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Little India: Es muss nicht immer chinesisch sein

Effizient-korrekt arbeitet das chinesische Singapur, doch wer orientalisches Chaos sucht, findet auch dies: In Little India. Ein Anschlag auf die Sinne.

Von Michael Lenz

Sonntags ist Little India am indischsten. Wenn man das über einen Stadtteil sagen kann, der sowieso überwiegend von Indern bewohnt wird. Sonntags aber gibt es in Singapurs indischem Viertel zwischen der Race Court Straße und der Jalan Besar kein Durchkommen mehr. Zu Tausenden flanieren indische Männer - so manche Hand in Hand - durch die von bunten, kolonialen Shophäusern gesäumten Gassen, sitzen plaudernd am Straßenrand, bevölkern die Restaurants und stehen Schlange vor Telefonläden billigen Tarifen für Anrufe nach Mumbai oder Bangalore. Sonntagsnachmittags ist Heimattreffen für die indischen Arbeiter aus ganz Singapur und aus dem benachbarten Johor Bahu angesagt.

Der Sonntag ist also nicht der beste Tag, um Little India zu erforschen, das so ganz anders ist als das überwiegend chinesisch geprägte Singapur. Dabei schien dem Stadtstaat keine chinesische Zukunft bei seinen Anfängen als britische Kolonie in die Wiege gelegt zu sein. Zum einen ist die Insel Singapur Teil der malaiischen Halbinsel, Heimat der Malaien also. Zum anderen brachte Singapur-Gründer Sir Stamford Raffles 1819 Inder als Soldaten, Polizisten und Verwaltungsfachkräfte mit. Indien war schon lange Teil des Empire, es galten britische Gesetze, Sitten und Bräuchen. Letztlich aber haben sich die Chinesen als einwanderungs- und zeugungsfreudiger erwiesen.

Orientalisches Chaos

Das chinesische Singapur ist wohlgeordnet. Chinesen haftet etwas preußisch effizient-korrektes an. In Little India hingegen herrscht ein orientalisches Chaos, dem selbst die regulierungswütige (chinesisch dominierte) Regierung des Stadtstaates nichts anhaben kann. Gewürzläden, Stoff-Boutiquen, Wahrsager auf der Straße, Gemüsemärkte, Restaurants, Imbissbuden, Frauen in Saris, Hindutempel. Würden noch heilige Kühe auf den Straßen lungern, man würde sich wie in Kolkatta oder Neu Delhi fühlen.

Die beste Weise, Little India zu erforschen, ist zu Fuß mit "Singapore Walking Tours". Das gilt selbst für Menschen, die organisierte Stadttouren eigentlich nicht mögen: Oft quälen die Führer ihre Schützlinge mit einer Kanonade unwitziger Witze oder machen jeder Entdeckungsfreude mit detailiertesten Details den Garaus. Nicht so Little-India-Führerin Geraldine, eine Chinesin. "Little India ist ein Anschlag auf die Sinne", verspricht sie den gut 30 Frauen und Männern, die sich am Ausgang E der U-Bahn Station Little India für die Tour eingefunden haben. Der Bahnhof China Town ist nur zwei Stationen entfernt. So einfach ist die Reise zwischen Kulturen in Singapur.

Tote Fischaugen als Grundzutat

Der erste Anschlag auf die Sinne findet nur zehn Meter vom Startpunkt an einem Stand statt, der Girlanden aus Jasmin, Rosen und Ringelblumen als Opfergaben für indische Götter wie Shiva oder Ganesha feilbietet. Diesen Duft erleben die drei deutschen Teilnehmer plus Kind im Kinderwagen noch. Schon bei der nächsten Station auf der anderen Straßeseite aber geben sie entnervt auf: Überdosis Asien. Der Tekka Markt, der von Obst über Fleisch bis zu billigen T-Shirts und teuren Antiquitäten einfach alles bietet, ist gut besucht und es ist schwierig, einen Kinderwagen da durchzuschieben. Meckernd schimpft der Großvater auf Schwäbisch: "Das ist doch schon wieder ärgerlich. Nicht einmal kinderfreundlich ist das hier." Während die Australier, Engländer, Franzosen, Schweizer und Amerikaner der Gruppe über Hühner mit schwarzem Fleisch staunen, mit leichtem Schaudern in die toten Augen der Fischköpfe - eine Grundzutat des Nationalgerichts Fischkopfcurry - schauen und die nach einer Mischung aus Mango und Banane schmeckende, gelbfleischige Jackfruit probieren, schieben die Schwaben kopfschüttelnd von dannen.

Ein Hit ist der Wahrsager, der einen Papageienvogel die Karte mit der Schicksalsprophezeiung ziehen lässt. Der Süßwarenhändler im Shopping Center "Little India Arcade" lässt seine Kunden zuckersüße, wie Käsekuchen schmeckenden Leckereien aus Milch probieren. Dann gibt es eine kostenlose Sarikunde. Die Schweizerin Anja stellt sich als Model zur Verfügung. Zunächst muss sie in einen Art Unterrock steigen, der mit Bändern geschnürt wird. Das mindestens fünfeinhalb Meter lange Sarituch wird dann um den Körper gewickelt, in den Bund des Unterrocks gesteckt, der Rest solange kunstvoll gefaltet, bis nur noch ein, zwei Meter übrig sind, die elegant über der Schulter drapiert werden. "Der Unterrock muss fest sitzen, sonst passiert ein Malheur", lacht Geraldine.

Vier Gotteshäuser an einer Straßenecke

Zur Tour gehört auch der Besuch im Sri Veeramakaliamman Tempel. Die bunt-kitschigen Statuen der Hindugötter sind richtig hipp, während die blankbäuchigen Brahmanen-Priester in ihren leicht schmuddeligen Sarongs nicht wirklich klerikal wirken. Nicht weit von dem Tempel liegt die Kreuzung Clive und Weld Street, da, wo die muslimischen Inder wohnen. An der Ecke steht ein Banyan Baum, der im Animismus, Buddhismus und Hinduismus gleichermaßen eine hohe spirituelle Bedeutung hat. Rechts von dem Baum mit seinen kräftigen, überirdischen Wurzeln ist ein Schrein, der malaiischen Gottheit Na Tou Kong gewidmet. Im Schrein auf der anderen Seite haust ein chinesischer Erdgott. Ein paar Meter weiter stehen eine Kirche, eine Moschee und eben der Hindutempel. Singapur ist eine multireligiöse Stadt und die Religionen kommen bestens miteinander aus.

Den ultimativen Anschlag auf die Sinne führt die letzte aktive Gewürzmühle Kleinindiens aus. Die Luft riecht nach scharfen Masalas, den Gewürzmischungen für indische Currys. Die Wände, der Boden, die antiken Mühlen sind von einem feinen, gelblichen Puder bedeckt. Gerade werden drei Kilo Chilischoten zu feinstem Pulver gemahlen. Die Kundin, eine Hausfrau im bunten Sari, wartet draußen auf einer Bank. "Das reicht für drei, vielleicht vier Monate", sagt sie. Die Gewürzmüller arbeiten ohne Gesichtsschutzmasken. Die Besucher waren nur fünf Minuten in den Räumen, mussten aber danach mindestens zehn Minuten lang niesen.

Bestellung per Fingerzeig

Die Geschmacksnerven werden beim Mittagessen im unscheinbaren und überwiegend von einheimischen besuchten Komala Vilas Restaurant von einem Onion Rawa Masala gefordert. Wer mit den Namen der Gerichte nichts anfangen kann, kann sich von den Fotos auf der Karte leiten lassen, eine gute Hilfe, wenn man mit der indischen Küche nicht so vertraut ist. Serviert werden zum Beispiel reichlich große, knusprige Fladen von Reibekuchenkonsistenz und mit Zwiebeln, gefüllt mit einer gelben Gemüsepaste, begleitet von zwei vegetarischen Curry- und einer Jogurtsauce. Das und ein Mango Lassi machen den Gast um etwa zwei Euro ärmer.

Zum Abschluss empfiehlt sich ein Besuch im "Mustafa". In dem indischen Kaufhaus gibt es einfach alles: Bananen und Handys, Textilien und Autozubehör, sämtliche Gewürze Asiens und Reis sackweise. Alles ist groß im "Mustafa". Alleine die Abteilung für Goldschmuck umfasst ein halbes Fußballfeld. Goldschmuck ist bei Indern sehr beliebt. Früher wurden Frauen von Geburt an zu jeder Gelegenheit mit Goldschmuck beschenkt, als Versicherung für den Fall, dass es später mit der Ehe schief gehen sollte. Aber nur wenige Inder sind Goldschmuckhändler. Das goldige Geschäft ist nämlich fest in chinesischer Hand. Die Grenzen zwischen den ethnischen Gruppen sind in Singapur fließend und man kommt gut miteinander aus. Multikultur vom Feinsten.

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