Langlauf-Tour Mit der Karawane durch den Norden


Sibirien, Grönland, Südpol? Weit gefehlt - das Abenteuer ist so nah. Wer die Hardangervidda in Norwegen auf Skiern durchquert, fühlt sich wie die alten Entdecker.

Bei der Ankunft haben wir noch herzlich über die Norweger gelacht. Was die sich wohl gedacht haben mögen, als sie direkt über dem Eingang der Hütte eine zweite Tür eingebaut haben? Sie führt im ersten Stock ins Freie, ohne Treppe.Jetzt knistert das Feuer im Kamin, Kerzen werfen flackerndes Licht über die groben Holztische. Paul, ein junger Rechtsanwalt aus Oslo, sitzt in Wollunterhemd und Trainingshose beim Abendessen und erzählt vom Schneesturm. Bei seiner letzten Skitour in der Hardangervidda brach plötzlich einer los. Und was für einer! Paul sah keine Markierung mehr, obwohl alle 30 Meter mannsgroße Birkenzweige neben der Spur stecken. Zum Überleben gab es nur eine Möglichkeit: eine Schneehöhle graben und warten. 24 Stunden lag er im Schlafsack wie in einem weißen Sarg. "Das war nicht schön", sagt Paul so trocken, wie Norweger sich gern ausdrücken. Wir lernen: Wenn der Sturm über Nacht zwei Meter Neuschnee ablädt, ist die Tür im ersten Stock ganz praktisch, um wieder aus der Hütte zu kommen. Und begreifen: Hier kann der Winter zum heimtückischen Feind, der Schnee zu seiner Waffe werden. Pauls Frau ist wohl die Klügere: Sie macht gerade Urlaub auf Teneriffa. Wir wollen mit Langlaufskiern die Hardangervidda durchqueren. Europas größte Hochebene liegt über dem Hardanger-Fjord und ist etwa so groß wie der Schwarzwald. Es gibt hier keine Dörfer, nur eine Straße und ein paar Hütten. In acht Tagen wollen wir 160 Kilometer bewältigen. Alles Gepäck kommt auf den Rücken, inklusive Isomatte und Daunenschlafsack für ein eventuelles Biwak in der Schneehöhle.

Der leichteste Rucksack in unserer Vierergruppe wiegt elf Kilo. "Unterhalb der Nachweisgrenze", spottet Norbert, unser hagerer Führer. Er verteilt Verbandszeug und Lawinenschaufeln auf die Teilnehmer. Aus seinem Rucksack ragt wie eine Antenne ein Paar Ersatzskistöcke. Neben Karte und Kompass hat er ein Satelliten-Navigationsgerät dabei. Am nächsten Morgen zeigt das Thermometer zehn Grad unter null. Als die ochsenblutrote Hütte hinter uns aus dem Blickfeld verschwindet, umfängt uns die große Klarheit. Die ganze Welt besteht nur noch aus zwei Farben: Blau und Weiß. Kein Wölkchen trübt den blanken Himmel, nirgendwo ragen Masten oder Leitungen in den Horizont. Die unendliche Schneedecke hat sich über alles Land gebreitet. Kein Baum ragt aus dem Weiß. Die Spur, auf der wir 24 Kilometer von Finse nach Kräkkja gleiten, ist die einzige Kontur in der makellosen Weite. Heute bräuchten wir noch nicht einmal die Birkenzweige zur Orientierung. Sie sind mit weißem Reif bezuckert. "Vidda" bedeutet Weite. Wir laufen in eine flache Ebene, so weit wie der Mond. Kein Laut ist zu hören, nicht einmal ein Vogel zwitschert. Nur die Skistöcke knirschen im trockenen Pulverschnee. Das ist wahrer Luxus, so viel Ruhe und Raum zu haben. Der Weg ist frei. Nichts engt den Blick oder die Vorstellung ein. Jeder geht sein Tempo und hängt seinen Gedanken nach. Weit vor uns bewegen sich sechs Schatten über die Vidda, gerade noch zu erkennen als zwei Mann mit vier Schlittenhunden, die in der Pulka, einem flachen Schlitten, das Gepäck ziehen. Nach ein paar Stunden können unsere Augen den Schnee lesen. Am Anfang schien er nur weiß, ganz weiß, jetzt sehen wir Millionen Kristalle silbern im Sonnenlicht funkeln. Wo der Wind Angriffsfläche fand, hat er Muster in den Schnee gefräst: Hier zeigt er die dünnen Schichten einer Schieferplatte, dort trägt ein Hügel Schuppen wie ein Riesenfisch. Ganz hinten im Westen zieht sich eine Bergkette. Der höchste Gipfel der Hardangervidda liegt 1690 Meter über dem Meer. Wo das Gelände topfeben ist, laufen wir über einen der tausend zugefrorenen Seen. Dazwischen liegen Hügel mit flachen Anstiegen, ideal für Langläufer. Arme und Beine bewegen sich im Rhythmus, die Schuppenski gleiten mühelos, und das gleichförmige Gleiten fühlt sich an wie die Vorstufe zum Schweben. Selten waren wir dem Glück so nah. Das Thermometer steht jetzt bei minus fünf Grad. Doch es ist absolut windstill. Wir haben unsere Anoraks ausgezogen, nach einer Weile auch die Handschuhe. Gegen Mittag sind die Ärmel hochgekrempelt, nackte Unterarme spüren in der milden Wintersonne, dass Temperatur ein relativer Wert ist. Beim Frühstück in der Hütte haben wir Brote geschmiert und die Thermosflaschen mit Tee oder heißem Johannisbeersaft gefüllt. Jetzt futtern wir auf einer Bank, die wir mit der Lawinenschaufel in den Schnee gegraben haben. Norbert verteilt Schokolade, jeder kriegt vier Rippchen. Ganz normale Vollmilch-Nuss, nichts Erlesenes. Aber ich kann mich nicht erinnern, wann Schokolade jemals ein solcher Genuss war. Norbert hat früher im Outdoor-Laden verkauft. Seither sagt er: "Nimm die teure Isomatte. Die ist 100 Gramm leichter - da kannst du eine Tafel Schokolade mehr einpacken."

Am ersten Tag in der Hardangervidda wurde der Winter unser Freund, und der Schnee schien der üppigste Luxus der Welt. Um sich auf Polarexpeditionen vorzubereiten, ging Roald Amundsen im Januar 1896 auf Skitour in die Hardangervidda. Eine Woche wollte er mit seinem Bruder unterwegs sein. Nach zwei Wochen wurde ein Suchtrupp losgeschickt, der erfolglos umkehrte. Nach drei Wochen stapfte Amundsen aus der weißen Wildnis zurück und schrieb in einer norwegischen Zeitung eine Artikelserie: "Die abenteuerliche Fahrt der Gebrüder Amundsen über die Hardangervidda". So erfuhren die Leser, wie Roald und Leon Amundsen in einem Schneesturm die Orientierung verloren und trotz dreier Kompasse tagelang im Kreis liefen. Der Spirituskocher funktionierte nicht, und über die vierte Nacht im Freien schreibt Roald unterkühlt: "Beim Aufwachen stellte ich fest, dass ich eingeschneit war. Ich dachte, ich könnte kräftig mit den Schultern stoßen und so die Schneedecke aufbrechen, irrte mich aber." Sein Bruder sah nur noch Roalds Füße aus dem Schnee ragen. "Über eine Stunde musste er angestrengt schaufeln, bis er mich befreit hatte." Amundsen lernte aus den Anfängerfehlern in der Hardangervidda. Er verbesserte die Ausrüstung, stellte sich auf die Gewalt des Winters ein und erreichte als erster Mensch den Südpol, vor Scott und seinen Männern, die ohne Skier und schlecht vorbereitet durchs ewige Eis stolperten. 1909 war die Eisenbahnlinie von Oslo nach Bergen fertig. Jetzt war die Hardangervidda bequem zu erreichen, der 1222 Meter hoch gelegene Gebirgsbahnhof Finse wurde zum Eingangstor. Amundsens Schilderung lockte viele, die das Harte suchen. Bei der Mittagsrast im Windschatten einer Hirtenhütte - das Holz ist silbergrau verwittert, das Dach mit Grassoden belegt - sehen wir fünf Mann vom Alpenverein, Sektion Peiting in Oberbayern. Sie bereiten sich in der Vidda auf Größeres vor: Nächsten Winter wollen sie den Kungsleden machen, eine der legendären Fernrouten in Nordschweden. Dort sind die Tagesmärsche 35 Kilometer lang. Der Erste hat das falsche Wachs gewählt, unter seinen Skiern kleben Stollen. Sagt der Zweite: "Was bremst, gibt Kondition." Der Dritte trägt Hochtourenstiefel, ideal für die steilen Alpen, aber hier auf dem Plateau sind sie Reibeisen für die Füße. Am Abend ist die Haut an seinen Haxen durchgescheuert bis aufs rote Fleisch. Der Vierte setzt den Rucksack ab und fragt: "Tut dir heut auch das Kreuz weh?" "Nicht nur heut", antwortet der Fünfte, "jeden Tag." Der Winter kann ein strenger Meister sein, und in der Hardangervidda schleift er die Übermütigen. Am dritten Tag entdecken wir einen riesigen schwarzen Fleck, der sich wabernd über den Schnee bewegt. In der Hardangervidda lebt eine der letzten wilden Rentierherden Skandinaviens. 5000 Tiere, die eine breite Schneise über unsere Spur getrampelt haben und nach dünnen Stellen in der Schneedecke suchen, wo sie Rentierflechten knabbern können. Gegen vier Uhr am Nachmittag kommen wir in der Rauhellern-Hütte an. Der Wirt mit der wildwüchsigen Nase trägt ein T-Shirt: "Freiheit ist eine einfache Sache". Nach der heißen Dusche sitzen wir um das Feuer im offenen Kamin. Langsam füllt sich der Raum mit verschiedenen Grüppchen. Es gibt weder Strom noch Fernseher, weder Handy-Netz noch Hektik. Keine Chance, etwas zu verpassen. Das Abendessen kommt erst um sieben auf den Tisch. Bis dahin sind wir auf uns selbst gestellt. Deutschland liest im Kerzenschein, Holland schläft, Dänemark trinkt Schnaps. Durch die Sprossenfenster sehen wir den nordischen Sonnenuntergang. Der Horizont färbt sich erst violett, dann rosarot, darüber glüht eine pfeilschlanke Wolke in goldenem Licht. Jedes Hügelchen wirft lange Schatten. Vor der Hütte jaulen die Schlittenhunde. Wohlige Müdigkeit kriecht in den Körper, im Bauch knurrt richtiger Hunger. Nach der Bewegung in der Kälte erleben wir alles intensiver. Und freuen uns wieder über einfache Dinge: behagliche Wärme und trockene Kleidung. Auch die einfache norwegische Küche wird zur Köstlichkeit. Es gibt Schweinebraten mit Sauerkraut, zum Nachtisch Pudding. Am dritten Abend haben wir gelernt, mit Getränken hauszuhalten. Nicht nur, weil der halbe Liter Bier sechs Euro kostet. Das Plumpsklo befindet sich in der Nebenhütte. Einmal pinkeln heißt: Skischuhe anziehen, Anorak anziehen, und dann 30 Meter bei Gegenwind durch minus 25 Grad. So erfuhren wir auf dem Außenposten der Zivilisation, wie der Winter die Sinne schärft. Auf der letzten Etappe erreichen wir die Telemark. Hier waren Ski von jeher die einzige Möglichkeit, im Winter von einem Bauernhof zum nächsten zu gelangen. Im 19. Jahrhundert hatte hier ein gewisser Sondre Norheim die Idee, die Holzlatten in der Mitte zu taillieren. So konnte er viel besser Kurven fahren - der Skisport war geboren. Auf dem Weg nach Rjukan kommt Wind auf. Wir haben Glück: Er bläst direkt von hinten. Vor uns ragt der Gaustatoppen in den Himmel. Der Sturm treibt eine weiße Wolke über den Gipfel, als bräche ein Vulkan aus. Eingemummelt in Mütze und Kapuze, die hohen Rucksäcke ragen über die Schulter, fühlen wir uns wie die Helden einer Polarexpedition, die den Naturgewalten trotzen. 160 Kilometer, zurückgelegt aus eigener Kraft, haben das Selbstvertrauen gestählt. Nur die Schultern tun weh. Vor uns bricht die Hochebene jäh ab, wir müssen hinunter in ein Tal, eng und steil wie ein Canyon. Wehmütig blicken wir zurück, wo der Wind den Schnee in dünnen Schlieren über die Hochebene treibt. "Da jagen Trolle", sagt Monika. Am letzten Tag auf der Hardangervidda wissen wir: Der Winter, ein Zauberer, und Schnee ein märchenhafter Stoff.

Johannes Schweikle

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