HOME

Panamericana: Von Alaska bis nach Feuerland

Über rund 30 000 Kilometer führt die Schlagader Amerikas - durch Dschungel, Steppen und Schneeberge, durch Dörfer und Metropolen. Der Fotograf Peter Gebhard fuhr die Strecke ab und ist mit beeindruckenden Bildern zurückgekehrt.

Mal ist sie Schotterpiste und mal zehnspurige Autobahn. Im Norden führt sie durch Millionenmetropolen, im Süden durch Dschungel, Pampas und Prärien, vorbei an Vulkanen, Wasserfällen und Salzseen. Ihre Route verläuft von Alaska bis hinunter nach Feuerland - durch 17 Länder und durch vier Klimazonen. Für viele Menschen ist sie die Traumstraße der Welt: die Panamericana.

Der Gedanke, die Länder des Kontinents mittels einer Fernstraße zu verbinden, kam erstmals 1923 bei einer Interamerikanischen Konferenz in Santiago de Chile auf; zwei Jahre später unterzeichneten 17 Staaten einen Vertrag über den Bau des Pan-American Highway. Die neue Achse, hieß es in der Präambel, sollte nicht Menschen und Güter schneller voranbringen, sondern auch "der Idee des allgemeinen Friedens und der gemeinsamen friedlichen Ziele der Völker dienen". Stück für Stück setzte sich die Strecke zusammen. Heute gehört zur Trasse auch ein weit verzweigtes System von Schnellstraßen, von denen viele parallel, manche quer zur Hauptstrecke verlaufen. Nur an einer Stelle klafft noch eine Lücke: Im Osten von Panama und im Nordwesten von Kolumbien läuft die Panamericana in Sandwegen aus; zwischen beiden Ländern liegt das rund 100 Kilometer lange Darién Gap, eine sumpfige Dschungelregion, die sich nur auf dem Wasserweg überwinden lässt. Immer wieder lockt die Panamericana Abenteurer, die sich mit Motorrad, Pkw oder Kleinbus auf den Weg entlang der Pazifikküste machen. Für den, der die rund 30 000 Kilometer geschafft hat, gibt es viel zu erzählen, von Fahrzeugen, die in Schlammlöchern versanken, von mühseligen Verhandlungen mit korrupten Grenzern.

Der Fotograf Peter Gebhard hat sich auf die lange Reise gemacht und jetzt ein Buch mit traumhaften Bildern darüber veröffentlicht. Es ist kein optisches Porträt seiner Reise, sondern der eindrucksvollsten Stationen. Gebhard: "Anekdoten sind schon genug erzählt. Ich habe mich, neben den Landschaften, vor allem den Menschen gewidmet. Im Zeitalter der Globalisierung wollte ich wissen, wie viel eigenständige Kultur bei den Völkern entlang der Route noch erhalten ist." Hoch im Norden Kanadas sieht es da eher traurig aus. Vom Eskimo-Volk der Inuvialuit leben 70 Prozent von der Sozialhilfe, viele Menschen sind alkoholabhängig, der Handel mit Robbenfellen ist verboten, alte Jagdrituale sind damit hinfällig geworden. In den oft schwer zugänglichen Regionen im Süden des Kontinents hingegen haben sich viele Bräuche gehalten - so bei den Schamanen im Hochland von Bolivien. Um den Fußballern zum Sieg zu verhelfen, ruft der Zauberer des Ortes schon mal den Geist einer alten Kupfermine, verbrennt das Fett von schwarzen Hühnern, gießt hochprozentigen Schnaps in sich hinein und vergräbt Kokablätter an den Eckfahnen des Spielfelds. Die Idee zu seinem Buchprojekt kam Gebhard Anfang 2001. Er hatte die Arbeit am Bildband "Der Weg der Inka" fertig gestellt und reiste mit seiner Frau durch Mexiko. Als sie sich bei einem Abstecher nach Guatemala am Neujahrstag auf der Ladefläche eines Pick-up wiederfanden, stellten sie fest, dass sie gerade über ein Teilstück der Panamericana rollten. "Auch ein gutes Thema, dachten wir uns", erzählt Gebhard. Noch im selben Jahr unternahm er für erste Recherchen Reisen nach Mexiko, Peru und Venezuela; 2004 dann setzte er sich in Alaska ins Auto, um die gesamte Strecke abzufahren. Um das unsichere Kolumbien, durch das die Panamericana auch führt, schlug er dabei einen weiten Bogen. Für einzelne Etappen war immer wieder der Journalist Wolf Alexander Hanisch dabei und beobachtete das Leben entlang der Strecke. Seine Storys sind Bestandteil des Buchs, etwa über das wilde Osterfest der Huichol in Mexikos Sierra Madre, über Goldsucher im Südosten Venezuelas oder über einen Tropenkarneval im Regenwald Brasiliens. Es zeigte sich, wie hilfreich die Abstecher waren, die Gebhard zuvor unternommen hatte. "Die Bilder einer Schamanen-Zeremonie hätte ich nie machen können, wenn ich nur einmal mit dem Auto über den Kontinent gerollt wäre", sagt er. "Man braucht schon etwas Zeit, um das Vertrauen der Menschen zu gewinnen." Keine Vorarbeit jedoch hilft, wenn man nachts um 23 Uhr die Grenze nach El Salvador überqueren will. "Auf einmal tauchten fünf, sechs Gestalten im Dunkeln auf, sie führten uns in eine Ruine, in der wir dann irgendwelche Schriftstücke unterzeichnen sollten - das war schon gruselig." Also doch eine Anekdote? "Stimmt", sagt Peter Gebhard, "eigentlich wollte ich die erst erzählen, wenn ich auf Vortragsreise gehe."

Alf Burchardt / print

Wissenscommunity