Texas Durchs weite Land


Texas jenseits des Klischees von Cowboystiefeln und Ölbaronen. In der Einsamkeit des Big Bend Nationalparks haben Aussteiger aus anderen Bundesstaaten und Wohnmobil-Nomaden ein neues Zuhause gefunden.
Von Roland Brockmann

Wir stehen auf der Anhöhe einer texanischen Ranch. Nirgendwo ein Zeichen von Zivilisation: keine Häuser, keine Bewegung, nur eine Straße zieht sich kaum sichtbar durch die Landschaft. Ein einsames Band zwischen entfernten Ansiedlungen von Leben. "Wie viele Menschen leben hier pro Quadratmeile?" Catfish überlegt und macht eine Pause, bevor er antwortet: "Vielleicht gar keiner."

In Texas braucht man ein Fahrzeug, um in Kontakt zu bleiben: Während der Europäer der Dichte gerne entflieht, ist der Texaner eher unterwegs auf der Suche nach seinesgleichen. Und dazu steigt er ins Auto. "Wenn wir irgendwo hin wollen, fahren wir da auch hin", erklärt Catfish, der Tourguide und Fahrer auf unserer Reise durch den Westen von Texas, in den Big Bend Nationalpark, der sich über 1500 Kilometer entlang des Rio Grande an Mexiko schmiegt: eine Welt aus schroffen Felsen und steiniger Wüste mit vereinzelt aufragenden Kakteen. Leuchtend wie in einem Cinemascope-Film gleitet die Landschaft am Fenster des Wagens vorbei - ein großer Teil davon gehört zur Chihuahua-Wüste. Skelette des größten bisher bekannten Flugsauriers wurden hier gefunden, dem Quetzalcoatlus. Aber auch 9000 Jahre alte Reste menschlicher Siedlungen.

Geisterstadt und Laienbühne

Ein Gefühl von Weite und Einsamkeit kommt auf, als wir eine Geisterstadt erreichen: eine verlassene Bergbausiedlung, von dessen lebendigen Tagen nur noch steinerne Überbleibsel der alten Hütten zeugen - daneben ein Friedhof mit verstaubten Plastikblumen auf den Grabsteinen. Und doch erwacht gerade dieser Ort langsam wieder zum Leben. Einige Bars gibt es und im ehemaligen Starlight-Theater, dicke Steaks mit texanisch-mexikanischer Life-Musik. Gerade versinkt die Sonne über den davor geparkten Autos. Wohnmobil-Nomaden blicken mit Bier aus dem Drugstore über ihr heiliges Blech Richtung Big Bend.

Vor allem Aussteiger aus anderen Bundesstaaten siedeln sich hier an, Typen wie Catfish, der eigentlich Gerry Callaway heißt und früher Theatermacher in Houston war. Heute betreibt der 60-Jährige im Nachbarort ein kleines Volkstheater. "Sad Café" steht am Highway auf einem Schild gemalt. Gerade führt Catfish mit seinem Laienensemble Carson McCullers "Ballade vom traurigen Café" auf - in einem unscheinbaren Flachbau, fern von intellektueller Boheme. Zwei Wochen im Jahr findet hier das legendäre Chilly Cook Off statt. Den Rest des Jahres nutzen es Catfish und seine Truppe mit siebzig Klappstühlen und einer improvisierten Bühne. Den Anwohnern gefällt es.

Viele im Ort machen mit, denn in dieser Gegend gibt es sonst nur Naturschauspiele - mit den Bergen des Big Bend als Kulisse. Gleich zwei Hollywoodfilme wurden hier gedreht: der postmoderne Western "No Country For Old Men" von den Coen-Brüdern und "Die drei Beerdigungen des Melquiades Estrada" von Tommy Lee Jones. An den Dreharbeiten war auch Catfish beteiligt, allerdings als Sicherheitsmann, während die Schauspieler zu Pferde den Rio Grande überquerten.

Rollstuhlgerechter Trekkingpfad

Am nächsten Morgen soll es ohne Auto abseits des Asphalts in die Landschaft gehen. Aber für das von der Reiseleitung empfohlene feste Schuhwerk findet sich keine Anwendung. Der Trekkingpfad entpuppt sich als betonierter Parcours. "Rollstuhlgerecht", wie Catfish ironisch anmerkt. Von Aussichtsplattformen blicken wir über den Rio Grande ins Nachbarland Mexiko, der Grenze zwischen Arm und Reich.

Hier könnten Migranten leicht ins gelobte Land kommen. Kein Stacheldraht, keine Scheinwerfer - nur ein um diese Jahreszeit träger Fluss. "Das passiert auch", erklärt Catfish. "Nicht umsonst hat Tommy Lee Jones hier sein Grenzdrama gedreht, aber der Weg ist sehr beschwerlich, ein tagelanger Marsch. Und jeder Illegale würde den Rangern im Park sofort auffallen."

Abends verabschiedet sich die Sonne zwischen zwei Felskuppen, als wir die Chisos Mountain Lodge erreichen, die sich als ein Motel in den Bergen entpuppt. Während die Natur ihr Schauspiel abliefert, blicken die meisten Gäste über Barbecue-Teller in ihre Fernsehgeräte - sie glotzen das Football-Spiel. Da stören die letzten Sonnenstrahlen nur, während handzahme Hirsche zwischen den Autos nach Resten suchen.


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