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Kyoto: Herbstfärbung im Elektrowald

Tempel, Geishas, Teeschalen - der Mythos der alten Kaiserstadt Kyoto scheint unveränderlich. Dabei ist High-Tech-Gegenwart dort mindestens genauso präsent: manchmal grotesk hässlich, mal wunderschön, aber immer spannend.

Von Heike Sonnberger

Goldene Papierlaternen tauchen den nächtlichen Innenhof des Shinto-Schreins in sanfte Lichtschimmer. Das Wasser des Brunnens, an dem sich tagsüber gläubige Japaner vor dem Gebet die Hände waschen, plätschert ungestört aus dem bronzenen Drachenmaul des Wasserspeiers in ein Steinbecken. Eine junge Frau im Anzug mit streng zurückgebundenem Haar stellt ihren Aktenkoffer leise neben einen der Holzaltäre. Sie klatscht kurz in die Hände, um sich die Aufmerksamkeit der Götter zu sichern, und senkt dann im Gebet den Kopf.

Nirgendwo in Kyoto ist der Geist der alten Kaiserstadt so greifbar wie in den hunderten Tempeln und Schreinen. Im Shiramine-Schrein schüttelt ein kühler Windstoß Herbstblätter von den Ästen und lässt die Papierlampions flackern. Doch außerhalb des Schreintors liegt eine andere Welt: Autos hupen, Fußgänger eilen über den Asphalt und die Neonlichter des Supermarkts auf der anderen Straßenseite scheinen so spirituell wie "Aibo", der japanische Roboterhund.

Überlaufene Meditationsoasen

In Filmen, Büchern und Broschüren wird Kyoto als Ort der Vergangenheit porträtiert. Geishas, die übers Kopfsteinpflaster trippeln, Ahornblätter, die liebevoll um eine Schale Tee drapiert sind, Kieskegel zwischen von Moos überzogenen Steinen. Der Film "Lost in Translation" bringt den Mythos treffend auf die Kinoleinwand: In einer kurze Szene unternimmt Scarlett Johansson als junge Amerikanerin einen Kurztrip nach Kyoto - und wandelt dort über Herbstlaub durch Tempelgärten. In Tokyo geht sie natürlich lieber in Karaokebars.

Es gibt diese Meditationsoasen in Kyoto. Die meisten von ihnen sind weltweit bekannt - und entsprechend überlaufen. Besonders zur Kirschblüte und Herbstfärbung wälzen sich Busse voller Touristen über Moospolster und unter Blütenschauern durch die Gärten. Slalom zwischen klickenden Kameras und Handy-Screens. Vor den Toren des Daigoji-Tempels herrscht zum jährlichen Sakura-Fest sogar ein solcher Andrang, dass Polizisten mit Megaphonen verzweifelt die Ohren sturer Blütenfans betäuben: "Einen Schritt zurück bitte, immer nur zehn durch das Tor, bitte, schaffen Sie einen Durchgang, bitte!" Der Krach schüttelt die feinen Blättchen von den Bäumen.

Rot-weißer Finger Richtung Fortschritt

Doch wer sich schon bei seiner Ankunft in Kyoto eine romantische Welt aus verschlungenen Kopfsteinpflasterstraßen und Steinlaternen erhofft - den erwartet herbe Enttäuschung. Die Kyoto Station ist ein supermoderner Glas- und Stahlpalast und längst das Stadtsymbol des Fortschritts. 16 Stockwerke, 283,000 Quadratmeter, Gleise, Geschäfte, Restaurants. Der Riesenbahnhof wurde 1997 gebaut - und war lange sehr umstritten. Mittlerweile scheint er nur noch den Älteren ein Dorn im Auge. "Die Kyoto Station passt überhaupt nicht zur Stadt. Sie ist viel zu modern und teilt den Kern des alten Kyoto wie eine Mauer in zwei Hälften", beschwert sich Minoru Takaoka, der seit Jahren von Hand bedruckte Kimonos entwirft.

Direkt davor steht der Tokyo Tower, der wie ein rot-weißer Finger in den Himmel ragt. Daneben wirkt die fünfstöckige Pagode des Toji-Tempels, einst für Reisende weithin sichtbar, zwergenhaft. Zum Daimonji-Festival im August werden auf den Hügeln um Kyoto fünf riesige Feuerzeichen angezündet, um die Seelen der Toten ins Jenseits zu begleiten. Früher konnten die Lebenden von der Stadtmitte alle Zeichen sehen - heute nur noch von den ausgebuchten Panoramarestaurants der höchsten Hotels. Für viel Geld. Kyoto wetteifert mit seinen Nachbarn Osaka und Kobe um die breitesten Promenaden und die höchsten Türme. Die Tradition versinkt dabei schnell in Beton.

Leblose Enklaven am Stadtrand

Es gibt allerdings einige prominente Bewohner, die öffentlich gegen den Strom der Modernisierung rudern. Ryoichi Kinoshita ist einer von ihnen. Der Architekt hat lange in Europa gelebt und spezialisiert sich jetzt in Kyoto auf den Erhalt der "Machiya". Das sind Holzvillen reicher Kaufleute der Edo-Zeit - und neben den Tempeln und Schreinen der ganze Stolz der Stadt.

Allerdings bekommt Kinoshita wenig praktische Unterstüzung von oben: "Es gibt kaum Gesetze, die das Abreißen der Machiya verbieten, sondern hauptsächlich Leitlinien", sagt er. In den vergangenen fünf Jahren seien wieder 1300 von ihnen verschwunden. Dem Profit gewichen, denn Betonklötze sind für Bauunternehmen preiswerter als der Erhalt pflegeintensiver Holzvillen. Und die hohe Erbschaftssteuer zwingt viele Privatleute zum Verkauf der Machiya. "Ohne finanzielle Unterstützung der Behörden wird das Zentrum immer moderner - und die alten Gebäude in leblose Enklaven am Stadtrand verbannt", sagt der Architekt voraus.

Graue Schachteln im Elektrowald

Neubauten sind in Japan meist graue Schachteln, lieblos aneinander gereiht, außen mit Leuchtreklame versehen, verstrickt in einen Dschungel aus Elektrokabeln. Denn in Japan liegen die nicht unterirdisch, sondern hangeln sich wie Lianen von Mast zu Mast. Der Blick aufs Herbstlaub – versperrt durch Kabel wie von Spinnenweben. Vor 20 Jahren gab es die ersten Bemühungen der Stadtverwaltung, den Elektrowald zu stutzen. Die Kabel wurden bislang allerdings nur in einigen Touristenvierteln wie Gion vergraben. McDonald's darf zwar in manchen Straßen sein gelbes "M" nur noch auf braunem Untergrund leuchten lassen. Leuchten tut es nach wie vor.

Doch das alte Kyoto behauptet sich tapfer - indem es sich auf charmante Art mit der Moderne arrangiert. "Tabi", die japanischen Schuh-Socken mit einer Kammer für den großen Zeh, gibt es jetzt gestrickt mit Blümchenmuster für modebewusste Schulmädchen. Colonel Sanders, der Platikopa vor dem KFC in Kawaramachi, trägt im Sommer einen leichten Herrenyukata. Mister Donuts nebenan reicht zum Zuckergebäck auch heiße Nudelsuppen. Und zum Mifune-Festival lugen unter dem Gewand aus der Heian-Zeit, mit dem sich der Steuermann des Drachenboots so gerne fotografieren lässt, ein Paar nagelneue Nikes hervor.

Lieber Samurai oder Salaryman?

Lautsprecherwerbung, klingelnde Handys, Warnhinweise vom Band und Pick-ups, die aus Megaphonen Kinderlieder spielend in den Wohnvierteln Altpapier und Sperrmüll einsammeln - Alltagskrach übertönt selbst in Kyoto die Mystik des Shinto-Glaubens. Doch Götter lassen sich von Lärm nicht so einfach vergraulen. Der Duft der Räucherstäbchen aus dem winzigen Nachbarschrein wabert um die Hiphop-Boutiquen und Silberschmuckläden in Teramachi. Und Legenden munkeln, dass im Shiramine-Schrein einst eine Gottheit namens Mari lebte. "Mari" bedeutet auch Ball und deshalb ist der Schrein noch heute besonders beliebt unter Fußballfans, die sich hier ihren Segen holen und vor großen Spielen um Erfolg bitten.

Viele der Edo-Villen, die von Kinoshita und seiner Machiya Revival Research Organisation restauriert werden, finden einen neuen Verwendungszweck als Galerien oder westliche Restaurants. Um junge Leute in alte Häuser zu locken, serviert man dort Spaghetti und Coq au Vin statt japanischer Edelküche. So zum Beispiel im italienischen Restaurant "Altrettanto". "Onko-chishin" heißt es in Japan, wenn man sich der Zukunft gewappnet mit den Lehren aus der Vergangenheit stellt und die beiden weise vereint. Im Altrettanto klappt das. Am Kamogawa, dem Fluss, der Kyoto zerteilt, ging es völlig schief. Wie die meisten Flüsse Japans steckt er in einer Zwangsjacke aus Beton und hat kaum Platz zum Atmen.

Auf der englischen Homepage der Stadtverwaltung steht: "In Kyoto, the old and the new co-exist in perfect harmony". In Wahrheit ist das Stadtbild alles andere als harmonisch. Die krasse Mischung aus Esoterik und Hightech macht Kyoto so chaotisch - und gleichzeitig so lebendig. Man möchte den Kopf schütteln wie über ein kleines Kind, das sich nicht entscheiden kann, ob es lieber Samurai oder Salaryman werden will. Man möchte, dass es beides sein kann.

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