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Tag 16 - Von Vientiane nach Paklai: Im Rausch der Geschwindigkeit

Gemächliches Flussleben? Von wegen! Speedboote rasen mit 80 Stundenkilometern heulend an uns vorbei - lebensgefährlich selbst mit Helm. Wir erleben den Mekong etwas entspannter.

Aus der Ferne hört es sich an wie ein Motorrad, das mit aberwitzig vielen Stundenkilometern auf der linken Spur der Autobahn unterwegs ist und selbst die schnellsten Autos auf die Seite jagt. Dieses Heulen hallt vielleicht fünf Minuten lang durch das enge Tal des Mekong, bevor man am Ende sehen kann, was für eine Höllenmaschine eigentlich einen derartigen Lärm verursacht. Ein bunt bemalter Pfeil schießt von hinten heran, ein offenes Boot aus Fiberglas mit einem riesigen Motor und einem noch imposanteren, vielleicht einen Meter langen Auspuff. Mit 80 Stundenkilometern rasen diese Speedboote über den Fluss, für die acht Passagiere besteht nach mehreren tödlichen Unfällen Helm-, Anschnall- und Schwimmwestenpflicht. Touristen wagen sich kaum mehr auf diese frisierten Renngeräte, seit das Auswärtige Amt und auch andere ausländische Regierungen von Fahrten abraten. Doch die Einheimischen, die es sich leisten können und denen es nichts ausmacht, dass sie am Ende halb taub sind und ihnen durch die ständige Vibration und dem Aufprall aufs Wasser der Rücken schmerzt, fahren häufig damit. Weil die pfeilschnellen Boote sie rasch in die nächste Stadt bringen und eine Reise auf dem Mekong dann nicht mehr viele Tage, sondern nur noch ein paar Stunden dauert.

Mehr als 250 Kilometer lange Etappen

Die Speedboote sind fast drei Mal so schnell wie wir mit unseren Schlauchbooten, die sonst jedes andere Schiff auf dem Mekong locker überholen. Natürlich fahren auch wir deswegen an vielem viel zu schnell vorbei und sehen immer wieder nur aus dem Augenwinkel, dass zwischen den Baumkronen das Dach eines Tempels hervorblitzt, dass es noch weiter hinten in den Bergen einen ziemlich imposanten Wasserfall gibt und Höhlen in den Kalksteinbergen. Eigentlich könnten wir bei jedem zweiten Dorf halten und versuchen, mit den Leuten ins Gespräch zu kommen. Doch immer wieder drückt Expeditionsleiter Andy Leemann mit Blick auf die noch immer nicht zuverlässig arbeitenden Motoren aufs Tempo, um die manchmal mehr als 250 Kilometer langen Etappen zu schaffen. "Ich lasse es mir nicht anmerken. Aber ich bin immer unglaublich froh, wenn wir rechtzeitig vor Einbruch der Nacht ankommen", sagt er. "Der Fluss ist schon am Tag tückisch und schwierig zum Navigieren - in der Dunkelheit zu fahren ist einfach sehr riskant."

Ein Pilot navigiert durch Strudel und Treibholz

Warum also nicht kürzere Etappen und damit mehr Zeit, das Leben am und auf dem Fluss in Ruhe zu erleben? Der Terminplan für die Expedition ist vor allem deswegen so eng, weil die laotischen Behörden sonst keine Genehmigungen für das Projekt erteilt hätten. Die Devise war klar: Westliche Touristen müssen in "richtigen" Hotels übernachten - Schlafen im Dorf kommt nicht in Frage. Es könnte ja etwas passieren oder das falsche Bild von Laos als einem unterentwickelten Land entstehen. Bei nur knapp über 300 Dollar an durchschnittlichem Einkommen im Jahr lässt sich dieser Eindruck zwar auch anderswo kaum verbergen. Wenn Touristen aus dem Ausland individuell reisen interessiert sich dafür niemand im Ministerium - doch weil wir mit eigenen Booten und einer ganzen Gruppe unterwegs sind gab es keine Alternative zur Zusammenarbeit, schließlich kam die Genehmigung für die Expedition am Ende vom Minister selbst. So haben die Motorenprobleme bei allem Übel auch etwas Gutes: Weil wir es einfach nicht mehr schaffen, die vorgegebenen Distanzen zu bewältigen, suchen wir uns eben unterwegs in irgendeinem Dorf eine Bleibe. Heute sieht es aber ganz danach aus, dass wir es bis zum vorgesehenen Etappenziel ins Dorf Paklai schaffen werden, einer Ankerstelle für die Frachter und wenigen Passagierboote, die den Mekong zwischen der laotischen Hauptstadt Vientiane und Luang Prabang befahren. Dass wir so gut vorankommen liegt vor allem an Saman, unserem Piloten. Er sitzt wie eine Galionsfigur auf dem Bug, ist allerdings quicklebendig und dirigiert Andy mit Handzeichen durch die Stromschnellen und vorbei an den scharfkantigen Felsen. Am Ende steuert er das Boot sogar selbst durch die schwierigen Passagen des Mekong, in denen es kein ruhiges Wasser mehr gibt, sondern nur noch Strudel und Treibholz, das gegen die Wand des Schlauchbootes klatscht. Er tut das mit einer Ruhe und Gelassenheit, die den Profi verrät.

Der Herr des Flusses

En passant gibt der stets lächelnde Saman preis, dass er gleich drei Speedboote besitzt und folglich alles andere als ein armer Mann ist. Jeder auf dem Fluss scheint ihn zu kennen und viele winken respektvoll, wenn sie ihn am Steuer unseres Bootes sehen. Saman kann von seiner Kenntnis der Stromschnellen und Untiefen gut leben: Er wird sogar von den Besitzern der auf dem Mekong verkehrenden Frachtschiffe angeheuert, um den Kapitänen zur Seite zu stehen und ihnen den Weg zu weisen. Nun will er so schnell als möglich nach Hause, nach Paklai, denn hier wird er erwartet: Am verwaisten Pier, wo nur ein Tuk-Tuk-Fahrer sein Mini-Taxi im Fluss wäscht, stehen seine Frau und der fünfjährige Sohn. Wir schleppen uns derweil in ein Guesthouse hinauf und genießen die Feierabendzigarette mit Blick auf den Fluss, der im Nebel versinkt und dabei so mystisch wirkt wie nie zuvor. Morgen, sagte Saman, stünde uns wildes Wasser bevor. Und am Abend die legendäre Tempelstadt Luang Prabang.

Helge Bendl

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