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Kapselhotels: Das echte Tokio Hotel

Tokio bietet alles - nur keinen Platz. Gebäude, Menschen und Autos drängen sich auf engstem Raum. Hoteliers haben mit einem pfiffigen Konzept aus dieser Not eine Tugend gemacht. stern.de-Redakteur Udo Lewalter verbrachte eine Nacht in einem vier Kubikmeter großen Schlafschließfach.

Kaum eine Stadt der Welt bietet so viele verschiedene Übernachtungsmöglichkeiten wie Tokio. In traditionell eingerichteten Minshuku-Hotels schlummern Gäste in großen Räumen eng aneinander gepfercht auf Futons. Schicker und deutlich komfortabler fallen die stundenweise zu mietenden Zimmer so genannter Love-Hotels aus, die dank Plüschbett, einer Karaoke-Maschine und einem Whirlpool ein wahres Eldorado für japanische Liebespaare sind. Geschäftsleute dagegen zieht es in Businesshotels, günstige Alternativen zu den mehrsternigen, internationalen Hotelketten. Alle diese Übernachtungsmöglichkeiten haben jedoch einen Haken - sie sind vergleichsweise teuer. Unter umgerechnet 60 Euro gibt's in Japans Hauptstadt keine Koje.

Moderne Höhlenmenschen

Doch wo schläft der Pendler mit kleinem Geldbeutel, der nach einem 18-Stunden-Tag den letzten Zug nach Kawasaki verpasst hat? Wo übernachtet der Bordellgast, der aus Spaß an der Freude die Zeit im Eroscenter vergessen hat? Und wohin flüchtet der beschwipste Business-Samurai, der nach Feierabend mal wieder einen über den Durst getrunken hat? Sie alle suchen Ruhe in plastikverschalten Kojen, die gerade mal so groß sind, dass ein ausgewachsener Mann darin Platz findet - zwei Meter lang, 80 Zentimeter breit und 120 Zentimeter hoch. Ein Minifernseher, ein Radio, ein Wecker und ein Spiegel gehören zur Ausstattung dieser urbanen Schlafhöhlen.

So richtig lauschig will es in den Röhren der rund 100 Tokioter Kapselhotels aber nicht werden. Zu stickig ist die Luft in den rund 50 Quadratmeter großen Räumen, in denen eng an- und übereinandergestapelt mehr als 20 Röhren Platz finden. Und dann der Lärm. Ständig rummst, furzt, pocht, schnarcht, rülpst oder klopft es in einer der Nachbarzellen. Für nächtlichen Diskussionsstoff sorgen zudem im Halbstundentakt betrunkene Höhlenmenschen, deren Orientierungssinn offenbar so stark behindert ist, dass sie sich beim Betreten des Zimmers gleich in die nächstbeste Kapsel legen. Kommt dann der rechtmäßige Mieter der Koje, wird's laut...

Keine Langnasen in Sicht

Westliche Gäste sind selten in Kapselhotels anzutreffen. "Gerade Europäer haben starke Berührungsängste", sagt Masaru Ito, der seit vier Jahren hinter der Rezeptionstheke des "Capsule Land"-Hotels im Tokioter Stadtteil Shibuya steht. "Die Kunst der richtigen Kapselbenutzung basiert auf der Wahrung unserer Verhaltensweisen. Diese sind westlichen Besuchern aber fremd", führt Ito fort. So ist es verpönt, den Hotelbereich mit Straßenschuhen zu betreten. Die Treter müssen zunächst in einem Schrank im Eingangsbereich verschlossen werden. Im Anschluss erhält man den Schlüssel für einen Kleidungsspind, in dem sich ein Baumwoll-Kimono - der so genannte "Yukata" - befindet, der in den folgenden Stunden als Hausuniform getragen wird. Das Outfit wird von einer graublauen Shorts komplettiert. Erst in dieser Hülle mutiert der Gast zum vollwertigen Kapselmenschen, der alle Annehmlichkeiten des Hauses nutzen darf.

Trotz des niedrigen Preises von umgerechnet 20 Euro je Übernachtung verfügen die meisten Kapselhotels über eine erstaunlich gute Ausstattung. In einem Gemeinschaftsraum verfolgen die Gäste bei einem grünen Tee ein Baseballmatch oder schmökern in einem der ausgelegten Manga-Comichefte. Massageräume, eine Sauna und ein Schwimmbad sorgen zudem für das Wohlbefinden der Gäste. Im Badbereich finden sich weitere Annehmlichkeiten. Hier liegen Zahnbürsten, Ohrstäbchen und Einwegrasierer aus.

Höschen aus dem Automaten

Wer am nächsten Morgen frische Wäsche benötigt, der zieht sie aus einem im Flur stehenden Kasten. Denn selbst bei Klamotten kennt die japanische Freude an Automaten kein Pardon: Getränke, Essen, Telefonkarten oder Spielzeug - rund um die Uhr kann im Land der aufgehenden Sonne praktisch alles gezogen werden, was man sich vorstellen kann - auch Bekleidung. Hemden, Socken und Unterwäsche stehen im Kapselhotel in jeweils vier unterschiedlichen Größen zur Verfügung.

Die Nacht im Kapselhotel war letztlich eine spannende Erfahrung. Eine Erfahrung, vor der wir Langnasen keine Berührungsängste haben müssen. Um jedoch morgens halbwegs ausgeschlafen aus der Koje zu kriechen, empfehlen sich Ohrstöpseln, gute Nerven und eine gewisse Vorliebe für subtropische Temperaturen. Dass das nicht jedermanns Sache ist, bestätigt auch Masaru Ito mit einem verschämten Lächeln: "Ich würde hier kein Auge zubekommen". Zuhause ist es eben doch am Schönsten...

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