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Frachtschiffreisen: Nimm mich mit, Kapitän

Wer eine Kreuzfahrt bucht, darf stolz sein, wenn er für einen Abend am Kapitänstisch Platz nehmen darf. Auf einem Frachtschiff geht es lockerer zu. Aber diese Form der Individualreise birgt auch so manches Abenteuer, wenn man sich darauf einlässt.

Von Roland Brockmann

Ich war nicht auf einem Luxusliner mit strenger Kleiderordnung unterwegs, sondern auf einem Containerschiff - immerhin ein Vier-Wochen-Törn von Buenos Aires nach New York. Es gab weder Minigolf, zweitklassige Schlagersänger noch abendliche Animationen an Bord, aber ein kleines Schwimmbad und einen Pingpong-Tisch. Jeden Tag speiste ich mit dem Kapitän. Meine Kabine war recht komfortabel, allerdings fehlte eine richtige Bar. Dafür stand in der Mannschaftsmesse meist eine Flasche zollfreier Whisky. Manchmal spielte einer der Filipinos sogar auf der Gitarre, während sich der Flascheninhalt langsam leerte. Abends spazierte ich allein über das Bootsdeck und blickte in den Sonnenuntergang.

Dennoch: Viel ist einfach nicht los auf so einem Dampfer. Manchmal gerät schon ein überfliegendes Flugzeug zum Ereignis. Also wartet man auf den nächsten Hafen. Landgang! Die sonst so ölverschmierten Maschinisten plötzlich piekfein, im Decksaufgang der Duft von Rasierwasser - man roch förmlich die Vorfreude der Mannschaft auf ein paar Stunden Abwechslung, ohne das ständige Vibrieren der 10.000 PS im Schiffsbauch und den Anblick derselben Gesichter einer 22-Mann-Crew.

Wir lagen in Rio Grande do Sul

Von der Stadt hatte ich vorher noch nie etwas gehört. Aber: Je kleiner der Ort, desto besser für den Landgang. In Hamburg oder Hongkong, da liegt man entlegen an einer Pier. Da kostet das Taxi ins Zentrum locker 50 Euro: Kaum angekommen, heißt es auch schon wieder "Leinen los", denn die Liegezeiten sind heute auch nicht mehr das, was sie einmal waren. Ein voller Tag ist schon etwas Besonderes, aber manchmal genügt nur eine Nacht.

Und nun Rio Grande do Sul, Brasilien. Samba & Caipirinha. Früher Abend. Dieses Mal wollte auch der Kapitän, der sonst im Hafen stets unter Papierkram unterging, an Land gehen. "Cowboy Captain" nannte ihn die Crew, wegen der Zigarettenmarke, die er rauchte - und auch weil er eher jovial war. Ein unverheirateter Mittvierziger, schlank und braungebrannt. Kein Tyrann, wie man bei dem Spitznamen erwarten könnte.

Und weil der Cowboy Captain nett war, nahm er mich mit. Zunächst zu einem Steakrestaurant mit dem einheimischen Schiffsagenten. Ich bereute schon fast, nicht mit der Mannschaft gegangen zu sein. Doch im Taxi danach nannte er dem Fahrer schließlich das entscheidende Wort: "Senhorita". Schon landeten wir in einer kleiner Bar - und dann tauchte sie auf, des Kapitäns ganz persönliche Hafenbraut. Sie war klein und sehr charmant. Bald merkte ich, dass die beiden sich schon länger kannten. Fast drei Jahre. Das Schiff fuhr stets dieselbe Strecke. So war man sich langsam näher gekommen. Deshalb also sein Landgang in Rio Grande do Sul. Er hatte ihr sogar ein kleines Geschenk mitgebracht. Ich war beeindruckt - kannte ich solche Geschichten doch bislang nur von kitschigen Hans Albers-Liedern.

Die Kapitänsbraut tanzte engumschlungen

Wir tranken kaltes Bier und die beiden tanzten engumschlungen. Kurz, es wurde ein verdammt guter Abend. Nicht zuletzt, weil die Kapitänsbraut auch noch eine Freundin hatte - und die tanzte mit mir. Nach Mitternacht verabschiedete ich mich. Ich fand, dass sei ich dem Kapitän schuldig. Und ich hätte wohl auch nie erfahren, wie die Nacht für ihn weiterging, hätte er nicht neben seiner brasilianischen Braut verschlafen.

Im Morgengrauen war das Schiff bereit zum Ablegen, allein sein Gebieter fehlte. Also blieben wir erstmal liegen, und der Schiffsagent suchte nach dem verlorenen Steuermann. Irgendwann kam er dann wieder an Bord, wir konnten ablegen.

Bevor das Schiff Wochen später im Hafen von New York festmachte, steuerte es noch so manchen Hafen an, unter anderem Rio de Janeiro. Aber der Kapitän blieb stets auf seinem Schiff. Entweder hatte er wirklich nur die eine Braut oder Rio Grande do Sul war ihm eine Lehre gewesen. Mir blieben noch rund zwanzig Dinner am Kapitänstisch. Über den speziellen Ausflug hat keiner in der Offiziersmesse jemals ein Wort verloren.

Es gab auch so genug zu erzählen; wir hatten nämlich auch einen blinden Passagier an Bord. Aber das ist eine andere Geschichte. Nur so viel: Es war nicht das charmante Mädchen aus Rio Grande do Sul. Von wegen "Nimm mich mit Kapitän auf die Reise" - dessen Braut war natürlich daheim geblieben. Der Blinde Passagier aber galt als staatenlos, jedenfalls wollte ihn kein Land, das wir anliefen, aufnehmen. Seine Reise dauerte am Ende länger als meine. Aber irgendwann, so erfuhr ich später, bekam auch er seinen Landgang. Allerdings in Handschellen.

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