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Reisetagebuch: Wo Realisten zu Träumern werden

stern.de-Autor Helge Bendl hat sich in Südafrika einmal abseits der bekannten Touristenpfade bewegt und in seinem Reisetagebuch einige Besonderheiten des Landes aufgeschreiben.

Die berauschende Schönheit der Natur. Das ist wohl das Erste, was Menschen beim Gedanken an eine Südafrika-Reise durch den Kopf geht. Doch das Land am Kap hat auch Dinge zu bieten, was man auf den ersten Blick nicht unbedingt vermutet hätte. Und diese Dinge hat stern.de-Autor Helge Bendl entdeckt.

So steckt hinter Immobilie EVSA999002141 die Geschichte eines Mannes, der Klein Slangkop vor den Toren Kapstadts den Rücken kehrt. Und das, um womöglich zu seinen Kritikern zurückzukehren.

An der Gastfreundschaft der Südafrikaner jedenfalls kann es nicht liegen. Denn wer von Südafrikanern spontan nach Hause eingeladen wird, fühlt sich jedenfalls bei Burenwurst oder Maismehlbrei charmanter umsorgt als der VIP-Gast im Hotel. Für die Fußball-Weltmeisterschaft 2010 herrschen also hervorragende Aussichten.

Die hat man auch zum Sonnenuntergang am Tafelberg. Das besondere Licht Kapstadts lässt einen die Welt mit anderen Augen sehen. Hier werden Realisten zu Träumern, die der Sehnsucht nach ihrem persönlichen Traumstrand nachgeben. Jeder kann ihn finden. Irgendwo liegt er, auch an der langen Küste Südafrikas.

Monopoly am Kap der guten Hoffnung

Fußball lieben sie hier, im Radio werden Reisen zu Rugby-Spielen in aller Welt angeboten, und es gibt natürlich Cricket, auch wenn einem niemand in nüchternem Zustand dessen Regeln erklären kann. Sie lieben den Sport in Südafrika. Doch wer es sich leisten kann, kämpft derzeit in einer anderen Disziplin um Titel und Trophäen: Das Land ist im Kaufrausch, und es geht um nichts Kleineres als die Jagd nach Immobilien.

Ganze Städte scheinen dieser Tage den Besitzer zu wechseln, glaubt man den tausenden von Hinweisschildern entlang der Straßen. Auch auf dem Land sind die Einkäufer unterwegs. "Meine Farm wirft seit Jahren keinen Gewinn ab", sagt der Besitzer eines Weinguts in der Nähe von Kapstadt, der überlegt, ob er sich zur Ruhe setzen soll. "Jede Woche bekomme ich ein scheinbar gutes Angebot. Doch soll ich verkaufen? Schließlich steigt der Preis jedes Jahr um 20 Prozent." Die Nachbar-Farm ging gerade für etwa fünf Millionen Euro an neue Besitzer, die sich weniger für den Wein als fürs Land interessieren: Sie hoffen, das Areal aufteilen und Villen zwischen die zur Dekoration degradierten Reben setzen zu können. Wer so Monopoly spielt, will wirklich gewinnen.

Lieblingssport Immobilienhandel

In Südafrika ist es leichter, Millionär zu sein, weil man in Rand bezahlt. Doch Schnäppchen findet man nur noch selten, seit das "shopping for property" zum Sport geworden ist und die Wochenendausgaben der Zeitungen nur noch aus Immobilienanzeigen bestehen. Und nicht alles, was als exklusiv angeboten wird, verdient den Namen wirklich. Wer allerdings in der entsprechenden Liga mitspielen kann und will hat jetzt die Möglichkeit dazu und sollte nach der Nummer EVSA999002141 Ausschau halten. Unter dieser Chiffre verkauft Phil Thomson von der Maklerfirma Engel & Völkers gerade ein Strandhaus in Klein Slangkop vor den Toren Kapstadts. Die Anzeigen nennen keinen Preis, was immer einen gewissen Reiz hat und zu Träumereien verführt. Unter drei Millionen müsse man sich indes gar nicht erst bemühen, meinen Insider. Leider meinen die nun keine Rand, sondern Euro.

Dafür bekommt man neben drei Schlafzimmern und drei Bädern ("es wurden keine Kosten gescheut, um das ultimative Strandhaus zu bauen", schwärmt der Makler-Text) aber auch elektrisch ausfahrbare Kleiderschränke, ein Sicherheitssystem wie bei einem Botschafter, Wein- und Zigarrenlounge und einen beheizten Pool mit Blick auf den Ozean. Die Doppelgarage indes ist beim Verkauf leider leer, worüber man als potenzieller Käufer schon ein wenig enttäuscht sein darf, und das nicht nur angesichts des Preises.

Rückkehr zu den Kritikern

Schließlich gehört das Anwesen (noch) einem Mann, der sich in früheren Jahren stets sehr dafür eingesetzt hat, dass seine Autos weltweit Abnehmer fanden. Ob das der Firma letzten Endes nützte, ist nach all den Skandalen um Graumarktgeschäfte zweifelhaft. Aber die Interessen des Besitzers liegen inzwischen anscheinend ohnehin anders, und beim Verkauf des Hauses gibt es keine ideenreiche Verkaufsförderung mehr. Nur über eines wundert man sich in Klein Slangkop, dem Luxusviertel in der Nähe Kapstadts, natürlich nur hinter vorgehaltener Hans: Zieht es Jürgen Schrempp, den Ex-Chef von DaimlerChrysler und bekennenden Südafrika-Liebhaber, wirklich zurück zu seinen Kritikern nach Deutschland?

Zu Gast bei Freunden

Der eine ist Chef eines ziemlich gut laufenden börsennotierten Unternehmens, der andere Direktor bei einer großen (korrigiere, sehr großen) Versicherung, der dritte hat gerade gutes Geld in Call Center investiert, unter anderem natürlich. Ihre Gäste aus Deutschland kennen sie kaum, es war eine eher zufällige Begegnung. Und doch sitzt man nun gemeinsam hier im Schatten der Eichen, redet und redet und redet am für die Familie eigentlich heiligen Sonntag Nachmittag, auf dem Grill glimmt die Holzkohle, und aus irgendeiner Ecke des Riesenkühlschranks wird gleich viel Fleisch auftauchen, Bier gibt es sowieso. Sorry, angesichts derart überzeugender Argumente muss der Museumsbesuch einfach warten.

Man kann Reiseführer studieren und Routen planen, man kann sich vom Südafrika-Spezialisten im Reisebüro eine Tour zusammenstellen lassen oder dem Guide bei einer Pauschalreise folgen. Man kann gerade als stets etwas pedantischer Deutscher versuchen, sich auf alles und jedes vorbereiten. Nur nicht auf das: Plötzlich, unerwartet, eingeladen zu werden, zu einem ganz normalen Südafrikaner nach Hause. Das kann einem in Soweto passieren oder einem Mittelklasse-Viertel in Kapstadt. Das kann Burenwurst in Johannesburg bedeuten oder aufgekochtes Maismehl im Zulu-Land, und am Ende weiß man nicht mehr, was besser geschmeckt hat.

Fußballfans wohnen bei Familien statt in Hotels

Das ganze Land redet von 2010, und es nicht so richtig klar, ob sich die Menschen nun darüber freuen, dass die Welt (zumindest die des Fußballs) zu Gast sein wird. Bei Freunden? Bei all der verständlichen Diskussion um all die wichtigen Verkehrskonzepte und Sicherheitsstrategien, um Stadionbauten und Infrastruktur, sollte man eines nicht vergessen: Dass viele Menschen schon jetzt unglaublich gastfreundlich sind und Reisenden helfen, ohne dass jemand ihnen in großen Kampagnen sagen muss, dass sie so zu sein haben. Ob in drei Jahren wirklich alles funktionieren wird? Wahrscheinlich nicht. Vielleicht werden viele Fußballfans also nicht in teuren Luxushotels, sondern bei südafrikanischen Familien übernachten. Wäre das nicht ohnehin interessanter? Hätten die Australier das Wort nicht für sich in Beschlag genommen, man müsste es für diese Südafrikaner erfinden: "Thanks, mates."

Naturschauspiel

Man kann davon lesen. Man kann Freunde haben, die einem mit glänzenden Augen davon vorschwärmen, man kann die Versuche studieren, es einzufangen in Fotos und Videos, verwackelt von der Anstrengung, in diesem besonderen Moment alles richtig zu machen. Ja, es ist ein Klischee, doch das Licht ist wirklich besonders hier, und einmal mindestens sollte man kurz vor Sonnenuntergang in den Himmel gefahren sein, auf den Tafelberg, um mitzuerleben, wie sich die Welt um einen herum im Minutentakt verändert.

Dieses warme Licht streichelt nicht nur die Wangen der Models, die an der Parkbucht über der Kamps Bay darauf warten, an einen Oldtimer gelehnt in ihrer Schönheit inszeniert zu werden. Es färbt auch die Wolken golden, die sich aus dem Nichts heraus vor dem Lion's Head bilden, über dessen schroffe Spitze schrammen und dann auf Kapstadt herabzufallen drohen, bevor sie sich wieder in Nichts auflösen, ein Schauspiel von nur ein paar Sekunden und doch eine ganze Stunde lang eine Endlosschleife, bevor jemand die Sonne ausknipst.

Das Licht verwandelt Realisten in Träumer

Tausend Gründe mag es geben, warum sich die Siedler einst dafür entschieden haben, hier eine Stadt zu bauen - die Lage, der Handel, das Hinterland, und der eine oder andere kleine Zufall. Doch wer die Welt des Kaps zu dieser Stunde einmal von oben gesehen hat, glaubt auch an einen weiteren guten Grund. Wen könnte dieses Licht kalt lassen, bei dem sich selbst hart gesottene Realisten in Träumer verwandeln?

Der Herbst wird Südafrika bald besuchen kommen, dann der südafrikanische Winter, und dann wird es auch hier tief hängende Wolken geben und Schmuddelwetter und Regen, was die Farmer freut. Und doch wird sich selbst dann, von einem Tag auf den anderen, alles immer wieder für kurze Zeit ändern, werden die Wolken den Blick frei geben auf die schroffen Berge des Kaps, werden Platz machen für die Sonne, damit sie theatralisch im Meer versinken darf. Die Natur inszeniert sich immer noch am besten.

Glück aus Sand

Wir träumen. Von feinem Sand zwischen den Zehen. Vom Rauschen der Brandung. Von Spaziergängen im Abendlicht und vom Endorphine-Tanken in der Sonne. Vom Abschalten und Entspannen und vielleicht auch vom Mädchen aus Ipanema. Wir träumen von Klischees - wissend, dass es welche sind. Aber es macht uns dieses eine Mal nichts aus. Weil wir hier das kleine Glück finden: am Strand.

Natürlich gibt es Nörgler wie Thomas Mann, den wir zwar als Autor schätzen, als Strandexperten aber nicht ernst nehmen können. "Unter der Schreckensherrschaft der Sonne bleiben uneinfachere Bedürfnisse auf verödende Weise unbefriedigt", beklagt er das Liegen unterm Schirm - und entwirft in der Novelle "Tod in Venedig" alles andere als ein langweiliges Bild vom Knaben Tadzio, der am Wasser flaniert. Das kritisierte Entspannen sehnen wir vielleicht gerade deshalb so herbei, weil unser Leben ansonsten alles andere als eintönig ist. Vielleicht wollen wir einfach einmal nur die Leere spüren. Und können uns hier einmal so zeigen, wie wir uns tief im Inneren fühlen: als Romantiker, als Beschützer, als Burgenbauer, als Jäger und Sammler. Am Ende stammen wir ja ohnehin von den Fischen ab.

Anzugträger dürfen Zeit verschwenden

Der Strand ist, betrachtet man es einmal nüchtern, ein globales Erfolgsmodell. Es gibt nicht nur 170.000 Kilometer davon auf der Erde, was beachtlich ist und für Mutter Natur oder den Schöpfer höchst selbst einen Sinn haben wird, sondern es werden jedes Jahr ein paar Kilometer mehr. Inzwischen stranden wir sogar in der Großstadt, holen uns möglichst viele Mythen heim in unser Land. München beispielsweise liegt nur durch einen fatalen Fehler der Stadtplaner nicht südlich der Alpen, und am legendären Teutonengrill von Rimini halten inzwischen Russen und Holländer die Sonnenschirm-Liegenkombinationen besetzt. Das macht man nun mit ein paar Tonnen Sand wett, aufgeschüttet vor der Universität, weil die Kiesel der Isar nicht mehr reichen. In Paris sperren sie seit ein paar Jahren eine Uferstraße der Seine, in Berlin wird die Spree und in Hamburg die Elbe zum karibischen Paradies. Cocktails gibt es und Liegestühle, ein Beachvolleyballfeld und viel Musik. Hier, in dieser kleinen urbanen Nische, darf selbst der Anzugträger eines: Zeit verschwenden.

Und es war Sommer. Wir spüren: Sonne, Leichtigkeit, Freiheit. Immer aber auch ein Hauch von Sinnkrise und Melancholie. Der Blick schweift in die Ferne, man ignoriert das Brausen des Verkehrs oder widmet es zum Meeresrauschen um. Die echten Strände, das merkt man, liegen fern der Großstädte, abseits der künstlichen Paradiese, sind keine Sandaufschüttungen inmitten der Feinstaub-Brise.

Nicht der Sand entscheidet über den Traumstrand

Es gibt ihn tatsächlich, den Traumstrand. Es ist nur immer wieder ein anderer. Einmal liegt er in Estland, und er verdankt sein Gütesiegel der charmanten Frau, mit der man nachts um drei Uhr im Zwielicht des nordischen Sommers eine Flasche Crémant teilt und dann schwimmen geht. Einmal liegt er in Bondi, Sydneys Vorort, und zwar genau in dem Moment, in dem man zum ersten Mal auf dem Surfbrett zum Stehen kommt und mit der größten aller Wellen an Land schießt. Einmal liegt er auf der Insel im Lago Trasimeno, wenn man vor lauter Glück die Zeit vergisst, die letzte Fähre verpasst, kein Italienisch spricht und trotzdem am Ende einen alten Fischer findet, der einen schmunzelnd übersetzt. Einmal liegt er auf der indonesischen Insel mit dem roten Korallensand, auf der man nach stundenlangem Marsch am Strand entlang eine Nautilus findet.

Das alles ist schon eine kleine Weile her. Inzwischen liegt der Traumstrand hier, irgendwo an der endlos langen Küste Südafrikas. Wo der Sand so weiß ist, dass man die Augen zukneifen muss, wo das Meer hellblau schimmert. Warum? Diese Geschichte, Verzeihung, ist noch zu frisch und zu privat.

In solchen Momenten liegt der Fluchtpunkt genau dort, wo man gerade ist. Wir halten ihn fest, genießen. Und wenn wir das Gefühl wieder verlieren, uns bewusst werden, den Ort der Orte oder den Strand der Strände noch nicht sicher gefunden haben, können wir uns mit dem französischen Schriftsteller Jean Giraudoux trösten: "Ein ungeklärtes Geheimnis schenkt uns oft mehr Schönheit und Freiheit, als seine Lösung uns geben kann."

Träumen wir weiter.

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