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Hindufest Kumbh Mela: Baden in der Unsterblichkeit

Millionen Hindus pilgern zum größten religiösen Fest der Welt in Nordindien. Sie steigen ins heilige Wasser des Ganges, um ihre Seelen zu reinigen. Fotograf Alex Webb hat das Hindu-Festival miterlebt.

Beim Kumbh-Mela-Festival: angehende Sadhus auf dem Weg zu einem Initiationsritual.

Beim Kumbh-Mela-Festival: angehende Sadhus auf dem Weg zu einem Initiationsritual.

Gelber Dunst hing in der Luft. Es war der Nebel, der über den Ganges ins schwache Licht der Natriumdampflampen am Ufer von Allahabad zog. Die ersten Pilger krochen aus ihren Zelten. Frühmorgens, noch vor Sonnenaufgang, konnten sie sich beinahe ungestört ihren Opferritualen widmen und ihre spirituellen Waschungen zelebrieren. Intime Momente, in denen ich etwas von der Spiritualität spüren konnte, die das Hindu-Fest Kumbh Mela verströmt.

Es war auch jene Zeit des Tages, in der ich ungehindert fotografieren konnte. Wenig später war es damit vorbei. Menschenmassen bevölkerten die riesige Zeltstadt im Norden Indiens, in die zwischen Mitte Januar und März etwa 70 Millionen Hindus pilgerten. Rauch und Staub schwängerten die Luft. Aus den Lautsprechern klangen Musik und Gebete. Am Hauptbadetag beherbergte die temporäre Mega-City mit eigens errichteten Krankenhäusern, Straßen, Feuerwehrstationen und Brücken 30 Millionen Menschen - mehr als London, Tokio und New York zusammen.

Dem Mythos nach haben die Götter hier einst mit den Dämonen um einen Krug (kumbh) gestritten, der mit Unsterblichkeitsnektar gefüllt war. Dabei verschütteten sie vier Tropfen des kostbaren Saftes. Sie fielen auf die Erde, auf Allahabad, Haridwar, Ujjain und Nashik. Wer dort ein Bad nimmt, so heißt es, wäscht sich rein von allen Sünden und wird selber unsterblich. Alle zwölf Jahre, wenn Sonne, Mond und Jupiter besonders günstig zueinander stehen, begehen die Hindus das "Fest des Kruges" in Allahabad, wo Ganges, Jamuna und der nur in der Mythologie existierende Saraswati zusammenfließen.

Ein Strom voller Fäkalien

Nun ist der Ganges nicht gerade ein Fluss, in dem ein Bad zu empfehlen wäre - von einer Kostprobe der dreckigen Brühe ganz zu schweigen. In den heiligen Fluss der Hindus fließen massenweise Industrieabwässer und Fäkalien, auch wenn an seinen Ufern nicht Millionen Menschen meditieren. Trotzdem baden die Pilger in dem Wasser und trinken davon. Ich war einigermaßen erstaunt, dass die einzige Krankheit, an der manche Gläubige litten, eine ganz normale Erkältung war.

Am Zusammenfluss von Ganges und Jamuna: Während des Pilgerfestes überspannen 18 Pontonbrücken den Ganges.

Am Zusammenfluss von Ganges und Jamuna: Während des Pilgerfestes überspannen 18 Pontonbrücken den Ganges.

Ich selber habe mich nur bis zur Hüfte in den Fluss gewagt. Aber ich hatte ja auch nicht vor, spirituelle Erleuchtung zu finden. Ich wollte Fotos machen - und dafür war ich bereit, einiges zu riskieren. An den Hauptbadetagen, an denen Millionen Menschen ins Wasser drängten, war es nicht so leicht, an jene Stellen zu gelangen, die ich mir zum Fotografieren ausgesucht hatte. Manchmal kam ich in der Menge nicht mehr vorwärts. Dann bahnte ich mir einen Weg zurück, um im weiten Bogen das Meer von Pilgern zu umrunden. Das hat mich viel Zeit gekostet.

Millionen Pilger mit kollektivem Bewusstsein

Die Tribünen für die Presseleute standen sehr weit weg vom Wasser. Um dichter heranzukommen, kroch ich unter Absperrungen hindurch, immer darauf bedacht, mich nicht von der Polizei erwischen zu lassen. Einmal enterte ich einen hohen Zaun, klebte mit einem Tape mein Stativ an einem Pfahl fest und wartete. Ein Kollege musste mich dabei am Bein festhalten, weil ich sonst heruntergefallen wäre.

Angst vor der Menge hatte ich nie, sie strahlte eine sehr positive Energie aus. Einen Unfall gab es erst bei der Abreise. Auf dem Bahnhof brach eine Panik aus, und 36 Menschen kamen ums Leben. Es ist ein Wunder, dass während des Kumbh-Mela-Festivals nicht mehr passiert. Vielleicht liegt es daran, dass die Pilger in eine Art kollektives Bewusstsein eintauchen. Vereint in ihrem Glauben, wirken sie zugewandt und hilfsbereit. Ich bin froh, dass ich beim größten Fest der Erde dabei sein durfte. Es hat mir eine Vorstellung davon vermittelt, wie es sein kann, wenn Millionen Menschen friedlich zusammenleben.

Von Axel Webb