Leichtathletik Jamaika-Duo rennt um Unsterblichkeit

Beim Sprint-Gipfel geht es heute um die prestigeträchtigste aller 302 Goldmedaillen von Peking. Das Jamaika-Duo Usain Bolt/Asafa Powell wird den Olympiasieg im 100-m-Lauf wohl unter sich ausmachen, da US-Star Tyson Gay kläglich im Halbfinale scheiterte. Doch bei aller Hysterie - das Thema Doping liegt seit Ben Johnsons "Urknall" vor 20 Jahren wie ein großer Schatten über dem schnellsten aller Rennen.

Beim olympischen Sprint-Gipfel steht heute um 16.30 Uhr die prestigeträchtigste aller 302 Goldmedaillen der Olympischen Spiele von Peking auf dem Spiel: der 100-m-Lauf der Männer. Weltrekordler Usain Bolt aus Jamaika sowie sein Vorgänger und Landsmann Asafa Powell werden den Sieg wohl unter sich ausmachen. Denn Dreifach-Weltmeister Tyson Gay aus den USA scheiterte in 10,05 Sekunden als Fünfter im Halbfinale kläglich. Jeder von ihnen hat mindestens schon einmal Geschichte geschrieben, nun allerdings geht es in der Heldenfabrik Olympia um Unsterblichkeit.

"Wenn jemand die 100 m morgen schneller läuft, bin ich den Weltrekord wieder los, deshalb ist Olympia das Größte", sagte Bolt schon nach seinem Sturmlauf zu 9,72 Sekunden am 31. Mai in New York. Der WM-Zweite über 200 m, der in seinem Halbfinallauf mit lockeren 9,85 Sekunden mehr als überzeugte, kann als erster Athlet nach Carl Lewis 1984 und als neunter insgesamt das olympische Sprint-Triple (100 m, 200 m, 4x100 m) gewinnen und außerdem das erste 100-m-Gold für Jamaika. Erst kurz vor den Spielen hatte Trainer Glen Mills entschieden, ihn außer auf seiner Lieblingsdistanz, den 200 m, auch auf die 100 m zu schicken. Sein größter Rivale ist Powell, der in seinem Halbfinalrennen starke 9,91 Sekunden lief. Alle anderen sechs Final-Starter dürften keine Rolle spielen, wenn es vor 91.000 Leichtathletik-Fans im Pekinger "Vogelnest" und geschätzten gut eine Milliarde Fernsehzuschauern um Gold geht.

Ben Johnsons "Urknall" erschüttert Sportwelt

Doch bei aller Hysterie um einen erhofften "Magic-Moment" - das Thema Doping liegt wie ein großer Schatten über dem Rennen aller Rennen. Ben Johnsons "Urknall" vor 20 Jahren erschütterte die Sportwelt leitete den ernsthaften Kampf gegen Doping ein. Doch viele haben den Warnschuss bis heute nicht gehört. Vor allem die Sprinter wollten aus der Erbsünde von "Big Ben" partout nichts lernen. Sportbetrüger verloren Ruhm und Ehre, Olympiasieger und Weltmeister wurden Weltrekorde und Medaillen wieder los. Besonders die 100 Meter sind ein Sündenpfuhl: Wenn die Post auf der prestigeträchtigsten Leichtathletik-Strecke abgeht, ist den menschlichen Muskel-Maschinen jedes Mittel recht.

Ben Johnson (Stanozolol/1988 und 1993), Dennis Mitchell (Testosteron/1998), Dwain Chambers (THG/2004), Tim Montgomery (2005), Justin Gatlin (Testosteron/2006) - alle gedopt. Auch Katrin Krabbe (Clenbuterol/1992), Kelli White (Modafinil/2003) und Torri Edwards (2004/Nikethamid) hat es erwischt. Die geständige Dopingsünderin Marion Jones sitzt wegen Meineids seit dem 7. März sogar im Gefängnis. Vor den Olympischen Spielen in Peking bat sie US-Präsident George W. Bush um Begnadigung.

Trevor Graham, lange Jahre Trainer der inzwischen gesperrten 100-Meter-Weltrekordler Montgomery und Gatlin sowie von Jones, hatte in Raleigh/North Carolina ein richtiges Dopingzentrum aufgebaut. Nun drohen ihm fünf Jahre Haft. Die US-Anti-Doping-Agentur Usada hat ihn lebenslang gesperrt. Der 44-jährige gebürtige Jamaikaner ist auch wegen Meineids im Zusammenhang mit Doping angeklagt. Im kalifornischen Balco-Labor "köchelten" Chemiker neue Designerdrogen wie THG, Balco-Chef Victor Conte verteilte die Mittel an Athleten und Trainer.

Absturz des Sprintstars Montgomery

Drei Jahre nach seinem Weltrekord (2002 - 9,78 Sekunden) stürzt der US-Amerikaner Montgomery im Zuge der Balco-Ermittlungen über für ihn folgenschwere Indizien. Lügen hilft nicht mehr: Der Lebensgefährte von Marion Jones wird im Dezember 2005 vom Internationalen Sportgerichtshof Cas wegen Doping rückwirkend für zwei Jahre gesperrt und erklärt seinen Rücktritt. Der tiefe Fall geht noch weiter: Montgomery wird Heroinhandel vorgeworfen. Im Prozess wegen Drogenbesitzes bekennt er sich vor Gericht schuldig. Im Mai wird der gestürzte Sprinter wegen Geldwäsche und Scheckbetrugs zu einer Haftstrafe von 46 Monaten verurteilt.

Auch sein Landsmann Justin Gatlin darf sich nicht lange mit dem Superlativ "schnellster Mann der Welt" schmücken. Am 12. Mai 2006 stellt er Powells Weltrekord (9,77) ein, am 29. Juli gesteht der Olympiasieger und Doppel-Weltmeister den Sündenfall: Testosteron. Am 6. Juni schmettert der Cas den Antrag Gatlins ab, seine ohnehin bereits verkürzte Achtjahressperre noch einmal halbieren zu lassen.

Bis zum 25. Juli 2010 bleibt Gatlin gesperrt, die Trotzreaktion kennt man - so oder ähnlich - von anderen "unschuldigen" Dopingsündern. "Ich werde weiter um mein Recht kämpfen, an der großartigen Sportart Leichtathletik innerhalb eines Zeitrahmens kürzer als vier Jahre teilzunehmen", kommentierte der Olympiasieger die Cas-Entscheidung und beteuerte: "Ich war nie in irgendwelche internationale Doping-Machenschaften verstrickt."

"Die größte Herausforderung für unsere Sportler ist, die Öffentlichkeit zu überzeugen, dass sie sauber sind und ohne Doping mithalten können. Unsere heutigen Athleten haben verstanden, dass sich Betrug nicht lohnt, da man gefasst wird", sagt der dreimalige Hürden-Weltmeister Greg Foster (USA). Ob wirklich jeder verstanden hat? Ben Johnson jedenfalls nicht: 1993, fünf Jahre nach dem Sündenfall von Seoul, wird der Kanadier erneut erwischt und für immer aus dem Verkehr gezogen.

joe/DPA/SID DPA

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