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Thailand-Touristen: Bangkok liegt am Boden

Tag vier im Ausnahmezustand. In Bangkok sinkt die Stimmung unter den Thailand-Touristen, 90.000 sitzen fest. Im Chaos, das die Flughafenbesetzer hervorgerufen haben, verlieren auch deutsche Veranstalter den Überblick. Viele Urlauber sind genervt. Aber vom Militärflughafen Utapao starten die ersten Rückflüge nach Deutschland.

Von Michael Lenz, Bangkok

Die Preisners sind genervt. Seit Mittwoch sitzt das Ehepaar aus Erlangen in Bangkok fest. Wann sie zurück nach Deutschland können, ist offen. Hubert Preisner sorgt sich um seinen Arbeitsplatz. "Am Montag muss ich wieder im Büro sein." Gattin Margarete schimpft bei Kaffee und Kuchen im Café "Au Bon Pain" auf Bangkoks Silom Raod: "Ich finde das nicht richtig, dass die Thais ihre politischen Probleme auf dem Rücken der Touristen austragen."

Die außerparlamentarische Oppositionsbewegung "Volksallianz für Demokratie" hält seit vier Tagen die beiden Flughäfen Bangkoks Don Muang und Suvarnabhumi besetzt. Seitdem geht nichts mehr. Bangkok ist von der Welt abgeschnitten. Mit der Aktion will die PAD den Rücktritt von Ministerpräsident Somchai und seiner Regierung erreichen, die durch die Wahlen im Dezember 2007 ins Amt gekommen ist.

Ausnahmezustand verhängt

Am späten Donnerstagnachmittag hat der Premier den Ausnahmezustand über die beiden Airports verhängt. Passiert aber ist seitdem nichts. Weder Polizei noch Armee haben die Flughäfen geräumt. Die Regierung, die aus Furcht vor einem Militärputsch nach Chiang Mai im Norden Thailands geflüchtet ist, scheint das Heft des Handels nicht mehr in der Hand zu haben.

Armeechef General Anupong Paochinda hat zwar mehrfach in den vergangenen Tagen dementiert, die Regierung durch einen Staatsstreich stürzen zu wollen. Aber die Armee, der große Sympathien für die PAD nachgesagt werden, unterstützt die Regierung auch nicht in ihrem Ziel, die Flughäfen wieder flott zu bekommen. Die Polizei Thailands hat am Freitag verkündet, sie wolle mit einer "psychologischen Kriegsführung" die Flughafenbesetzer zermürben.

Bangkoks "dritter Flughafen"

Zehntausende Thailandbesucher sind wie die Preisners von der Streichung sämtlicher Flüge von und nach Bangkok betroffen. Zwar dient seit gestern der Militärflughafen Utapao in der Nähe des zwei Stunden von Bangkok entfernten Pattaya als Notbehelf und wird inzwischen von einigen Airlines wie Thai Air oder dem Billigflieger Jetstar Asia angeflogen. Aber kaum jemand in Bangkok weiß von dieser Option. "Bei Thai Airways hat man uns heute davon nichts gesagt", klagt Hubert Preisner. Drei Stunden hätten sie im Thai-Airways-Büro im Stadtzentrum Bangkoks Schlange stehen müssen. "Da herrschen chaotische Zustände. Niemand ist in der Lage, eine klare Auskunft zu geben. Die haben uns gesagt, wir sollten jeden Tag wiederkommen und sehen, was Sache ist."

Enttäuscht sind die Preisners auch von dem deutschen Reiseunternehmen Meier's Weltreisen, bei dem sie ihre Thailandrundreise gebucht haben. "Die haben uns zwar hier in Bangkok kostenlos in ein schönes Hotel einquartiert. Aber bei dem Problem mit dem Rückflug sind die uns überhaupt nicht behilflich. Das müssen wir alles selber regeln", klagt Margarete Preisner.

Unzufrieden mit der Handhabung der Situation durch ihre Fluggesellschaft sind auch Hans-Ludwig Hustädte und seine Freundin. Beim Bier in einer Kneipe auf Bangkoks Partymeile Khao San Road erzählt Hustädte frustriert, dass es unmöglich war, vom Lufthansa-Büro in Bangkok eine konkrete Auskunft zu bekommen. "Die haben immer nur gesagt: 'Airport is closed'. Wir haben dann mehrfach Lufthansa in Deutschland angerufen. Das wird ne teure Handyrechnung." Froh sind Hustädte und Freundin nicht über die paar Tage Extraurlaub. "Wir müssen wir uns ja jeden Tag um Infos kümmern, ob, wann und wie wir nach Hause kommen. Da bleibt nicht viel Zeit, um Bangkok zu erleben."

Die Unzufriedenheit der Touristen wächst

Die beiden Düsseldorfer haben die Flughafenbesetzer in Aktion erlebt, als sie am Mittwoch von Phuket kommend auf dem Flughafen Don Muang gelandet waren. "Wir wurden von den Rebellen oder Demonstranten oder wie immer man diese Leute nennen soll freundlich begrüßt. Aber uns war trotzdem komisch zumute, als wir von einem Polizist durch die Demonstranten hindurch zum Taxi geleitet wurden", sagt Heike und fügt hinzu: "Der Pilot unseres Thai-Airways-Flugs hat uns über das Wetter in Bangkok informiert, nicht aber über die Situation am Flughafen. Das wäre wichtiger gewesen als die Info, dass es 30 Grad hat."

Die thailändischen Behörden, Fluggesellschaften und Reiseveranstalter haben inzwischen Tausende von gestrandeten Passagieren vom internationalen Flughafen Suvarnabhumi evakuiert und in Hotels in Bangkok untergebracht. Aber noch immer sitzen nach Angaben von Thailands Regierung gut 3000 Passagiere seit vier Tagen in den Terminals von Suvarnabhumi fest. Regierungssprecher Natthawut Saikua sagte am Freitag, die Regierung habe von "internationalen Menschenrechtsorganisationen und ausländischen Diplomaten" grünes Licht für die Räumung der Flughäfen erhalten unter der Bedingung, dass zuerst die 3000 Passagiere in Sicherheit gebracht werden müssten.

Gestrandet in Bangkok

Auch in Thailands Nachbarländern sind Reisende durch das Politdrama in Bangkok gestrandet. Michael Schönemann zum Beispiel in Singapur. Der Berliner hatte seine Asienrundreise in Bangkok begonnen und hat für den 5. Dezember einen Rückflug von Bangkok nach Deutschland. Schönemann ist unsicher, ob er nach Bangkok fliegen kann und soll. "Vielleicht ist Qatar Airways ja so entgegenkommend und lässt mich von Singapur aus zurück nach Deutschland fliegen", hofft Schönemann.

Wie es in Thailand weitergeht, ist völlig offen. Hat die Regierung noch die Macht? Wie verhält sich die Armee? Wird sich die PAD, wie sie mehrfach angekündigt hat, mit Waffengewalt einer Räumung der Flughäfen widersetzen? Wird es zu blutigen Straßenkämpfen zwischen PAD-Anhängern und regierungstreuen Thais kommen? Fragen, auf die zur Stunde in Thailand niemand eine Antwort hat. Klar aber ist, welchen ungeheuren wirtschaftlichen Schaden die PAD dem Land durch ihre radikale Protestform zugefügt hat. Die Flughafenbesetzungen kosten der Wirtschaft Thailands jeden Tag drei Milliarden Baht - gut 66 Millionen Euro.

Gigantisch ist aber vor allem der Imageschaden. Margarete Preisner dürfte vielen Touristen aus dem Herzen sprechen, wenn sie entschieden sagt: "Das war das erste und letzte Mal, dass wir nach Thailand gereist sind."

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