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Grödnertal: Freeride unter der Hand des Riesen

Im größten Skizirkus der Welt, "Dolomiti Superski", warten unendliche Abfahrten. Nur ein paar Schritte weiter kann man durch traumhafte Bergkulisssen streifen und sich von der Sehnsucht der Grödner nach dem höchsten Gipfeln anstecken lassen.

Mit jedem Schritt knirschen sich die Ski weiter in die weiße Decke der unberührten Schneefläche. Wie feines Glas singt der Schnee. Ringsum herrscht Stille, dabei sind es keine zehn Minuten her, nachdem es weg ging von den präparierten Pisten. Von der Abfahrt der berühmten Marmolata und dem Rundkurs "Sella Ronda", der das Sellamassiv umquert. Zwar gab es zum Jahreswechsel im Grödnertal und den Dolomiten wenig Tiefschnee, dennoch waren die Pisten - anders als in vielen niedrigeren Lagern - bestens präpariert und überall befahrbar. Nie stieß man auf Heu und Steine. Aber Karl, der Freeride-Guide, fand trotzdem genügend Tiefschnee für eine Tour. Kein lockeres Pulver, meist sind die Oberflächen vom Wind verharscht, manchmal bricht man ein. Anstelle des metertiefen Pulvers tun es auch zwanzig Zentimeter weiche, weiße Wonne. Für den Anfänger bietet die bescheidenere Pracht durchaus Vorteile. Bei falscher Gewichtsbelastung verschwindet das Bein nicht gleich bis zur Hüfte in der Tiefe.

Der Drang zum Extrem

Der Grödner Sohn Luis Trenker war ein schon ein fescher Kerl, Guide Karl Unterkircher steht ihm nicht nach. Der perfekte Bergfex der James Blunt Generation. Ein Traummann von einem Bergführer, weitab vom Pistenräumer-Klischee. Sanft und geduldig. Und doch so Abenteuer erprobt. Die Welt des Extrembergsteigers und K2-Bezwingers wirft ein exotisches Licht auch auf einen eher bescheidenen Ausflug. Während wir in strahlender Sonne über die Hochalmen gleiten, spricht der Karl wie selbstverständlich von den Graten am Everest. Mit der gleichen Beiläufigkeit hilft er dem Havarierten auf die Beine und den Hilflosen in die Ski.

Zwischendurch blinzelt er in die Sonne und erzählt, von den Tausenden von Gipfel, die dort im fernen Asien warten, die noch nie jemand bestiegen hat. Von Nomaden und Mönchen in alten Klostern. Unterkircher gehört zur seltenen Spezies der "K2 ohne O2"-Bezwinger. Mit Trägern und Sauerstoff kann sich heute jeder Durchschnittsjogger auf den Himalaja hieven lassen. "Offiziell ist ausgebucht, aber wenn das Geld stimmt, bringen sie dich spätestens in drei Monaten hoch", ermuntert er die Interessenten. Sein eigenes Geld sammelt er lieber für Expeditionen in die unberührten Teile des unendlichen Himalajas. Zwischendurch führt er seine Gäste durch die Bergwelt der Dolomiten und die Touristen lassen sich allzu willig vom Gefühl der großen Expedition anstecken.

Crashkurs in Sicherheit

Klettern, Bergtouren und das Freeride Camp. "Nur als Skilehrer am Hang arbeite ich nicht. Das ist mir zu dumm", verkündet er undiplomatisch. Schon früher habe seine Leidenschaft nicht der Piste gegolten. "Hab' es auch nicht gekonnt. Beim Training war ich immer der Letzte. Gefreut hab ich mich nur auf dem Heimweg durch den Wald." Seine Augen blitzen. Heute geht es weniger rasant durchs Dickicht, am Hang fand sich links und rechts immer genügend Platz. Aber wenn der Karl in Limbo-Haltung gestürzte Bäume passiert, muss der Tourist passen. Das Freeride-Camp ist mehr als eine lustige Idee. "Den Jungen ist es auf der Piste zu langweilig, die gehen immer mehr ins Gelände." Im Camp kann man wenigstens lernen, welche Gefahren lauern und wie man sich schützt. Mit dem Lawinenbericht und dem Piper etwa. Vor allem lernt man das Skigebiet "Dolomiti Superski" - eine Schnee-Sause der Superlative - mit anderen Augen zu sehen. Als die Gruppe wieder eine Straße erreicht, ist vom Trubel des Ausgangsortes Wolkensteins wenig zu spüren, das alte Dorf liegt in touristischer Schattenlage. Hier ist die Zeit stehen geblieben.

Das Grödnertal

Dabei zählt das Grödnertal mit seinen drei Hauptorten St. Ulrich, St. Christina und Wolkenstein zu den bekanntesten Skiorten der Alpen. Beginnend an dem Ort Clausen, zieht es sich 25 Kilometer lang ostwärts in Richtung Dolomiten und endet am Sellastock. Dieser und der Langkofel, der schlafende Riese, der seine Hand mit fünf Zinnen emporreckt, überragen das Tal noch oberhalb der weißen Alpengipfel mit majestätischer Grandezza. Die Dolomiten geben dem Tal etwas, was kein anderes Tal der Welt in dieser Form für sich beanspruchen kann: ein atemberaubendes und absolut einzigartiges Panorama. Sie sind Korallenstöcke, die von einer Zeit erzählen, als die Menschen noch an Riesen, Feen und Frauen, die sich in Murmeltiere verwandeln können, glaubten. Heute geben sie dem Tal und seinem Skigebiet Anmut und eine einmalige Farbprägung. Neben dem weißem Schnee, grünen Bäumen und graubraunem Granit ragen sie in einem changierenden Ockergrau vor meist strahlend blauem Himmel absolut senkrecht in die Lüfte. Schöne Pisten gibt es an vielen Orten, wenn sich auch kaum ein Gebiet mit den Strecken im Grödnertal oder gar dem Skizirkus von "Dolomiti Superski" messen kann. Aber wo sonst kann man unter majestätischen, glühenden Felsbändern unbeschwert über die Pisten gleiten?

Gemessen am Gebotenen können die Preise für das Skigebiet nur "fair" genannt werden. Selbst an den stärksten Tagen der Saison gibt es nur im Ort - erträgliche - Wartezeiten. Wer nicht zu den Supersportlern zählt, kann den Ski-Pass auf das etwas günstigere Grödnertal begrenzen. Mit 180 Pistenkilometer sollte es für die meisten Gästen mehr als ausreichen. Leider ist dann die Sellarunde nicht möglich, für dieses Highlight benötigt man natürlich den größeren Pass von Dolomiti Superski.

Familiäre Gastlichkeit

Wehmütig stimmt der Gedanke, dass die meisten Reisenden, die in den Hauptsaisons um Weinachten und vor Ostern einen der begehrten Logenplätze in den zahlreichen Hotels und Pensionen ergattert haben, die archaische Landschaft nur am Rande zu genießen wissen. Und von den unendlichen Sagen der gekränkten Wasserfrauen noch nie gehört haben, ebenso wenig von der unbezwingbaren Bogenschützin und der unglücklichen Liebe ihres Schildträgers. Die Bauernhäuser wirken, als seien die Ureinwohner vom Glück des Dolomitenpanoramas gesegnet, als zählen sie ihre Trachten, so meint es jedenfalls der Weltgereiste Maler Franz von Defregger: "Zu den interessantesten, schönsten und farbenprächtigsten Trachten weit und breit". Die Hotels bieten durchweg charmante und gemütliche Gastlichkeit mit Kaminfeuer und Holzbalkonen. Fast alle befinden sich in Familienbesitz, so dass sich der Gast durch die persönliche Ansprache von Vater, Mutter und erwachsenen Kindern aufgenommen fühlt. Drei Sterne in Gröden sind jeden Stern einzeln wert. Das Essen kommt aus der Küche der Alpenregionen und verwöhnt mit selbst gemachten Schlutzkrapfen und anderen Teiggerichten. Weine aus Südtirol sind Pflicht auf jeder Speisekarte und passen ausgezeichnet zu den rustikalen Vor- und Hauptspeisen.

Die Minderheit in der Minderheit

Die Menschen mit ihrer sanften und hellen Haut und den dunkelbraunen Haaren finden sich in das Tal ein, das als Märchental bezeichnet wird. Märchen durchweben nicht nur die Berge des Tales, aus einer versunkenen Zeit stammt auch die Sprache der Einheimischen, das rätoromanische Ladinisch. Entstanden während der römischen Besatzungszeit durch die Vermischung aus keltischer und römischen Kultur, verbreitete sich das Ladinische schon im 1. Jahrhundert n. Chr. Dem Fremden muten die Laute an wie eine Mischung aus Französisch, Spanisch, Italienisch und dem herben Portugiesisch und zeigen eindrücklich die Alpen als kulturellen Mittelpunkt Europas. Eine gelebte Sprache, die nicht etwa nur am Heimatabend konserviert wird, denn untereinander sprechen die Einheimischen stets ihre Sprache.

Vor einhundert Jahren war Gröden noch ein abgeschiedenes Alpental. Heute teilen sich Skiläufer aus der ganzen Welt hier die Gondelsitze der Skigebiete. Damals aber, als die Bauern noch dem schneereichen Wintern in ihre warmen Stuben entfliehen mussten, fingen sie an, ihren Kindern Holzspielzeug zu schnitzen. Diese Holzschnitzkunst ist, neben den üblichen Tourismusberufen wie Skilehrer und Gastronom, heute eine der Erwerbsquellen des Grödnertales. Überall stehen die mannshohen Figuren und zeigen Historisches, wie Familien aus dem vorvorigen Jahrhundert, oder Lustiges, wie den lebensgroßen Herrn Trenker, der verschmitzt unter seinem Hute heraus grüßt.

Schnitzwerk als Exportschlager

In den Geschäften entlang der Hauptstrasse werden die kostbaren Werke angeboten und ihre plastisch durchgearbeitete Qualität ist einzigartig. Um sich einen mittelgroßen St. Georg samt Drachen und Pferd ins Wohnzimmereck stellen zu können, muss man naturgemäß echtes Geld bezahlen, dafür überdauert der Heilige auch mehrere Moden. Und überhaupt, vergleicht man ihn mit den Preisen der Fashionkleidung in den eleganten Boutiquen im Grödnertal, so kommt er einem schon wieder erschwinglich vor. Zum Shoppen sollte nach Gröden kommen, wer nicht auf den Cent zu schauen braucht, denn die neu erstandene Skikleidung samt Nerzpuschel auf der kessen Pudelmütze ist ein teures Vergnügen. Lässt man sich davon allerdings nicht abschrecken, so bietet sich vor oder nach dem Apres-Ski eine Vielzahl von Möglichkeiten, seine Garderobe sportlich "aufzupimpen", denn hier ist Italien!

Gastlichkeit statt Non-Stop-Party

Bleibt einem noch der amüsante Anblick glücklicher Russinnen, die tagtäglich Edel-Tüten in die Hotellobbis schleppen. Aus Moskauer Sicht sind die Preise im Skiort nämlich keineswegs hoch, im Vergleich zu daheim lassen sich hier nur Schnäppchen machen. Gröden mit seiner unaufdringlichen Gastlichkeit weiß jede Art von Protz und Partylärm zu verhindern. Hier herrscht ein angenehm familiärer Umgangston und auch die Apres- Ski Keller werden von wohlerzogenen erwachsenen Töchtern und Söhnen frequentiert und diese bevorzugen eher Abende gepflegt manierlichen Übermutes.

Marina/Gernot Kramper

Skigebiet: Informationen und Preise

Gröden und die kompletten Aufstiegsanlagen gehören zu "Dolomitisuperski", dem größten Skikarussell der Welt mit mehr als 450 Aufstiegsanlagen und über 1220 Kilometer Pisten. In Gröden gibt es 176 Kilometer Abfahrten und 98 Kilometer Langlaufloipen mit 84 Aufstiegsanlagen. Sportliche Skifahrer sollten sich im gesammten Gebiet austoben, müssen für einzelne Highlights aber Anfahrten mit Bus oder PKW in Kauf nehmen. "Normale Skifahrer" können sich mit dem günstigeren Skipass für Gröden arrangieren. ACHTUNG: Unbedingt die Preise vergleichen, je nach Saison und Familienarrangement können sich spürbare Unterschiede ergeben

Website "Dolomiti Superski"

Preisrahmen Gröden und Seiser Alm:

1 Tag von 22 Euro bis 28 Euro 7 Tage von 178 Euro bis 223 Euro

Preisrahmen Dolomiti Superski:

1 Tag von 32 Euro bis 40 Euro 7 Tage von 171 Euro bis 240 Euro

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