Indien Mumbai, die Atemlose


Wer sich in Mumbais chaotische Gassen stürzt, ist dankbar für jedes Erfrischungstuch, das ihm gereicht wird. stern.de-Autorin Gesine Unverzagt ist eingetaucht ins atemlose Gewirr.

Der Empfang im Hotel ist göttlich: Wunderschöne Frauen in edlen Saris haben sich aufgereiht, um die Gäste willkommen zu heißen. Zum Gruß falten sie die Hände, neigen den Kopf leicht nach vorn. Die Damen legen den Gästen Ketten aus duftenden, weißen Franchipani-Blüten um den Hals und tupfen ihnen Punkte aus rotem Puder auf die Stirn. Um das Wohlbefinden zu optimieren, wird ein Mangococktail gereicht. Zwei Musiker untermalen die Begrüßungszeremonie mit ihren Sitarlauten, der Empfangsraum ist erfüllt vom Duft der Räucherkerzen. Wir sind angekommen - im Paradies. Das Leela Kempinski Hotel in Bombay sieht auf dem Foto eher nüchtern aus, ein weißer Klotz ohne Charme. Vor Ort wird der Gast jedoch umhüllt von einer Gastfreundschaft und Ästhetik, die perfekter nicht sein kann.

Am folgenden Morgen geht es hinaus ins wirkliche Leben, hinaus auf die Straßen Bombays. Im Schritttempo kriechen die Autos durch die überfüllten Straßen. Am Straßenrand haben sich Bürgersteigbewohner häuslich niedergelassen. In provisorisch aufgespannten Zelten, Planen aus Säcken und Plastik, hausen die Ärmsten der Armen mit Kind und Kegel am Rande des Stop-and-go-Verkehrs. Es sind Landflüchtige, die im Moloch Mumbai, wie die Stadt seit 1995 heißt, eine Überlebenschance suchen. 15 Millionen Menschen leben in der Stadt, so schätzt man. Die moderne, verwestlichte Wolkenkratzermetropole ist Indiens wichtigstes Finanz- und Industriezentrum. Englische Kolonialbauten stehen neben neuindischen Wolkenkratzern, modernen Geschäftsviertel, westliche Kinos und Schnellimbissketten drängen neben Tempel, Kirchen und Moscheen, dazwischen Bauruinen, Müll und Menschengewirr.

Ghandis Wohnhaus als Miniaturmuseum

Einen typischen Eindruck vom indischen Leben bekommt man beim Blick ins Wäschereiviertel Dhobi Ghats, einer riesige Open-Air-Wäscherei. So weit das Auge reicht, wird hier in nebeneinander gemauerten Becken Berge von Wäsche gewaschen und geschlagen, um danach in endlosen Bahnen zum Trocknen aufgehängt zu werden. Ausgeführt wird die Arbeit von den Dhobis, Wäschern, Angehörigen einer niedrigen Kaste. Fröhlich winken sie, als sie bemerken, dass sie beobachtet werden.

Am Wahrzeichen der Stadt, am Gateway of India, ist der Teufel los. Touristen aus allen Ländern der Welt fotografieren sich gegenseitig vor dem Bauwerk, das aus Anlass des Besuchs von König Georg V. 1925 erbaut wurde. Wo Touristen sind, da sind auch Gaukler, Souvenirverkäufer, Bettler und Kleinkriminelle. Berühmt ist das Luxushotel gleich davor, das Taj Mahal, wo Könige und Stars übernachteten, wenn sie die Stadt besuchten. Gleich hinter dem Taj wirbelt das Marktleben. "Looking free, touching free in India", ruft ein Stoffverkäufer. "Have a look, beautiful clothes", ein anderer. Mitten im Gewirr ein Friseur, der seinem Kunden gerade die ungeliebten Haare aus der Nase zupft. Ein "Heiligtum" für jeden Inder ist Mani Bhawan in der Labernam Road, das Haus, in dem Mahatma Gandhi wohnte. Das heutige Museum zeigt eine Ausstellung zum Leben Volkshelden.

Traumland Bollywood

Ein ganz anderes, aber mindestens ebenso typisch indisches Leben spielt sich im Norden der Stadt ab: Dort befindet sich die größte Filmindustrie der Welt. In Bollywood entstehen jährlich bis zu 900 Filme, meist mit viel Tanz, Gesang und Herzschmerz.

Aber es gibt auch anspruchsvollere Filme. So drehen die bildhübsche Bipasha Basu und der in Indien berühmte Schauspieler Harsh Chhayahat gerade mit einem von Bollywoods wichtigsten Regisseuren, Madhur Bhandarkar. Der Meister, der schon internationale Preise gewonnen hat, erklärt uns seinen Film "Corporate". "Es ist ein Wirtschaftsthriller, ein bisschen wie der Film "Wallstreet"", erzählt er. Wie bei jedem Dreh sind die Protagonisten umgeben von zahlreichen Gehilfen. Es wird gemessen, gepudert, an der Kleidung gezupft und los geht's zur nächsten Einstellung. Und das alles in brütender Hitze Indiens.

Wir verlassen die Scheinwelt des Studios und sehen uns wieder mit der Realität konfrontiert, dem Elend auf den Straßen. Obwohl die indische Industrie sich im Raum Bombay befindet und es hier mehr Millionäre gibt als in ganz Deutschland, lebt die Hälfte der Bevölkerung immer noch in Slums und Elendsvierteln, gleich neben den Villenviertel. Täglich lockt die Stadt neue Glücksritter an, die keine Wohnung finden, denn die Grundstückspreise sind inzwischen höher als in Tokio und New York.

Mumbai ist keine schöne Stadt, aber sie ist dynamisch und aufregend. Und anstrengend. Erschöpft kehren wir zurück in unsere Oase, ins Leela Verwöhnhotel, wo wir mit feuchtkühlen Tüchern empfangen werden, um uns den Schmutz des Tages aus dem Gesicht zu wischen.

Gesine Unverzagt

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