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stern-Reportage

Land der Trolle und Geysire: Nie gesehene Luftaufnahmen von Island. Eine Abenteuerreise ins wildeste Naturparadies Europas

Island, Land der Elfen, Trolle und Geysire. Es zieht immer mehr Touristen an. Nicht ohne Folgen. Fotograf Michael Poliza und stern-Chefredakteur Christian Krug bestaunten in Island spektakuläre Landschaften und trafen auf besorgte Einwohner.

Von stern-Chefredakteur Christian Krug

Der heiße Pool Bláhver im Hveravellir-Gebiet: Die Wikinger hatten als erste Siedler einst Angst vor dem Naturschauspiel – es war in Norwegen unbekannt

Der heiße Pool Bláhver im Hveravellir-Gebiet: Die Wikinger hatten als erste Siedler einst Angst vor dem Naturschauspiel – es war in Norwegen unbekannt

"Wenn es irgendwo in Island einen Ort gibt, den wir heilige Erde nennen können, dann ist er hier", sagt Prälat Kristján Valur Ingólfsson. Er ist einer von drei Regionalbischöfen Islands und betreut neben der Kirche in Thingvellir 250 Kirchengemeinden. Er hat die Welt gesehen und in Heidelberg Theologie studiert. In der kleinen Kirche wirkt er fast wie ein Riese aus "Gullivers Reisen".

Rund um das Gotteshaus lässt sich alles beobachten, was die Isländer stolz macht und was ihnen deshalb auch so große Sorge bereitet. Nur ein paar Hundert Meter weiter wurde vor über einem Jahrtausend die moderne Demokratie erfunden. Stand man bis vor wenigen Jahren noch auf der nahen Klippe und blickte nach Osten, konnte man in Ruhe seinen Kindern erklären, dass man vom amerikanischen Kontinent nun auf den eurasischen blickt. Gestört hat dabei höchstens der Wind.

Heute steht an der Stelle ein Touristencenter mit einem gewaltigen Busparkplatz.

Vor allem amerikanische und asiatische Besucher bevölkern diesen magischen Ort mittlerweile in solchen Massen, dass sich kaum ein Isländer mehr hinwagt. Die Touristen sind Fluch und Segen zugleich. Sie haben nach dem Zusammenbruch der Wirtschaft 2008 Island gerettet. Aber nun hat das Land Probleme, den Ansturm zu bewältigen. Es gibt schlicht zu wenige Hotels und Straßen, um die Reisenden aus der ganzen Welt vernünftig zu organisieren.

Island, ein christliches Land

Als das Gotteshaus 1859 errichtet wurde, dachten die Erbauer, 40 Plätze müssten wohl reichen für die christlichen Feste, die man dort feiern wollte. "Heute kommen Hunderttausende Menschen im Jahr", sagt der Regionalbischof, "das konnte damals ja niemand ahnen." Inzwischen sei der Parkplatz deutlich größer als der Friedhof der Gemeinde und seit vergangenem Jahr sogar kostenpflichtig. Ein Ranger kontrolliere die Tickets. "Das haben wir uns alles nicht vorstellen können", sagt der Geistliche.

Nur ein paar Hundert Meter von den Gemeindehäusern entfernt wurde um das Jahr 1.000 von Thorgeir Ljósvetningagoði entschieden, dass Island ein christliches Land sein soll. Der heidnische Priester und oberste Gesetzessprecher soll einen Tag und eine Nacht lang in eine Decke gehüllt meditiert haben, bevor er das Ergebnis seiner Beratungen mit sich selbst verkündete. Thorgeir wurde Christ und warf die Abbilder seiner alten Götter in einen Wasserfall, der heute Goðafoss genannt wird: Wasserfall der Götter.

Die Umweltschützerin Auður Magnúsdóttir kämpft seit 25 Jahren für eine nachhaltige Umweltpolitik ihres Landes

Die Umweltschützerin Auður Magnúsdóttir kämpft seit 25 Jahren für eine nachhaltige Umweltpolitik ihres Landes

Die vielen Touristen kommen allerdings nicht nur wegen der Kirche. Sie ist Beifang auf dem Trip, den die meisten Besucher Islands auf der für gewöhnlich dreitägigen Reise durch das Land der Elfen, Trolle und Geysire machen. Wer nur einen Funken historischen Interesses in sich spürt, muss auf seiner Islandreise nach Thingvellir.

Blickt man von der Kirche aus in Richtung Westen, sieht man eine scharfe, hohe Kante. Wie eine Steilküste auf Land. Hier trifft die eurasische auf die nordamerikanische Kontinentalplatte. Jedes Jahr driften sie um mehrere Zentimeter weiter auseinander. In der Schlucht zwischen den Platten kann man beide Kontinente mit den Händen gleichzeitig berühren.

Ein magischer Ort

Die Isländer haben sehr früh die Einzigartigkeit dieser Gegend gespürt. Im Jahr 930 kamen sie erstmals hier zusammen, um strittige Fragen zu klären. Das "Althing" gilt seitdem als am längsten bestehendes Parlament der Welt. Die Teilnahme zur Sommersonnenwende war für alle Bürger verpflichtend. Nur allein wirtschaftende Bauern, Alte und Kranke wurden entschuldigt. Da die Zusammenkunft mehrere Wochen dauerte, bauten die Teilnehmer aus groben Teppichen, Steinen und Moos kleine Häuser. Einige Isländer behaupten, damit sei Thingvellir nebenbei auch der erste Campingplatz der Geschichte.

Für die kleine Gemeinde sind die heutigen Touristenströme eine Herausforderung geworden. Man muss die Zahlen nur einmal vergleichen: Rund sechs Millionen Menschen besuchen jährlich den Kölner Dom. In die kleine Holzkirche in Thingvellir drängen mittlerweile wohl mehr als eine Million Besucher. Früher stand die Kirche immer offen. Man konnte sich hineinsetzen und die Magie spüren, von der der Prälat Kristján Ingólfsson spricht. Doch kürzlich hat jemand den Opferstock gestohlen. Seitdem ist die Tür nur zu Gottesdiensten geöffnet.

Dort tummeln sich dann regelmäßig Menschen aller Religionen. "Das ist im Prinzip sehr schön", sagt der Geistliche. "Aber die Geschichte dieses Hauses ist auch ein Kampf zwischen Katholiken und Protestanten, die sich auf Island erbitterte Auseinandersetzungen geliefert haben. Es gab sogar Enthauptungen." Und man solle bei aller Weltoffenheit nun nicht gänzlich unterdrücken, dass man eben eine protestantische Kirche sei und keine touristische Attraktion.

Der Friedhof musste gesperrrt werden

Früher konnte man auch einfach auf den kleinen Friedhof gehen und sich die Namen auf den Grabsteinen durchlesen, die so viel über die Geschichte dieses Ortes verraten. "Vergangenes Jahr mussten wir auch hier leider ein Verbotsschild aufstellen. Die Natur erholt sich nur sehr langsam in diesem Teil der Welt. Und die Gräber unserer Vorfahren sind uns heilig. Wir müssen sie schützen", sagt Regionalbischof Kristján Ingólfsson.

Regionalbischof Kristján Valur Ingólfsson

Regionalbischof Kristján Valur Ingólfsson

Früher war diese Natur einfach da. Island ist mit drei Einwohnern pro Quadratkilometer das am dünnsten besiedelte Land Europas. Als sich die ersten Siedler im Jahr 874 im Südosten Islands niederließen, fanden diese Wikinger ein extrem karges, wildes Land vor. Außer Robbe und Polarfuchs gab es keine Säugetiere. Sie fanden zwar ein paar Birkenwälder, deren Holz sie beim Hausbau verwenden konnten. Doch einmal gerodet, wuchsen die Bäume kaum nach. Bis heute gibt es keinen natürlichen Wald auf Island. Schon diese erste Umweltsünde hat die Natur bis heute nicht verziehen.

Island war bis in die 1940er Jahre hinein vor allem vom Fischfang abhängig, Tourismus spielte keine große Rolle. Auch eine Industrialisierung gab es im Grunde nicht. "Wir haben 1000 Jahre lang im Mittelalter gelebt, und dann sind wir innerhalb von 50 Jahren ins 20. Jahrhundert katapultiert worden", sagt Tinna Kvaran. Sie hat drei Jahre lang Besuchern in einem volkskundlichen Museum die Geschichte und Seele Islands erklärt. Heute hat sie mehrere Jobs gleichzeitig. Wie so viele Isländer.

"Die Geschichte Islands ist eine Geschichte dessen, was wir nicht hatten – und wie wir trotzdem überlebt haben." Nun wolle der Isländer keine Zeit mehr vertrödeln. 1000 Jahre Zeitlupe seien genug. Nun müsse alles im Zeitraffer passieren. "Was wir wollen, wollen wir schon gestern gehabt haben." Diesen Satz sagen viele auf Island.

Der zweite Weltkrieg verändert Island

Die Moderne begann im zweiten Weltkrieg, als 25.000 britische Soldaten die Insel besetzten. Die Isländer behandelten sie wie Besucher. Etwas später wurden die Briten von US-Streitkräften abgelöst. Heute gilt die Invasion als Glücksfall. Baracken mussten gebaut, Straßen und der Flughafen angelegt werden. In den Jahren 1941 und 1942 gab es auf Island keinen einzigen Arbeitslosen. Dazu wollten die Soldaten in ihrer Freizeit etwas erleben. Die Clubszene Islands war geboren.

2008 drohte dann alles, was man sich in den fast 70 Jahren seit dem Zweiten Weltkrieg aufgebaut hatte, wieder zusammenzubrechen. Kein anderes Volk war derartig von der Finanzkrise betroffen. Alle drei großen Geschäftsbanken gingen pleite. Island stand vor dem wirtschaftlichen Zusammenbruch.

Doch die Isländer besannen sich auf das, was ihnen geblieben war: die Natur. Sie setzten mit dem Tourismus auf eine vom Finanzmarkt unabhängige Branche. Für viele Isländer ist der wirtschaftliche Aufstieg in den vergangenen Jahren ein weiterer Beleg dafür, dass sie mit jeder noch so harten Prüfung des Lebens umgehen können. Doch andere treibt die Furcht um, dass sich ihre Heimat durch den Strom der Besucher unumkehrbar verändern wird.

Der Gerichtsmediziner: Mit den Touristen stiegen auch die Todesfälle. Sie landen bei Sebastian Kunz, einem Arzt aus München

Der Gerichtsmediziner: Mit den Touristen stiegen auch die Todesfälle. Sie landen bei Sebastian Kunz, einem Arzt aus München

Bevor die Touristen kamen, wurden Türen grundsätzlich nicht abgeschlossen. Man kannte doch alle Nachbarn. Es gab noch nicht einmal einen festangestellten Gerichtsmediziner auf Island. Zu wenige Fälle. Erst vor drei Jahren kam ein deutscher Forensiker an das Krankenhaus von Reykjavík. Seitdem steigen die Zahlen der Obduktionen stetig. "Bald kommt sogar ein zweiter Gerichtsmediziner, der mir bei der Arbeit hilft", sagt Dr. Sebastian Kunz. Betritt man das Büro des Münchners, fällt der Blick auf ein großes Bild an einer Korkwand. Ein Sonnenuntergang in schönstem Gold. Auf dem schwarzen Lavastrand liegt das abgetrennte Bein eines Toten. Als hätte das Leben eine finale Skulptur geschaffen. Man ahnt: Dieser Mann ist nicht zart besaitet.

Meist arbeitet Kunz nebenan bei den Toten, die in den Kühlregalen liegen. Die Isländer sind stolz, das sicherste Land der Welt zu sein. Noch nicht einmal Polizisten tragen Waffen. Statistisch gesehen gab es über einen sehr langen Zeitraum pro Jahr nur einen Toten durch äußere Gewalt.

Regeln für die Touristen

"Vergangenes Jahr hatte ich schon fünf", sagt Kunz. Ein einziger Fall habe alles verändert, meint er. Seitdem gehe auch auf Island die Angst vor Gewalt um. Im Januar 2017 wurde die 20-jährige Verkäuferin Birna Brjánsdóttir an einem Strand tot aufgefunden. Kunz stellte fest, dass sie vor ihrem Ertrinken vergewaltigt, gewürgt und anschließend bewusstlos ins Wasser gestoßen worden war. In einem gemieteten roten Kia stellte der Blutspurenexperte ihre DNA sicher. Der Wagen war in der Nähe des Tatorts von einer Überwachungskamera gefilmt worden.

Die Spur führte schließlich zum Täter: Es war ein Seemann aus Grönland, der mit seinem Trawler im Hafen vor Anker lag. 10.000 Isländer fanden sich zum Trauermarsch für das getötete Mädchen in Reykjavík ein. So etwas gab es nie zuvor in der Geschichte des isländischen Staates. Diese Tat, das kann man sagen, hat das Bewusstsein der Isländer verändert. Sie versuchen, ihre offene Kultur des Miteinanders zu erhalten – gegen Globalisierung und auch gegen die Verheißung des schnellen Geldes.

Eine der Prominentesten von ihnen ist Auður Magnúsdóttir. Sie ist die Geschäftsführerin von Landvernd, der größten Naturschutzorganisation Islands. Sie sagt: "Wir brauchen endlich Regeln dafür, wohin die Touristen gehen und was sie hier machen dürfen." Zu wenige Orte würden in zu kurzer Zeit von zu vielen Menschen besucht. Dabei sei nicht die Menge der Touristen das Problem, sondern deren Fokus allein auf den südlichen Teil Islands. "Es gibt Orte auf der Welt, die viel kleiner sind als Island und mehr Touristen vertragen. Aber sie haben alle eine Strategie. Wir haben keine." Island befinde sich wieder einmal im Goldrausch. Nun sei der Tourismus die Goldader, an der sich alle schnell bereichern wollten.

"Island" von Michael Poliza und Christian Krug, stern-Buch bei Delius Klasing, 300 S., 39,90 Euro, im Handel ab 17. September 2018

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Wie die Natur mittlerweile unter den Menschenmassen leidet, sieht man am besten bei den heißen Quellen von Reykjadalur, 40 Kilometer östlich von Reykjavík. Dort wartet ein junger Ranger auf Gäste. Kommt ein Wagen die Schotterpiste entlang, stoppt er die Fahrzeuge an einem großen gelben Schild: "Area closed". Wegen Umweltzerstörung geschlossen. Touristen haben die Vegetation derartig heruntergetrampelt, dass sie dauerhaft beschädigt ist. Sie braucht womöglich Jahre zur Erholung.

"Was mit Reykjadalur geschehen ist, hätten wir verhindern können", sagt Auður. Gibt es eine Lösung? Ja, sagt sie, man müsse die Touristen umleiten in den Westen und Norden des Landes. Dort sei die Natur mindestens ebenso spektakulär wie im Süden. Dazu völlig unberührt und eben fast gänzlich ohne Touristen. Wenn nur ein Teil der Gäste sich die Zeit nähme für die Fahrt in die verlassenen Westfjorde, dann hätten alle etwas davon: "Seit Jahren fliehen die Bewohner der Westfjorde in den Süden, weil der Fischfang stark reglementiert wurde und die Touristen als Kompensation für sinkende Einnahmen ausbleiben."

Die Gier nach dem schnellen Geld

Würde die Regierung die Infrastruktur in der dünn besiedelten Region ausbauen, könnten Unternehmer Hotels planen. Doch die Gier nach dem schnellen Geld treibe die Politiker genauso an wie den Rest der Isländer, meint Auður. Einige hätten über ihre Familien Beteiligungen an großen Tourismus-Unternehmen. "Die werden sicher kein Gesetz vorantreiben, das die Natur schützt", befürchtet sie.

Es sei eine unglaubliche Ironie, sagt die Umweltschützerin, dass ausgerechnet ein Naturschauspiel den Tourismusboom ausgelöst habe. Der Vulkanausbruch des Eyjafjallajökull im März 2010 hielt ganz Europa über Wochen in Atem. Der Luftverkehr bis in den Norden Afrikas war teilweise lahmgelegt. Aschepartikel verdunkelten den Himmel. "Auf der ganzen Welt wussten die Menschen plötzlich, wo Island liegt. Und kurz darauf startete die Tourismusbehörde eine Marketingkampagne mit unglaublicher Wirkung. Die Besucherzahlen explodierten, und wir hatten noch nicht die Infrastruktur, diesen Ansturm zu bewältigen. So ist es eigentlich bis heute."

Hat sie einen Traum? "Ich kämpfe seit 25 Jahren für die Umwelt", sagt die 40-Jährige. "Und es macht mich müde, dass man mir nicht zuhört. Doch ich bleibe positiv. Wir werden die Natur Islands retten.

Raue und faszinierende Landschaft: Island, wie Sie es noch nie gesehen haben
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