HOME

San Francisco: "Ghetto-Gourmet" - das Anti-Restaurant

Wer zwar gerne isst, sich aber an spießigen Kellner und lauten Tischnachbarn stört, ist gerade richtig beim "Ghetto-Gourmet": Die Betreiber versprechen kulinarische Abenteuer für alle die bereit sind, ihr heimisches Wohnzimmer dafür herzugeben.

"Ghetto-Gourmet" zählt zu den gefragtesten Restaurants im Raum San Francisco, doch es ist weder im Telefonbuch noch in kulinarischen Führern gelistet. Es gibt kein Schild am Eingang, keine Weinliste, keine schicken Kellner und auch keine Stühle. In Jeans und Socken begrüßt Jeremy Townsend die Gäste, die sich einen der begehrten Plätze in seinem "Anti-Restaurant" sichern konnten.Die Adresse für das kulinarische Abenteuer an einem Montagabend im Februar - ein kleines Haus in einer ruhigen Straße in Berkeley - hatten die Feinschmecker erst wenige Tage zuvor per E-Mail erfahren. "Wir treffen uns bei Leuten, deren Wohnzimmer wir auf den Kopf stellen dürfen und die Fremde in ihr Haus lassen", klärt der 29-jährige Event-Veranstalter seine experimentierfreudigen Gäste auf.

Das "fast abartige Experiment, wie viele Leute in unser Wohnzimmer passen und es sich dort schmecken lassen", war für den Kalifornier Carl Sommers Anreiz genug, sein Privathaus einen Abend lang in eine illegale Speisestätte zu verwandeln. Zuvor war er selbst Gast bei einem "Ghetto-Gourmet"-Dinner in der Nachbarstadt Oakland gewesen. 26 Gäste sitzen ohne Schuhe dicht gedrängt auf Teppichboden und Kissen an zwei langen Tischen. Bei einer Flasche Wein, die jeder selbst mitbringt, lernt man sich schnell kennen.

"Chaotisches Experimentieren"

Nebenan, in einer Mini-Küche, zaubert Chefköchin Cynthia Washburn mit drei Helfern ein Vier-Gänge-Menü. Neben ihrem Feinschmecker-Catering-Service schätzt sie das "chaotische Experimentieren". Keiner schreibt ihr vor, was sie kochen soll, es herrscht keine anonyme Restaurantatmosphäre, stattdessen ist aufregendes Improvisieren angesagt, schwärmt Cynthia, während sie Rote Beete röstet und Wildhühner mit wildem Reis füllt.Dass der Ofen nicht richtig heiß wird und 26 Hühner kurzfristig in der Küche des Nachbarn gegrillt werden, bringt die Köchin nicht aus der Ruhe. Nach zwei Vorspeisen, darunter geröstete Bohnen- Knoblauchsuppe, und den Auftritten eines Komödianten und eines Bluesmusikers, herrscht Hochstimmung.

"Witziger als ein normales Restaurant"

"Besseres Essen und viel witziger als ein normales Restaurant", schwärmt der 22-jährige Ezra Malmuth, der dem Koch-Team "Nerven aus Stahl" bescheinigt. Susanne Peitso verzichtet gerne auf den gewohnten Dinner-Komfort. Für jeden gibt es nur ein Besteck. Wein schenkt sie sich selber nach. "Ich habe Stretchhosen an und stehe immer mal wieder auf", sagt die 62-jährige Lehrerin, die im Schneidersitz auf dem Wohnzimmerteppich den Salat mit Wachteleiern und gerösteten Walnüssen verzehrt.

Jeremy serviert den dritten Gang. Mandeltorte mit Rhabarber und Crème fraîche. Es ist 22 Uhr und der Nachtisch wird vor dem Hauptgericht gereicht. Die Hühner schmorten noch im Nachbarofen, entschuldigt der Gourmet die kulinarische Panne. Seit zwei Jahren lässt der findige Unternehmer im "Untergrund" kochen. Die gewöhnlich drei Dinner-Abende im Monat sind auf Wochen ausgebucht. Per E-Mail und durch Mundpropaganda lädt er spontan zu den 30 Dollar (25 Euro) teuren Gourmet-Essen ein.

Rechtliche Grauzone

Was in der Szene als "hip" gilt, ist für Jeremy eine "ganz altmodische Idee", fremde Menschen zusammenzubringen und mit gutem Essen zu verwöhnen. In Kuba und Hongkong seien solche Essen längst Tradition. In den USA bewegt er sich damit aber in einer rechtlichen Grauzone."Ghetto-Gourmet" ist nicht beim städtischen Gesundheitsamt registriert. Solange sie in verschiedenen Privathäusern kochen, könnten sie die typischen Restaurant-Auflagen umgehen, glauben die Betreiber. Jeremy kennt drei weitere Untergrund-Küchen an der amerikanischen Westküste, die in keinem Gourmet-Führer stehen. Die "Dunkelziffer" dürfte weitaus größer sein.Um 23 Uhr garniert Cynthia die endlich knusprig gebratenen Wildhühner mit Mangoldblättern, eine gute Stunde später als erwartet. "Das ist eben Teil des Untergrund-Abenteuers", seufzt die erschöpfte Köchin nach der Ofenpanne. Aus dem Wohnzimmer ertönt lauter Applaus. In einem richtigen Restaurant hätte es vermutlich Beschwerden gehagelt.

Barbara Munker/DPA / DPA
Themen in diesem Artikel

Wissenscommunity