Literarische Routen Südafrikas Geschichtenerzähler am Kap


Das Land am Kap steckt voller wundersamer Geschichten, denen die "Literarischen Routen Südafrikas" folgen. Auf sechs neuen Reisewegen lassen sich Menschen und Erzählungen aufspüren, über die sich das Wesen einer Region leichter begreifen lässt.
Von Beate Schümann

Die Themenrouten führen in Landstriche wie Kwazulu Natal, Limpopo, Gauteng und zum Western Cape. Ein Schauplatz ist das Eastern Cape, eine mit 170.000 Quadratkilometern halb so große Provinz wie Deutschland. Eastern Cape ist Xhosa-Land. Auch Reiseleiter Jeff gehört dazu. "Wir alle sind Geschichtenerzähler", sagt Jeff, der eigentlich Sithembiso Geoff Foster heißt. Und er meint wirklich alle, alle, die reden. Und die Xhosa im Besonderen. Wenn Jeff spricht, spricht er viel, ausschmückend und gestenreich, manchmal auch in seiner Klick- und Schnalzlautsprache.

Die mündlich überlieferten Erzählungen bergen das gesammelte Wissen von Völkern wie den Xhosa, Zulu oder Tsonga. Sie handeln von Gut und Böse, von Geistern und Sterblichen. Oft muss man gar nicht lange nach ihnen suchen.

Mit Schießpulver durch die Schusslinie

Port Elizabeth ist das Einflugstor. Von dort startet der gemietete Kleinbus Richtung Grahamstown. Kurz vor der Stadt der Festivals und der viktorianischen Architektur biegt er zu ihrem schönsten Aussichtspunkt ab. Weit wichtiger als der Blick in die friedliche Ebene ist jedoch das Makana-Denkmal. Makana ist der Freiheitsheld der Xhosa und Jeff sein ergebener Bewunderer. Und er erzählt mit Händen und Feuereifer. Makanas Truppen hatten die Briten 1819 schon fast besiegt, als plötzlich eine Frau durch die Schusslinie lief. Sofort stellten die Xhosa das Feuer ein. "Wer gegen eine Frau kämpft, ist schwach", erklärt Jeff den edlen Zug. Doch statt eines Kindes trug sie Schießpulver für die Gegner im Tuch. Die Niederlage der Xhosa war besiegelt. Und die Moral? Noch heute glauben viele, dass die Gegend verhext sei.

In Grahamstown fährt Jeff zu Basil Mills. Der Mann mit der wilden blonden Mähne ist ein Quma Quma, ein Geschichtenerzähler, wie ihn die Xhosa nennen, aber auch Pferdeflüsterer, Tierschützer und Theatermacher beim National Arts Festival. Und er hat viel zu erzählen. Vom schottischen Urgroßvater, von Moral und Politik, vom Fußball und seiner Liebe zu Südafrika. Natürlich erzählt Basil auch ein Märchen: "Es war einmal eine Gottesanbeterin, ein Mantis", beginnt er. Der wollte den Mond fangen, damit alle Tiere glaubten, dass der Stummelflügler ein Gott sei. Doch der Mond war nicht zu packen. Einmal sieht er ihn im Wasserloch, stürzt sich darauf und versinkt. Wieder am Ufer, zerwirft er wütend das zu Glas gewordene Spiegelbild mit einem Stein, wobei ein Splitter sein Auge verletzt. Da fleht der Mantis den Mond an, er möge ihm helfen. Und deshalb hält die Gottesanbeterin die Vorderbeine, als ob sie kniete.

Wo sich Tolkien inspirieren ließ

Der Bus rollt wieder über den Asphalt. Die Landschaft wird gebirgiger, die Straßen winden sich zu Serpentinen. Am Gaika's Koop erreicht das Amatola-Gebirge fast 2000 Meter. Velvet-Äffchen spielen am Straßenrand, Baboons springen in den Ästen. An Bäumen, Büschen und Hügeln hängen bleiche Nebelfetzen. Dort wohnen die Geister, sagen die Xhosa. Und plötzlich tauchen die Schemen von Hobbits, Elben, Hexenmeistern und anderer Gestalten auf, die man aus der Roman-Trilogie "Der Herr der Ringe" kennt. Langsam ahnt man, dass die Fantasie in Mittelerde angekommen ist, der geistigen Heimat von J.R.R Tolkien. Das Dorf Hogsback galt lange als sein Geburtsort, doch das ist Legende. Der Großmeister der Fantasy-Literatur hat in diesen Wäldern nur kurze Zeit verbracht, wohl aber die Inspirationen für seine Mythenwelt gefunden.

Mythen und Sagen sind meist dazu da, um das Unerklärliche zu erklären. Damit man es besser versteht. Doch manche Geschichten lassen das Rätsel nur größer werden. Unterwegs hat Jeff so einen mysteriösen Fall aus dem Grenzkrieg von 1856 parat. "Die Sache stand für die Xhosa schlecht", beginnt Jeff. Da schickten ihnen die Ahnen durch das Mädchen Nongqawuse eine verhängnisvolle Prophezeiung. Die Xhosa töteten ihr Vieh und vernichteten ihre Ernte. Doch statt des dafür versprochenen Sieges über die Briten verhungerten 50.000 Xhosa, die Überlebenden verließen die Region. Das Unvorstellbare erklärt der Krisenkult aus der Xhosa-Mystik: Die Botschaft der Ahnen erscheint als Hoffnung in Zeiten der Hoffnungslosigkeit.

In King William's Town wird die traurige Wahrheit des Orakels im Amthole-Xhosa-Museum belegt. Die Hauptattraktion ist jedoch "Huberta", das lebensgroße Flusspferd. Anderthalb Jahre wanderte das freiheitsliebende Tier 1000 Kilometer allein am Keiskamma-Fluß entlang. Unterwegs wurde es von den Xhosa gefüttert und verehrt, bis es 1931 von weißen Farmern erlegt wurde. Die Jäger kamen vor Gericht, Huberta nach London zum Präparator. Zurück in Südafrika wurde sie zum Maskottchen der Xhosa. "In unserem Glauben kommen mit Huberta die guten Geister und die Freiheit zurück", erklärt Jeff.

In Wahrheit ist auch Jeff ein Quma Quma. Wenn er sieben Wünsche frei hätte, steht dieser ganz oben: Dass die Stimmen der Geschichtenerzähler in Afrika nie verstummen und ihre Geschichten weiter und weiter fliegen mögen.

Informationen:
South African Tourism: www.dein-suedafrika.de
Literarische Routen: www.mythos-suedafrika.de
Anreise:Mit South African Airways www.flysaa.com
Veranstalter: Gebeco: www.gebeco.de
Zugang zu Geschichten:
National Arts Festival, Grahamstown (2.-11.7.2009: www.nationalartsfestival.co.za
Amathole Museum, King William's Town: www.museum.za.net

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