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Landgewinnung: Die Gesichtszüge mit Sand formen

Singapur wird größer. Jedes Jahr verändert Neulandgewinnung die Küstenlinie. Die aufstrebende Metropole braucht Platz. Auf Sandhügeln, am Meeresboden, in Nachbarländern und im Hausmüll findet sich das Baumaterial.

Von Friederike Nagel

Der Flughafen Changi Airport macht einen soliden Eindruck. Als einer der größten in Asien trägt er den Beinamen Airtropolis. Jedes Jahr landen in Singapurs Ostzipfel weit mehr als 20 Millionen Fluggäste. Auf Müll. Denn geschreddert, gepresst und in Betonquader gegossen, bilden normaler Hausmüll sowie Sand die Basis für Landebahnen und Gebäude.

Normalerweise dehnt sich eine Stadt, deren Wirtschaft floriert, einfach ins Umland aus. London, München, Shanghai machen es vor. Sie werden einfach zu immer größeren Klecksen auf der Landkarte. Eine Insel hingegen wächst nicht mit - außer man hilft nach. Jährlich schütten in Singapur deshalb Baufirmen viel, viel Sand rund um das schwimmende Staatsgebiet ins Meer. "Schon die britischen Besatzer trugen Singapurs Sandhügel ab und verfrachteten sie ins Meer", sagt Dr. Rolf Jordan, 45, vom Asienhaus in Essen.

Die Stadt ist stark begrenzt

Das Aufschütten von Sand dehnte die Grundfläche des Stadtstaats allein in den letzten 40 Jahren um mehr als ein Zehntel (elf Prozent) aus. Der Sozialwissenschaftler Jordan verfolgt die landschaftlichen Veränderungen seit längerem. "Solche Projekte brauchen Zeit", sagt Jordan, "der Sand muss sich setzen, bevor die Industrie oder die Bauwirtschaft dort viel Geld investieren." Singapurs landschaftliche Gesichtszüge ändern sich nie über Nacht, aber dafür stetig.

Die größten Landaufschüttungen gab es in der Vergangenheit unter anderem für den internationalen Großflughafen Changi. Auch entlang der gesamten Südküste bis zur Mündung des Singapore River sowie für die Vergrößerung der Innenstadtfläche für den neuen Central Business District schaffte die Regierung neues Land. "Man spürt förmlich, dass die Stadt stark begrenzt ist", beschreibt Medizintechniker Florian Hofmann sein Gefühl, als er im vergangenen Jahr das erste Mal seinen Urlaub in Singapur verbrachte.

Diese besondere Situation scheint die Singapurianer bisweilen zu besonderen Aktionen zu bewegen. Eine Inselgruppe aus mehreren Mini-Inseln wird zum Beispiel zu einer großen Insel vereint. So geschehen auf Jurong Island. Seit Mitte der neunziger Jahre werden hier die Zwischenräume mit Sand aufgefüllt. Auf der neuen, großen Jurong Island entstand Platz für Singapurs Petrochemie.

Pulau Ubin, ein beliebtes Naturerlebnis

Jung und ambitioniert ist auch das große Tourismusprojekt auf der Insel Pulau Ubin. Die Naturinsel, nordöstlich von Singapur gelegen, soll ein tropisches Ausflugsziel für Touristen aus aller Welt werden. "Schon früher war Pulau Ubin unter einheimischen Tagesausflüglern sehr beliebt", weiß Jordan. Für mehr Urwald und gehobene Unterkünfte plant Singapur die Tropeninsel bis 2012 zu vergrößern.

Als schönstes Neulandprojekt gilt wohl der Landstreifen entlang der Marina Bay. Großzügige Grünflächen laden hier auf sandigem Grund zum Flanieren ein. Statt Einkauftempel lockt ein Ausstellungszentrum, feine Hotels wechseln sich mit schmucken Läden ab.

Nahe der Promenade thront das neue Kulturzentrum Theaters on the Bay mit seinen beiden durianähnlich gezackten Hallendächern. Nebenan bietet ein Freilicht-Theater Kultur unter freiem Himmel feil.

Florierender Sandhandel

Dass Singapur immer weiter auf Sand baut, findet allerdings nicht nur Befürworter. So klagte Malaysia vor dem Internationalen Seegerichtshof gegen die Erweiterung der Tropeninsel Pulau Ubin. Die Zufahrtswege für große Containerschiffe zu malaysischen Häfen sah die Regierung gefährdet. Im Januar 2005 legten Singapur und Malaysia den Streit um die Landgewinnungsprojekte in der Johor Straits bei. Beide Seiten erkennen die große Bedeutung der Seestraße an.

Singapur plant nun die ursprüngliche Inselerweiterung deutlich zu minimieren. Trotz kleiner Veränderungen in der Stadtplanung bleibt Sand in Singapur ein gefragter Rohstoff. "Fachleute schätzen, dass der Sandhandel um die 200 Millionen Dollar jährlich in der Region umsetzt", so Dr. Rolf Jordan vom Asienhaus in Essen.

Die Wirtschaft wächst weiter. Nach wie vor siedeln sich in Singapur gerne neue Wirtschaftsbetriebe an. All sie brauchen Platz. Die Singapurianer erwarben sich durch den eigenen Wachstumsdruck einen exzellenten Ruf, wenn es um gepresste Müllquader oder das klassisches Aufschütten von Sand geht. "Ihre Stadt halten sie ungemein sauber", sagt Tourist Florian Hofmann. Ähnlich strenge Regeln befolgen sie wohl auch beim Anbau ins Meer. "Bei diesen Konzepten gelten sie als sehr fortschrittlich", bestätigt Asienexperte Jordan.

Neulandgewinnung als Teil der Entwicklung?

Neulandgewinnung hat trotzdem immer Nebenwirkungen, gute und weniger gute. Das neue Sandland verschiebt den Strömungsverlauf im Meer, verändert den Lebensraum von Fischen und anderen Lebewesen, lässt Inseln verschwinden und neue entstehen, schafft Platz für Wohngebiete oder lässt neue Ausflugsziele erblühen. Insgesamt stieg die Landfläche von knapp 600 Quadratkilometern in den 1960er Jahren auf heute rund 700 Quadratkilometer. Einige Fachleute prognostizieren weitere 100 Quadratkilometer bis zum Jahre 2030. Ökologische Folgen gehören zu diesem Expansionspaket dazu.

"Es stellt sich die Frage, ob Singapur das Wachstum nicht auch anders begreifen und umsetzen könnte", sagt Jordan. Die Neulandgewinnung ist für ihn Teil einer Entwicklung, die Wachstum einseitig interpretiert. Konkrete Ideen kann der Sozialwissenschaftler auch nicht liefern.

Das Potenzial des Stadtstaates liegt in Zukunft vielleicht ganz wo anders. Das gewisse Etwas bietet die Insel, da sind sich Touristen, Forscher und Politiker schon heute einig.

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