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Krawalle in Bangkok: Bei Thailand-Reisen ist Vorsicht geboten

Ausnahmezustand in Bangkok: Urlauber, die eine Reise nach Thailand planen, sind verunsichert. stern.de informiert über die Hintergründe der Gewalt und die Gefahren für Touristen.

Von Michael Lenz, Bangkok

Aus der U-Bahn-Station Silom strömen an diesem Dienstagmorgen Tausende Thais zur Arbeit in die Büros und Banken in der Silom Road. Touristen ist die Straße durch den Nachtmarkt und das Rotlichtviertel Patpong vertraut. Auf den engen Bürgersteigen köcheln Garküchen, an Straßenständen bieten Händler Kosmetika und Damenmode feil. Im Café Au Bon Pain gleich neben dem Luxushotel Dusit Thani hat sich das übliche Publikum eingefunden: Schüler erledigen Hausaufgaben, Ausländer pauken mit ihren Thailehrern die Landessprache, Freischaffende mit ihren Laptops nutzen das Café als Büro.

Alltag, möchte man meinen, bis ein schrilles Trillerpfeiffenkonzert ertönt, das Markenzeichen der regierungsfeindlichen Protestbewegung. Pick-up-Trucks, die mit grölenden und Nationalfahnen schwenkenden Demonstranten vollgepackt sind, biegen von der Rama 4 Straße in die Silom Road, stoppen vor der Shopping Mall Silom Complex, blockieren kurzzeitig den Eingang zu dem Konsumtempel. Eine Minderheit der Thais am Straßenrand begrüßt freudig die Aufständischen mit in die Höhe gestreckten Daumen. Der Mehrheit aber ärgert sich darüber, einmal mehr Geisel von Politikern zu sein, die ihre Ziele mit Gewalt durchsetzen wollen.

Buchungen brechen ein

Neben den Dutzenden Verletzten ist mal wieder der Tourismus ein Opfer der jüngsten politischen Unruhen. Buchungen brechen ein, Stornierungen häufen sich. Die Hotels im touristischen Epizentrum Khao San Road klagen über eine Auslastungsrate im November von 50 Prozent - statt der sonst zu dieser Jahreszeit üblichen 80 Prozent. Susanne und Michael, zwei Touristen aus Salzburg, sind froh, am Ende ihres Thailandurlaubs zu sein. "Wir haben jetzt schon etwas Angst", gibt Susanne zu.

Von den Unruhen haben sie nach einem zweiwöchigen Inselhopping von Koh Phi Phi über Koh Samui bis nach Koh Samet so richtig erst in Bangkok erfahren. "Im Hotel haben sie uns von Besichtigungen des Königpalastes und der Tempel abgeraten, weil sie zu nahe an dem umkämpften Regierungsviertel liegen", sagt Michael. Jetzt will das Paar die Tage bis zum Abflug in der Umgebung ihres Hotels in der Silom Raod mit einkaufen und abhängen am Pool verbringen. "Sicher ist sicher", findet Susanne.

Seit vier Wochen Proteste

Seit zehn Tagen belagern und besetzen einige Zehntausend regierungsfeindliche Demonstranten Ministerien. Stoßtrupps der Regierungsgegner fallen immer wieder in die Touristen- und Geschäftsviertel der Innenstadt ein. Suthep Thaugsuban, kompromissloser Anführer der Regierungsfeinde, fordert den Rücktritt von Premierministerin Yingluck Shinawatra um Platz zu machen für eine "totale Demokratie" mit einer "Volksregierung" an der Spitze. Dafür, so Suthep theatralisch, sei er bereit, auf dem "Schlachtfeld zu sterben".

Auslöser der Proteste war vor gut vier Wochen das Amnestiegesetz, das allen Beteiligten an den gewaltsamen politischen Kämpfen der letzten Jahre Straffreiheit zusicherte. Nutznießer wäre der 2006 vom Militär gestürzte, später wegen Korruption zu einer Haftstrafe verurteilte und seitdem im Exil lebende Thaksin Shinawatra, Bruder der amtierenden Premierministerin, gewesen. Aber auch die Verantwortlichen für die mehr als 90 Toten bei der Niederschlagung der Proteste der thaksintreuen Rothemden im Mai 2010 in Bangkok - darunter der inzwischen wegen Mordes angeklagte damalige stellvertretende Premierminister und heutige Straßenkämpfer Suthep.

Hunderttausende Thais aller politischer Richtungen brachten durch Massendemonstrationen das Amnestiegesetz zu Fall. Beflügelt von dem breiten Widerstand gegen das Amnestiegesetz glaubte sich Suthep der Unterstützung des Volkes für den Aufstand gegen das "korrupte Thaksin-Regime" sicher. Die erklärte Strategie des 62-Jährigen: durch Chaos und Gewalt die Armee zu einem Putsch zu provozieren.

Die schwarze Minderheit

Das putscherprobte Militär versucht sich allerdings seit einigen Tagen lieber in der ungewohnten Rolle als Vermittler im Machtkampf. Auch die Unterstützung durch die breite Bevölkerung ist dünn. Aufrufe zu Massenprotesten, Generalstreiks, zivilem Ungehorsam verhallten ungehört. Die Regierung betreibt zudem eine Deeskalierungspolitik, indem sie den Demonstranten einige "Erfolge" gönnt, wie den Sturm auf das Polizeihauptquartier. Die den Aufständischen zahlenmäßig überlegenen Rothemden haben sich unsichtbar gemacht.

Aber die Fronten sind seit Jahren klar: Die Polizei steht auf Seiten der Regierung, das Militär stützt die aus Mittelklasse und Beamtentum zusammengesetzte Schar der Regierungsgegner. Diese Gemengelage im Kampf um Macht und Fleischtöpfe war auch der Hintergrund der achttägigen Flughafenblockade im November 2008. Ein Einsatz der Polizei gegen die regierungsfeindliche Bewegung der Gelbhemden hätte die Armee auf den Plan gerufen und ein Clash zwischen den bis an die Zähne bewaffneten Sicherheitsorganen wäre in einem furchtbaren Blutbad geendet. Den Sturz der gewählten Regierung von Premierminister und Thaksin-Schwager Somchai Wongsawat erledigte dann mit dem Segen der Generäle das Verfassungsgericht.

Sicherheitshinweise für Bangkok-Besucher

34 Länder, darunter Deutschland, raten ihren Bürgern inzwischen zu großer Vorsicht bei Reisen nach Thailand. Die Protestbewegung reicht längst über Bangkok hinaus. Selbst auf Phuket kommt es vor Behörden und dem Polizeihauptquartier zu regierungsfeindlichen Kundgebungen. Das benachbarte Ferienparadies Krabi meldet Buchungsrückgänge. "Normalerweise sind wir im Dezember ausgebucht. Jetzt liegt die Auslastungsrate zwischen 70 bis 80 Prozent", sagte Chamnarn Srisawat, Präsident des Tourismusverbands von Krabi, gegenüber thailändischen Medien.

Das war am 1. Dezember, bevor bei gewaltsamen Zusammenstößen von Anhängern verfeindeter politischer Gruppen vier Studenten erschossen wurden, die Polizei mit Tränengas gegen Demonstranten vorging, mehr als einhundert Menschen durch Gummigeschosse der Polizei verletzt wurden.

Geburtstags des König am 5. Dezember

In Pattaya schaut Jim Lumsden mit Sorge auf die kommenden Wochen. "Ich habe in all den Jahren einige Aufstände und Putsche erlebt", sagt der Hotelier mit 25 Jahren Thailanderfahrung und fügt hinzu: "Aber erst seit dem Putsch 2006 haben diese Ereignisse Auswirkungen auf den Tourismus." Sein Hotel Baan Souy hat bislang noch keine Absagen zu verzeichnen. "Pattaya ist immer etwas losgelöst von den Ereignissen in Bangkok und unsere Stammgäste wissen das. Solange sich die Demonstranten vom Flughafen fernhalten erwarten wir keine Probleme."

Bleibt die Frage: Kann man getrost seinen Weihnachtsurlaub in Thailand verbringen? Dank des anstehenden Geburtstags des König am 5. Dezember wird sich die Situation wohl zunächst etwas entspannen. Aber gleich nach den Geburtstagsfeiern wollen die Chefs von Armee, Marine und Luftwaffe über Wege aus der Krise beraten. Die elegante Lösung Neuwahlen fürchtet Suthep wie der Teufel das Weihwasser. Denn auch der Rebell weiß, was die politischen Spatzen von Bangkoks Tempeldächern pfeifen: Die bei allen Wahlen seit 2001 siegreiche Thaksin-Partei würde auch den nächsten Urnengang gewinnen.

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