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Johannesburg: Eine Stadt im Kunstfieber

Johannesburg will sein Negativimage abstreifen und setzt dabei auch auf Kunst. Die Galerien aus Südafrikas größter Stadt finden in der internationalen Kunstszene immer mehr Beachtung.

Von Kirsten Wörnle

Das ehemalige Frauengefängnis in Constitution Hill. Winzige Isolationszellen. Schräg gegenüber liegt ein grau gestrichener Gruppenraum mit schmalen vergitterten Fenstern. Hier hängt Mikhael Subotzky seine Bilder auf. Wochenlang hat der südafrikanische Nachwuchskünstler Gefangene in südafrikanischen Gefängnissen beobachtet und photographiert. Entstanden ist die beeindruckende Arbeit ‘Die Vier Hoeke' ("Die Vier Ecken") mit verstörenden Ansichten aus heutigen Gefängnissen.

Kunst mit Geschichte Südafrikas verbinden

"Johannesburg ist für mich der richtige Ort, um zu verstehen, was derzeit mit Südafrika passiert", sagt Mikhael Subotzky. Der junge Künstler - er war auf der Art Basel 2005 bereits zu sehen - kann seine Kunst nicht von Südafrikas Geschichte trennen. In Kapstadt hat er in Nelson Mandelas Zelle Bilder gezeigt, jetzt wählte er wieder einen Ort der Unterdrückung - hier saßen einst politisch Gefangene.

Johannesburg ist im Aufbruch. Südafrikas größte Stadt will ihr schlechtes Image einer "Verbrechenshauptstadt" abstreifen und mit einem großen Entwicklungsprogramm die Innenstadt neu beleben. Das gesamte Zentrum ist inzwischen kameraüberwacht, Investoren stecken Geld in die City, ausdrücklich werden auch Kunst und Kultur gefördert - als Zeugnis gegen Verödung und Gewalt. "Hier ist alles voller Hoffnung und Energie", sagt Gabrielle Palmer, eine Kapstädterin, die seit Kurzem in Johannesburg wohnt.

Picasso in Südafrika

In der Innenstadt wurde Ende Februar eine große Picasso-Ausstellung eröffnet, auch das ein Zeichen. Noch bis zum 18. März 2006 zeigt die Standard Bank Gallery "Picasso and Afrika" (im April und Mai dann in Kapstadt, in der Iziko South African National Gallery): 84 seiner bedeutenden Werke werden gemeinsam mit 29 afrikanischen Skulpturen ausgestellt, um afrikanische Impulse auf Picassos Schaffen auszumachen - auch wenn der Künstler nie in Afrika war. Die erste größere Schau zu Picasso auf afrikanischem Boden begeistert die "Joburger" so sehr, dass junge ortsansässige Künstler gleich noch die Tiefgarage unter der Galerie bemalt haben. Inspiriert vom großen Meister pinselten sie gemeinsam mit Angestellten der Bank bunte Figuren an die Wand.Allerorten kommen die Freunde der Kunst in Johannesburg auf ihre Kosten. Nicht nur Museen und bekannte Galerien wie die Johannesburg Art Gallery (Klein Street, Joubert Parc), auch Banken, Firmen, Hotels setzen künstlerische Wegmarken. Im Nordturm der ABSA-Bank ist eine große Sammlung südafrikanischer Kunst zu sehen (160 Main Street), auch das neue Raphael Apartment Hotel am Nelson Mandela Square zeigt afrikanische Kunst. Die Universität Johannesburg hat eine Kunstgalerie und am schmucken Market Theatre zwischen Wohlhuter, Bree und Jeppe Street lässt es sich gut zwischen Galerien und Straßencafés flanieren. Künstlerflair findet der Reisende auch im Stadtteil Melville, wo viele junge Kreative leben.

Vielzählige Galerien laden zu Ausstellungen ein

Man muss nicht lange suchen, um junge aufstrebende südafrikanische Kunst oder Werke von etablierten Kreativen wie William Kentridge zu sehen. Die Goodmann Gallery (163 Jan Smuts Avenue, Parkwood) - vor vierzig Jahren eröffnet, um zeitgenössischen südafrikanischen Künstlern ein Forum zu geben - zeigt zeitgenössische südafrikanische Kunst aus Fotografie, Malerei, Bildhauerei und Installationskunst und ist in Europa auch auf der Art Basel vertreten. Hier findet der Besucher Größen wie William Kentridge, Deborah Bell, Sam Nhlengethwa oder Penny Slopis. Die Everard Read Galerie (6 Jellicoe Avenue, Rosebank) zählt zu den bekanntesten Galerien - sie ist auch in Kapstadt vertreten - und hat manch ein künstlerisches Glanzlicht des Landes entdeckt. Alle sechs Wochen gibt es eine neue Ausstellung - der Besuch lohnt sich. Warren Siebrits von der Warren Siebrits Modern and Comtemporary Art Gallery (140 Jan Smuts Avenue, Parkwood) hat Klassiker wie Josef Beuys und Andy Warhol im Programm, und ergänzt sie durch zeitgenössische Künstler wie Tracey Moffat, die australische Fotografin, oder die Südafrikaner Walter Battiss und William Kentridge. Jung und dynamisch ist die Momo Gallery (52, 7th Avenue, Parktown North), die 2003 in einem luftig umgebauten Wohnhaus eröffnete und ebenfalls moderne und zeitgenössische Kunst zeigt. Die Galerie setzt auf experimentierfreudige südafrikanische Kunst, die den internationalen Dialog anheizt. Das Spektrum der Künstler reicht von Dumile Feni, der während der Apartheid im Exil lebte, über den sehr angesagten Conrad Bates oder Andrew Tshabangu mit seinen Fotografien aus Soweto bis hin zur Newcomerin Anne Machintosh, die unter anderem überdimensionale Puppen baut.

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