trägt und auch sonst keine Ahnung vom Inlineskaten hat. Zum Glück ist Florida ziemlich flach, da kommt es nicht so auf eine ausgefeilte Bremstechnik an.

Unsere Truppe besteht aus gut 40 Leuten. Hauptsächlich Deutsche, ein paar Amerikaner und Willi, der Schweizer. Vorne fahren die mit den hybridgelagerten Laser-Skates. Ingo aus Hannover, den natürlich alle nur Super-Ingo nennen, hat einen Kilometerzähler am Schuh, der unsere Durchschnittsgeschwindigkeit mit 15,8 Stundenkilometern anzeigt. Peter, der beim Frankfurt-Marathon den zweiten Platz in der Seniorenklasse belegt hat, findet, das Tempo sei was für Rentner. Das Schlusslicht bildet Sabine, die Skatelehrerin; sie trägt rote Shorts und über beiden Pobacken steht in Großbuchstaben "Lifeguard". Wenn man Sabine von hinten sieht, heißt das, entweder Gas geben oder aufgeben.Die ganzen vier Tage folgt uns ein bequemer Reisebus, um die Nachzügler aufzusammeln. Wer früh genug schwächelt, kann auch bei Darryl einsteigen. Darryl ist der uns eskortierende Florida-Trooper. Zu Deutsch: Verkehrspolizist. Das Cockpit seines 4,6-Liter-V8-Streifenwagens ist eine gigantische Nintendo-Konsole. Zwei Videokameras, Radar und ein Sirenen-Soundsystem, das mehr Lärm macht als ein Rummelplatz. Unter dem Wagendach, stets griffbereit: eine Pumpgun.

Man fragt sich natürlich, wozu eine Pumpgun bei der Eskorte von Inlineskatern nützlich sein kann. Vielleicht, um einen Fangschuss abzugeben, sollte einer falsch abbiegen. Oder für den Fall, dass ein Autofahrer, ohne Darryls Zeichen abzuwarten, den Konvoi überholen könnte. Aber das wagt niemand.Dicke Blasen an den Füßen zwingen mich immer öfter auf Darryls Beifahrersitz. Während der Fahrt fachsimpelt er gern. Zum Beispiel, dass Schusswaffengebrauch im entscheidenden Fall gar nicht so effektiv sei. Er schwört ja auf Pfefferspray. Letzten Monat, eine Schlägerei. Er gegen vier, das Pfefferspray gezückt. Da lagen die Kerle heulend vor seinen Füßen.Ich hatte noch nie dienstliche Blasen an den Füßen. Sie sehen wirklich beeindruckend aus. Eine an jeder Ferse. Daumendick. Darryls Klimaanlage funktioniert wie ein amerikanischer Kühlschrank. 30 Sekunden, und man denkt an Grönland. Vor uns schwitzen die Skater. Sie gleiten durch Miami Beach, Fort Lauderdale, Palm Beach, Jensen Beach. Meistens am Meer entlang. Es ist heißer als sonst in der Jahreszeit. Über 30 Grad. Jede Stunde Wasserpause. Mittagmachen am Strand, schwimmen. Die Autofahrer, die unserem Konvoi entgegenkommen, hupen, winken, rufen. Vorneweg fährt Mark in seinem Nappaledersessel-TV-Supervan. Mark sagt, es sei wichtig, dass zwei große US-Flaggen auf dem Dach wehen. Er hat den Trip organisiert. Die Frauen erzählen, er sei früher Model gewesen, weil er so gut aussieht. In Wahrheit war er Diamant- und Edelsteinkaufmann. Ein Deutscher, der irgendwann bei einer Amerikanerin und in Amerika gelandet ist.Er organisiert die Tour schon zum dritten Mal. "In Deutschland wäre so was doch ganz unmöglich", sagt er. "Die ganze Zeit mit Polizeieskorte unterwegs. Und dann ständig die Straßen gesperrt." Gab's schon Mal Schwierigkeiten? "Nee, nur mal 'nen kleinen Massensturz, weil eine Schlange über die Straße kroch."Diesmal kommen keine Schlangen. Nur die Hitze macht einigen zu schaffen. Vielleicht auch die langen Nächte. Denn an den Pools und Bars der luxuriösen Tudor-, Holiday-Inn- oder Canopy-Palm-Hotels verschiebt sich jedes Mal das Bild der Leistungsträger. Außer Super-Ingo, der seit einem Sturz aussieht, als hätte er sich eine Etappe ohne Skates vom Bus hinterher- ziehen lassen, gehen die mit den hybrid-gelaserten Mega-Skates meist früh zu Bett. Dafür haben jetzt Leute wie Ines, die Skaten ziemlich doof findet und nur mitgefahren ist, weil ihre kleine Nichte eine Reisebegleitung brauchte, ihren Spaß.Sie prostet mit einem vollen Bierglas in die Runde. "Zieh'n wir die Pfütze auf null, Jungs!" Ines hat Grund zum Feiern. Heute hat sie in einer Shopping Mall endlich diesen tollen Rucksack gefunden, den es nur in Amerika gibt und in dem sie ihren West-Highland-Terrier, der zu Hause schon sehnsüchtig auf ihre Rückkehr wartet, auf dem Rücken umhertragen kann.Na dann, weg mit der Pfütze.

Andreas Albes

Wissenscommunity