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Hotel für Autoren: Zwischen Dichtern und Denkern gebettet

Die Zimmer tragen Namen von Schriftstellern wie Frisch oder Nabokov und enthalten das komplette Werk des Namenspatrons. Das Hotel Wedina ist eine von Literaturliebhabern geschätzte Adresse und verspricht Liebe zum Detail.

Am Kopf des Treppenaufgangs steht Max Frisch und beobachtet durch seine dicken Brillengläser Lolita, die mit verführerisch niedergeschlagenen Augen auf ihn zukommt. Vladimir Nabokovs Lolita und der Schriftsteller aus der Schweiz? Im wirklichen Leben sind sie sich nicht begegnet, aber in einer Theateraufführung im Hamburger Hotel Wedina. Mittlerweile ist das kleine Künstler-Hotel im angesagten Stadtteil St. Georg hinter dem Hauptbahnhof eine renommierte Adresse für Autoren aus dem In- und Ausland. "Für das angenehmste Hotel Hamburgs", lautet die Widmung in Daniel Kehlmanns Hotel-Ausgabe von "Ich und Kaminski".

Jedes der Zimmer im Blauen Haus, einem der vier Hotelgebäude, trägt den Namen eines Autors, der sich in seinem Werk mit dem Thema Reisen und Leben im Hotel beschäftigt hat. Neben Frisch und Nabokov zum Beispiel die in Hamburg lebende japanische Schriftstellerin Yoko Tawada. Im Gang zu dem nach ihr benannten Zimmer befindet sich ein Tawada-Zitat links an der Wand: "Reisen hieß für meine Großmutter, fremdes Wasser trinken." Wer der japanischen Sprache mächtig ist, kann an der Zimmerwand Tawadas Handschrift entziffern. Oder in den Büchern der Autorin lesen: Jeder Raum enthält das komplette Werk des Namenspatrons.

Gäste kehren zum Weiterlesen zurück

Manchmal sind die Hotelgäste von der Lektüre so fasziniert, dass sie das Buch aus Versehen einfach einstecken. "Wir haben auch schon Bücher zurückgeschickt bekommen", sagt Geschäftsführerin Silvia Reiter lachend. Gewissenhaftere Gäste kehren zum Weiterlesen zurück ins Hotel. "Manche Gäste wünschen ein ganz bestimmtes Zimmer, wo sie schon ein Lesezeichen in einem Buch platziert haben", sagt Reiter.

Doch nicht nur Literaturliebhaber kommen ins Wedina. Auch Autoren, die die Hansestadt besuchen, wohnen gerne hier. Seit 1999 gibt es eine Partnerschaft mit dem Literaturhaus Hamburg. Dort suchte man eine etwas persönlichere Unterkunft für Gastautoren und war vom Charme des kleinen Hotels eingenommen. Der aus der Schweiz stammende Hotelgründer Felix Schlatter war sofort bereit, Gäste des Literaturhauses gratis im Hotel übernachten zu lassen. Einzige Bedingung: Ein Exemplar des neuesten Buches des Autors. Inzwischen ist daraus eine kleine Buchsammlung geworden, die gleich hinter der Rezeption ein Regal vom Boden bis zur Decke füllt.

Liebe zum Detail statt Luxus

Dass sich die Dinge für Hotelier Schlatter so positiv entwickeln, konnte beim Kauf des Hotels 1991 noch niemand ahnen. St. Georg war damals noch ein Drogen- und Rotlichtbezirk, das Blaue Haus ein Bordell. Was für Schlatter zählte, war die gute Verkehrsanbindung und die Nähe zu den großen Kultureinrichtungen. So sind die Hamburger Museumsmeile und auch das Literaturhaus gleich um die Ecke. "In diesem Haus sind alle Dinge immer durch Zufall passiert", sagt Reiter. "Bei uns steckt kein Marketing-Konzept dahinter nach dem Motto: Was kommt unterm Strich raus."

Durch Atmosphäre und Liebe zum Detail versucht das Wedina den fehlenden Luxus auszugleichen. Die Tee-Hausmischung ist exakt auf die Wasserhärte abgestimmt, die Kekse selbst gebacken, der Eis-Tee eigenhändig gerührt. Seit der französische Neo-Existenzialist und Kettenraucher Michel Houellebecq den Essbereich vollqualmte, gibt es auch einen Raucherraum. Der ist gleich mit fünf schwarz-weißen Houellebecq-Porträts geschmückt.

Jesko Schmoller/DPA / DPA

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