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Alligatoren in Floridas Nationalpark: Nervenkitzel in den Everglades

Den Süden Floridas nehmen die Everglades ein, eine wilde Sumpflandschaft von 6000 Quadratkilometern. Auf einigen Trails im Nationalpark kommt man den Alligatoren nahe - ohne schützende Glasscheibe.

Von Hannah Glaser

Erhöhter Trail: Entdecker laufen in sicherer Entfernung zum Boden - und zu allem, was darauf kriecht.

Erhöhter Trail: Entdecker laufen in sicherer Entfernung zum Boden - und zu allem, was darauf kriecht.

Noch einen Schritt zurück, Mama krieg ich euch beide aufs Bild, ruft die Tochter. Sie hält ihr Smartphone in Augenhöhe, mal hoch, mal quer, die Fingernägel leuchten neongrün in der Sonne. Die Frau zögert, blickt sich um und macht einen sehr kleinen Schritt nach hinten - ihre Waden sind jetzt keinen Meter mehr vom Maul eines Alligators entfernt, der im Halbschatten mit starr geöffnetem Kiefer neben dem Weg liegt und sich nicht regt.

Frühmorgens begegnet der Mensch in den Everglades mit etwas Glück diversen Spezies, der eigenen aber nur selten. Die Luft klebt vom Dunst und riecht flüchtig nach Fäulnis, doch der Duft verfliegt, ehe man ihn benennen kann. Es gluckst und trieft in dieser Wildnis im Süden Floridas, einer archaischen Welt aus Wasser, Sumpf und knöchernen Bäumen, keine Autostunde von den Sandstränden Miamis entfernt. Waschbären, die sich selten zeigen, teilen sich das Terrain mit Reihern, Pelikanen und Pythons - die sich zu einer Plage entwickelt haben.

Wie Tauben in Venedig

Es verursacht ein mulmiges Gefühl, dass die reichlich mit Zähnen bestückten Alligatoren ganz ohne schützende Glasscheibe am Wegrand dösen. Aber sie sind satt und jagen nur nachts, versichern die Guides, weshalb man den Anhinga Trail problemlos allein gehen kann. Es ist der spektakulärste Wanderweg im Süden des mehr als 6000 Quadratkilometer großen Nationalparks. Anfangs begegnet man den Alligatoren noch auf ebener Erde, später führt ein stabiler hölzerner Steg auf Stelzen über sie hinweg. Auf dessen Handlauf sitzen die namengebenden Anhingas, Vögel mit überlangen Hälsen. Sie spreizen weit ihr Gefieder, um die Flügel zu trocknen, und schauen auf die tatenlosen Echsen hinab.

Auch wenn der Mississippi nicht durch Florida fließt: Das Everglades-Exemplar nennt sich Alligator  mississippiensis.

Auch wenn der Mississippi nicht durch Florida fließt: Das Everglades-Exemplar nennt sich Alligator mississippiensis.

Weil sie so träge aussehen und dabei doch die Attacke aus dem Nichts beherrschen, gelten Alligatoren als "Lauerjäger". Was, wie heute im "Homestead Herald" zu lesen war, einem Hund beim abendlichen Gassigehen zum Verhängnis wurde. Er hieß Fluffy, und seine Besitzerin wollte nur mal eben mit ihm um den Block. Glaubt man Christi Carmichael im Visitor Center der Everglades, dann sind die Jäger in den Sümpfen Floridas so zahlreich wie die Tauben in Venedig. Nur dass man sie selten sieht, weil sie den Tag unter Wasser verdämmern und die Welt aus der Deckung heraus scannen, mit Augen, die wie Mini-Periskope ins Licht ragen.

Wenn sie sich zeigen, dann in der trockenen Winterzeit, wenn die Landschaft eher Prärie als Sumpf ist. Zwischen Dezember und April lungern sie fett und faul und für jeden sichtbar in der Sumpflandschaft. Wie eine Ladung Holz, die vom Laster gekippt ist, liegen sie da, massenweise nebeneinander, übereinander, kreuz und quer. Sie müssen sich nicht verstecken, die Beute wird so oder so kommen, dafür haben sie mit einem Trick gesorgt, der sie seit der Dinosaurierzeit hat überleben lassen.

Gator Holes am Anhinga Trail

Sobald der Sommer und damit die Regenzeit zu Ende geht, baggern sie mit Maul und Schwanz Löcher ins Erdreich, "Gator Holes" genannt, Tümpel, so groß wie ein Wohnzimmer, die sich mit Wasser füllen. An diese Löcher flüchtet dann alles Viehzeug der Everglades vor dem Verdursten - von der Wasserschildkröte bis zum Wildschwein. Es ist ein All-you-can-eat-Buffet für Alligatoren, das umso üppiger gedeckt ist, je länger die Trockenzeit dauert.

Der Anhinga Trail führt an vielen solcher Gator Holes vorbei, aber noch sind sie unsichtbar, weil es zu feucht ist und die Alligatoren abtauchen. Sonnenlicht züngelt schräg durch das Mangrovengewirr und leckt im Widerspiel des Wassers von unten an den Brettern des Stegs. Dort wo der Weg durch den Schatten führt, wirbeln Mückenwolken im Kreis, und wenn man stehenbleibt und eine Weile aufs Wasser blickt, kann man unstete Fischschwärme beobachten und auch einzelne, größere Exemplare, die an dicken Steinen gründeln.

Plötzlich erkennt man etliche Augenpaare, die aufpoppen. Libellen steigen hoch, und eine Wasserspinne huscht auf haardünnen Beinen dicht an einem Augenpaar vorüber. Das zuckt nicht mal, sondern starrt einfach weiter. Mit dem gleichen lauernden Blick wie die Artgenossen vor Jahrmillionen.

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