HOME

Florida: Der Zauber eines Miami-Urlaubs: Der bunte Wechsel zwischen den Welten

Schnelle Autos, schöne Menschen, lange Sandstrände: Miami Beach wirkt wie die Kulisse für ein großes Schaulaufen. Wenige Kilometer entfernt entdeckt man eine ganz andere Welt.

Von Jochen Siemens

Am Ocean Drive  direkt am Strand ist für seine vielen Art-déco-Hotels bekannt

Am Ocean Drive  direkt am Strand ist für seine vielen Art-déco-Hotels bekannt

Getty Images

Es ist wie mit einem Cocktail, von dem Freunde erzählen. Pfirsich, Melone, Champagner und ein dicker Schuss Wodka oder so, schön bunt, schön kalt, und jede Minute ist dein Freund. Oder deine Freundin. Du in Badehose oder Bikini und deine Gedanken in Flip-Flops, man kann doch in Hawaiihemden auch wohnen, oder? Okay, das waren jetzt schon zwei Gläser, und ein drittes geht auch noch, aber dann besser weiterfahren, bevor einem schwindelig wird, erholen und vielleicht noch mal zurückkehren. So ähnlich ist das hier, in Miami Beach.

Sieht schon von Weitem aus wie ein Versprechen: endloser weißer Sandstrand, nicht nach der Uhr leben, sondern mit Sonnenauf- und Sonnenuntergang; an einem Ort sein, an dem die Menschen Posen zum Lebensinhalt gemacht haben. Das ist großartig hemmungslos. Nirgendwo sind die Neon-Bikinis und Neon-Badehosen greller als hier; nirgendwo röhren türkisfarbene Ferraris und Lamborghinis so fröhlich, nirgendwo ist Silikon so normal, sind Männermuskeln geölter. Klingt furchtbar? Nein, Miami Beach ist ein großes öffentliches Schauleben und -laufen von Darstellern, man selbst der Zuschauer.

Wer Miami Beach nicht kennt, kennt Florida nicht. Man muss hier nicht zwei Wochen sein, der Strand ist zwar immer schön, aber er wird mit der Zeit nicht interessanter. Besser ist es, hier anzufangen, gleich eine volle Ladung Florida, und dann weiterfahren auf die sehr lange Straße der Keys-Inseln, um sich am Ende, in Key West, einmal wie der frühere Bewohner Ernest Hemingway zu fühlen und um dort den Sonnenuntergang zu betrachten. Oder in die Sümpfe, die Everglades, um Krokodile zu besichtigen. Oder einmal durch den Landfinger Floridas auf die andere Seite – Fort Myers und Sanibel Island.

Bleiben wir mal in Miami Beach

Der Name kommt vom indianischen "Mayaimi", was "großes Wasser" bedeutet. Tatsächlich ist der Ort eigentlich eine lange Düne, durch Brücken mit dem Festland verbunden. 1876 bauten sie hier das erste Haus, eine Notstation für Schiffbrüchige. Investoren eröffneten 1915 ein erstes Hotel. Miami Beach wurde als Badestrand vom neu gegründeten Miami entdeckt. Und ist es bis heute geblieben, nur wurde aus dem einen Hotel eine kilometerlange Reihe aus hochstöckigen Großherbergen und Apartmenthäusern. Etwa 92.000 Einwohner hat die Stadt, die meisten von ihnen arbeiten im Tourismus. Ankommen geht schnell, vom Flughafen dauert es 30 bis 40 Minuten, bald liegt die Stadt hinter einem und Miami Beach vor einem. Dort geht es rechts nach South Beach, links nach North Beach. Rechts ist lauter.

Der kilometerlange Sandstrand von Miami Beach

Der kilometerlange Sandstrand von Miami Beach

Getty Images

Die wesentliche Ader der Stadt heißt Collins Avenue, die sich durch ganz Miami Beach zieht und an der die meisten Hotels am Strand stehen. Von Fünfsterne-Superluxus bis zu Zweisterne-Normalität mit Poolwanne ist alles dabei. Je näher am Zentrum, umso teurer. Wobei es sich leicht bewegen lässt in Miami Beach; Busse fahren oft, Trolleys, also Kleinbusse, sind sogar gratis, der Fahrdienst Uber ist allgegenwärtig, Räder kann man an Stationen mieten. Wer hier ein paar Tage bleiben will, braucht keinen Leihwagen, der zudem pro Nacht oft 25 Dollar Hotelparkplatzgebühr kostet.

Und nun? Einfach hier sein. Sich treiben lassen, schauen, gucken, staunen. Zuverlässige Temperatur: meistens um die 25 Grad. Allerdings mag es im Spätsommer auch mal regnen, es kann dann auch einer der berüchtigten Hurrikans durchtoben. Also, vor Reisebeginn immer nach der Sturmsaison fragen.

Joggingstrecke und Laufsteg

Wo nun anfangen? Am besten mit dem Miami Beach Boardwalk, einem breiten Holzfußweg am Strand. Er beginnt im Norden am Indian Beach Park und endet gut sechs Kilometer südlich, auf der einen Seite das Meer, auf der anderen die Stadt. Joggingstrecke, Laufsteg, Startbahn, was auch immer – von morgens früh bis in die Nacht ist der Boardwalk der ruhigste Ort, um die Hektik links liegen zu lassen. Von hier kann man dann immer wieder in die Stadt einbiegen, gucken, erleben, staunen – und wieder zurück.

Erster Abstecher von Norden kommend ist die Lincoln Road, eine bunte, laute, volle Fußgänger-Einkaufsstraße mit Restaurants, Boutiquen und Miami Vibe. Sollte man gesehen haben, wenn man hier ist. Aber auch, Achtung, mit kernigen Preisen in den Lokalen. Wie überall in Miami Beach findet man mit ein wenig Geduld in den Nebenstraßen oder am westlichen Ende der Lincoln kleinere und bessere Restaurants und Bars, die günstiger sind.

In den Straßen von Miami Beach parken viele Oldtimer

In den Straßen von Miami Beach parken viele Oldtimer

Getty Images

So, nächster Abstecher vom Boardwalk bei der 15. Straße. Man sieht sie schon von Weitem, die Art-déco-Häuser und -Hotels, die hier in den 20er und 30er Jahren gebaut wurden und die bis heute in ihren Bonbon- und Pastellfarben ein beliebtes Postkartenmotiv sind. Hier, an der Strandstraße Ocean Drive, können Besucher nun Tag und Nacht geballtes Miami Beach erleben.

Ganz am Anfang sieht man die weiße Villa Casa Casuarina, einst das Haus von Gianni Versace, der 1997 hier auf der Treppe erschossen wurde. Die barock-schwülstigen Zimmer werden heute vermietet, die Nacht für etwa 1000 Euro. Der glamouröse Ruf des Ocean Drive stammt aus der Zeit, als Prinzessin Diana und Madonna bei Versace zu Besuch kamen und viele der früheren Topmodels am Strand für die "Vogue" fotografiert wurden.

Das ist lange her. Heute ist von der High Fashion nicht mehr viel zu spüren, aber die Show, das Vorzeigen von Körpern und Kleidern ist geblieben, wenn auch mit anderen Darstellern. Teurer wird die Aufführung einmal im Jahr zur "Art Basel Miami Beach", wenn millionenschwere, oft russische Kunstsammler samt Gefolge anreisen, alles wunderbar nachzulesen in Tom Wolfes Roman "Back to Blood". Was Wolfe beschreibt, kann man etwa im "News Cafe" am Ocean Drive gleich miterleben.

Doch Prominenz und Kunst gehen in Miami Beach auch anders – ruhiger, erdiger, interessanter, etwa auf der North Bay Road. Sie liegt etwas entfernter, aber ist mit gemieteten Fahrrädern gut zu erreichen: eine ruhige, lange Straße am Wasser, an das man nicht gelangt, weil dort sehr viele Villen stehen. Aber mit Glück spaziert einem Phil Collins über den Weg, oder Barry Gibb fährt zum Einkaufen. Ricky Martin wohnte auch mal da, und die Beatles ließen sich hier fotografieren. Die Gegend um die North Bay Road ist wirklich die gelassenste Star-Meile der Welt, und Barry Gibb erzählte einmal, dass er hier schon morgens im Bett seine Stimme auf die Falsett-Bee-Gees-Höhe bringe, wenn er einen Auftritt habe.

Wechsel der Welten

So, und wenn man schon auf dem Weg ist, lohnt sich die Fahrt über den Julia Tuttle Causeway, eine der Brücken, die Miami mit Miami Beach verbindet, um nach Wynwood in Miami zu fahren. Wynwood ist das Viertel gleich am Ufer. Früher war es eine Fabrikgegend, die dann aber lange verwaist war, bis die Kunstszene den "Industrial Chic" entdeckte und viele Galerien, Cafés und Geschäfte einzogen. Das ist dann wirklich ein Kulissenwechsel der besonderen Art.

In Wynwood: Anlässlich der Art Basel Miami Beach wird eine Hauswand mit einem Gemälde von  Cloe Hakakian verschönert.

In Wynwood: Anlässlich der Art Basel Miami Beach wird eine Hauswand mit einem Gemälde von  Cloe Hakakian verschönert.

Getty Images

Auf einmal riecht die Luft nach Berlin oder New York, auf einmal keine Neon-Bikinis und keine Körperprotzer mehr, sondern ein beinahe europäisches Miami – mit großen Galerien, Straßenkunst und Espresso bei "Zak The Baker", einer der besten Bäckereien vor Ort. Etwa 15 Minuten vom Strand entfernt, ein anderer Planet.

Und wieder zurück über die Brücke. Der Zauber aus Miami und Miami Beach besteht aus diesem Wechsel der Welten. Man lernt schnell, sich darin zurechtzufinden. Denn die Kulisse der Darsteller in Miami Beach ist bald durchschaut und macht den Blick frei für die Fugen, Ecken und abseitigen Winkel, wo das Leben wahrer ist.

Man muss ein wenig in die Stadt einsickern, dann entdeckt man irgendwann auch Haulover Park im Norden, mit einem gepflegten Strand, wo es sogar einen abgetrennten FKK-Bereich gibt. Oder man läuft an der Bodega Taqueria y Tequila vorbei, einem der besten mexikanischen Imbisse, mit einer Bar nebenan.

Hier wird das Darstellen weniger und das Dasein mehr und Miami Beach wie zu einer bunten Quelle in der Nacht. Wer das mag, versteht irgendwann Will Smith, der in seinem Hit "Miami" sang: "Ich kam nur für zwei Tage zum Spielen. Aber jedes Mal, wenn ich komme, bleibe ich."

Lesen Sie auch:


Wissenscommunity