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Malediven: Meer der bunten Perlen

Draußen herrscht deutsches Schmuddelwetter. Die ideale Zeit, um auf die Malediven im Indischen Ozean zu fliegen. Urlauber haben die Wahl zwischen 87 Inseln. Auf allen finden sie perfekte Entspannung - über und unter Wasser.

Aus der Luft wirken die Malediven so perfekt wie eine Computeranimation. Scheinbar aus dem Nichts tauchen die Inseln im tiefblauen Meer des Indischen Ozeans auf. Grüne Farbtupfer, gesäumt von weißen Stränden und Lagunen mit türkisfarbenem Wasser. In ihrer Mitte Kokospalmen und Bougainvillea-Büsche. Manche Inseln sind kreisrund, andere haben die Form von Herzen, Tropfen oder Spiegeleiern. Wie bunte Postkartenmotive sehen sie aus, fast kitschig.

Kein Besucher kann sich ihrem Zauber entziehen. Spätestens, wenn er vom Flughafen mit dem Boot unterwegs zum Hotel auf einer der Inseln ist, hat er das Gefühl, irgendwo in der Nähe des Paradieses gelandet zu sein. Die milde, feuchtwarme Luft streichelt die Haut, der Geruch von Meer und Salz steigt in die Nase. Wolkenloser Himmel, Wasser bis zum Horizont. Die Malediven mit ihren 1190 Inseln, Atollen und Korallenriffen sind ein Wunder der Natur. Und der Urlaubsindustrie: Wer den Archipel heute erlebt, kann kaum glauben, dass er erst vor gut 30 Jahren auf der touristischen Weltkarte auftauchte. Bis dahin gehörte der Inselstaat zu den ärmsten Ländern der Erde. Bekannt höchstens unter Seefahrern und Entwicklungshelfern. Seine Bewohner lebten mühsam vom Fischfang, ernährten sich von Meeresfrüchten und Kokosnüssen. Ein paar abenteuerlustige italienische Taucher waren angeblich die ersten Touristen. Ihre Erzählungen von den fantastischen Korallenriffen, dem ruhigen Meer, den schier endlosen Stränden lockten mehr und mehr Besucher an.

Einer von ihnen war Herbert Unger. Der damalige Maschinenbaustudent aus Roth bei Nürnberg kam 1978 zum ersten Mal als Hobbytaucher auf die Malediven. "Wir schliefen in primitiven Bambushütten am Strand", erinnert er sich. "Zu essen gab es nur zwei Gerichte: Fisch mit Bohnen aus der Dose oder Bohnen aus der Dose mit Fisch. Duschen mussten wir mit Meerwasser. Nur wenige Inseln hatten ganztägig Strom. Und trotzdem war es wunderschön." Zurück in Deutschland, hockte er im Hörsaal und bekam die Erinnerung an die magische Wasserwelt nicht aus dem Kopf. Ein Jahr später war Schluss mit Maschinenbau. Unger gründete im gerade eröffneten "Laguna Beach Resort" eine Tauchschule. Seitdem lebt er auf den Malediven.Ein Blick auf seinen Arbeitsplatz lässt vermuten, dass das unmöglich ein Fehler gewesen sein kann. Der 57-Jährige steht braun gebrannt und durchtrainiert wie ein 30-Jähriger auf dem Bootssteg, der auf die Insel des Laguna Beach führt. Er hat die Gelassenheit eines Menschen, der täglich jene Dinge tut, die ihm am meisten Spaß machen. Von seinem kleinen Büro aus schaut er direkt aufs Meer. Unter ihm gluckst und gurgelt das Wasser, ansonsten herrscht Stille. Jeden Tag schippert er mit Urlaubern hinaus, bringt Anfängern das Tauchen bei oder erkundet mit Profis Schiffswracks und Korallenbänke.

Unger weiß, wie fragil seine neue Heimat ist. Als 1998 das Klimaphänomen El Niño die Wassertemperatur um einige Grad steigen ließ, starben 95 Prozent der Korallenbänke rund um die Malediven ab. Aus der prallen Farbenpracht unter Wasser war eine graubraune Wüste geworden. Die verbliebenen Korallen hatten sich gerade ein wenig erholt, als im Dezember 2004 der Tsunami sein Unheil anrichtete. 82 Menschen starben in den Fluten, 26 gelten immer noch als vermisst, von den Hotels wurden 20 schwer beschädigt. Die Atolle und Korallenbänke schützten die Inseln zwar vor größeren Verwüstungen wie in Thailand und Sri Lanka - aber die Folgen für den Tourismus, die wichtigste Einnahmequelle der Malediven, waren verheerend. Die Buchungen brachen ein, viele Hotels, sonst zu fast 100 Prozent ausgelastet, blieben halb leer. Erst seit Herbst 2005 ist der Tsunami-Schock überwunden. "Jetzt, im Winter, sind die Gästezahlen etwa so hoch wie vor der Katastrophe", sagt Herbert Unger. "Aber wir haben mehr Asiaten und Russen. Die Deutschen halten sich noch zurück. Sie sind auch die Einzigen, die nach dem Tsunami und den Auswirkungen fragen. Die anderen Gäste interessiert das nicht mehr."

Die höchste Erhebung der Inselgruppe liegt keine zwei Meter über dem Meeresspiegel. Sollte der, als Folge der Klimaveränderung, in den kommenden Jahrzehnten steigen, würden die Malediven irgendwann untergehen. Vielleicht ist es das Bewusstsein um die Vergänglichkeit, das die Malediver veranlasst hat, sehr behutsam mit ihrer Heimat umzugehen. Hinzu kommt, dass sich für den Massentourismus Atolle nicht eignen, auf denen - von Kokosnüssen abgesehen - kaum Essbares wächst, auf denen jeder Tropfen Milch, jedes Stück Fleisch, jede Seife, jede Rolle Klopapier importiert werden müssen. Nur 87 der Inseln sind für Urlauber erschlossen, auf keinem Eiland gibt es mehr als ein Resort, die meisten beherbergen zwischen 100 und 150 Gäste. Auf manchen stehen nur wenige Bungalows für ein paar Dutzend Besucher. Das garantiert Ruhe und Exklusivität - und eine zahlungskräftige Kundschaft. Da die Nachfrage groß und das Angebot begrenzt ist, steigen seit Jahren die Preise. Neu eröffnete oder geplante Resorts gehören fast ausschließlich in die Fünf-Sterne-Kategorie. Bestehende Hotels bauen um, fügen größere, schönere, luxuriösere Zimmer, Villen und Spas hinzu. Ein beeindruckendes Beispiel für den Trend ist das im vergangenen Jahr eröffnete Huvafen Fushi, eine Art tropische Version des Schlaraffenlandes. Das Hotel hat die schmale, nur 350 Meter lange und 100 Meter breite Insel Nakatcha Fushi in eine Wellness-Wohlfühllandschaft verwandelt. Um die höchstens 86 Gäste kümmern sich 220 Angestellte - alle mit diesem Wirlesen-Ihnen-jeden-Wunsch-von-den-Augen-ab-Lächeln. Die Mehrzahl der 43 Bungalows steht auf Stelzen in der Lagune. Sie haben ihren privaten Pool, ihre eigene Veranda und im Fußboden des Wohnzimmers ein Fenster mit Blick auf den Meeresgrund. Die Massageräume des Spa liegen unter Wasser. Hinter dicken Scheiben schwimmen glotzend bunte Fische vorbei. Man mag sich fragen, warum die unbedingt Augenzeugen diverser Öl- und Aromatherapien sein müssen, aber der Gag kommt bei der Kundschaft gut an.

Doch Vorsicht: Ein Urlaub auf den Malediven kann auch Tücken haben. Wer Abwechslung, Kultur, Geschichte sucht, wer sich für das Leben fremder Völker interessiert, hat die falsche Destination gebucht. Hier geht es um Natur, um Entspannung und Stille. Die Abende sind lang, das Unterhaltungsprogramm ist kurz, wenn es denn überhaupt eines gibt. Wer mit sich oder seinem Partner nichts anzufangen weiß, dem helfen auch Traumstrände und Luxus nur begrenzt weiter. Jeder Hotelmanager kennt Paare, die frühzeitig abreisten, weil sie die Ruhe nicht ertrugen. Das Kontrastprogramm zum Huvafen Fushi findet auf Sun Island statt. Ein All-inclusive-Spaß-Resort für die Familie. Im Vergleich zu den elitären Anlagen ist das Hotel die maledivische Version der Bettenburg. Bei der Ankunft fragt sich der Besucher allerdings, wo die Zimmer der fast 1000 Gäste sind. Er sieht nichts als Strand und Palmen. Die Bungalows, die Tennis- und Squashplätze, die 15 Restaurants und Bars liegen versteckt in der tropischen Vegetation. Selbst in dieser großen Anlage mit Karaoke und Live-Musik kann der Besucher jedem Trubel entfliehen. Der Spa-Bereich gehört zu den schönsten der Malediven. An der Inselspitze liegen den ganzen Tag über vereinzelt Urlauber im Schatten der Palmen. Am Abend sitzen Pärchen bei Fackelschein am Strand und dinieren. Rainer Baciulis ist auf dem Weg in einen Whirlpool auf Sun Island. Er sieht sehr entspannt aus. Der ehemalige Manager, gerade aus München angekommen, ist Anfang 60 und in Frühpension. Er verbindet sozusagen die paradiesischen Aspekte des deutschen Sozialstaats mit den Vorzügen eines Tropenparadieses. Seine Pension reicht aus, um sich längere Zeit auf den Malediven vom Rentnerstress zu erholen. In München ist es sehr kalt, sagt er, und Kälte liegt ihm nicht. Er wird gleich drei Monate auf Sun Island bleiben. "Es gibt", schwärmt er, "für mich keinen schöneren Ort auf der Welt, wo ich so abschalten kann." Nach einer kurzen Pause fügt er, nun wieder ganz Manager, hinzu: "Zumindest keinen, wo das Preis-Leistungs-Verhältnis so optimal ist." Jan-Philipp Sendker

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