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Virunga-Nationalpark Der Kampf um die Berggorillas im Kongo


Ein Mann will den gefährlichsten Nationalpark der Welt, den vom Bürgerkrieg heimgesuchten Virunga-Park in der Demokratischen Republik Kongo retten – mit Wasserkraft und Wirtschaftspolitik. So wird der Park zum ökonomischer Motor“ der Region.
Von Robert Draper

Es gibt weltweit kein anderes Schutzgebiet, das mit dem Virunga-Park im Nordosten der Demokratischen Republik Kongo vergleichbar wäre, und das ist Segen und Fluch zugleich. Weil die Landschaft nicht nur Menschen anzieht, die sich an Schönheit und Reichtum der Natur berauschen wollen, sondern auch Wilderer, Glücksritter und Ölkonzerne. Mit einer Fläche von knapp 8000 Quadratkilometern ist der Park halb so groß wie Schleswig-Holstein, die Landschaft ist extrem abwechslungsreich: Es gibt große Seen und undurchdringliche Tieflandregenwälder, es gibt von der Sonne versengte Savannen und Berggipfel wie den 5100 Meter hohen Margherita Peak, es gibt aktive Vulkane und Flüsse, die sich aus Gletschern speisen.

Im Nationalpark leben mehr als 700 Vogel- und mehr als 200 Säugetierarten, darunter das Okapi mit seinen zebragestreiften Hinterbeinen, die würdevoll schreitenden Sattelstörche sowie 480 der weltweit verbliebenen 880 Berggorillas.

Bürgerkrieg im Nationalpark

Der Virunga-Nationalpark wird von vielen Seiten bedroht. Da ist der Krieg. Der Nationalpark ist seit mehr als 20 Jahren ein Schlachtfeld. 1994 verübten Hutu-Milizen im benachbarten Ruanda einen Völkermord an den Tutsis. Der Konflikt stürzte die Region ins Chaos. Viele Soldaten, die im Dschungel ihr Heimatland verteidigen sollten, desertierten, bildeten bewaffnete Banden oder wilderten für ihren eigenen Bedarf oder um die Beute als Buschfleisch zu verkaufen. Die Kriegsparteien, die in immer mehr Splittergruppen, Miniarmeen und Räuberhorden zerfallen, terrorisieren Natur und Zivilbevölkerung.

Und da ist die Armut der Menschen. Der Virunga-Park ist einer der fruchtbarsten Landstriche des Kontinents. Gleichzeitig leben viele der vier Millionen Einwohner der Region in Armut. Seit das Gebiet 1925 unter Naturschutz gestellt wurde, herrscht Unmut und Unverständnis unter der Bevölkerung, die den natürlichen Reichtum nutzen will. Aus Not, Missachtung oder Unkenntnis der Gesetze fällen sie Bäume und produzieren Holzkohle, sie roden den Wald und legen Felder an, sie töten die Tiere.

Den Virunga-Nationalpark retten

Emmanuel de Merode, Direktor des Parks, hat einen Plan, um den Virunga-Nationalpark zu retten. Der 46-Jährige appelliert nicht an das moralische Empfinden der Menschen, sondern an ihre ökonomische Vernunft. De Merode hat errechnet, dass die Gemeinden gut eine Milliarde Euro einnehmen könnten, wenn das Naturschutzprojekt beendet und das Gebiet für konventionelle Landwirtschaft erschlossen wird. De Merode sagt: „Wenn wir das verhindern wollen, müssen wir diesen Geldbetrag auf andere Weise auftreiben, sonst wird der Park nicht überleben.“

De Merode hat ein Wasserkraftprojekt begonnen, das umgerechnet rund 150 Millionen Euro kosten und bis 2020 ein Viertel der Haushalte in der Region mit Strom versorgen soll. Zwischen 60.000 und 100.000 Arbeitsplätze sollen geschaffen werden. Dann, so hofft de Merode, haben die Menschen keinen Grund zu kämpfen, und es herrscht endlich Frieden; dann kommen die Touristen und bringen Kapital; dann steigen die Einkommen, und das Leben verbessert sich.

Energie aus Wasserkraft

An die Stelle des Teufelskreises der Gewalt, der den Osten des Kongos seit so langer Zeit beherrscht, soll eine positive Kettenreaktion treten. Im Norden des Parks gibt es zum Beispiel den Fluss Butahu, der von den vereisten Gipfeln des Rwenzori-Gebirges bis in die Nähe von Mutwanga hinabrauscht, einer ärmlichen Ortschaft, in der es lange keine Elektrizität gab. Im Jahr 2010 wurden Dorfbewohner eingestellt und begannen, Kanäle auszuheben und das Fundament für Virungas erstes Wasserkraftwerk zu legen. 2013 ging das Kraftwerk in Betrieb.

Drei Jahre später wirkt Mutwanga zwar nicht gerade wie eine Boomtown. Doch das Leben der Einwohner habe sich spürbar verbessert, wie sie erzählen. Für den Geldbetrag, den sie früher täglich für das Benzin ausgegeben hatten, um die Generatoren zu versorgen, bekommen sie nun Energie für einen ganzen Monat.

Mutwanga als Testlauf

De Merodes Plan ist aufgegangen, auch wenn zu Beginn dieses Jahres erst 500 der 2500 Haushalte an das Wasserkraftwerk angeschlossen waren. Seit April ist eine Seifenfabrik in Betrieb, die der Parkverwaltung gehört und hundert Menschen einen Arbeitsplatz verschafft. „Mutwanga war der Testlauf“, sagt de Merode. Ende vergangenen Jahres ging ein zweites Wasserkraftwerk ans Netz, bis Ende 2018 sollen zwei weitere folgen.

Damit hätte de Merode sein Ziel, hundert Megawatt Stromleistung zur Verfügung zu stellen, schon zur Hälfte verwirklicht. Der Stromverkauf solle den Park „für die nächsten hundert Jahre finanziell absichern“. Die Einnahmen sind aber auch dafür gedacht, lokale Projekte voranzutreiben und andere Naturschutzparks zu unterstützen. De Merode erwartet, dass mit der Wasserkraft aus dem Park der wirtschaftliche Aufschwung kommt: „Es gibt hier keine Industrie, weil es bisher keine preiswerte Energie gab. Der Park kann sie liefern - als „ökonomischer Motor“ der Region. 

Gekürzte Fassung aus "National Geographic Deutschland", Ausgabe Juli 2016


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