HOME

Olympische Winterspiele: Der Berg flucht

Am Wochenende beginnen in Turin die Olympischen Winterspiele. Unterkünfte und Begeisterung gibt es zu wenig, Chancen für logistisches Chaos zu viel. Italien halt. Der stern ist schon mal durch die Austragungsorte spaziert.

Die roten und blauen Banner überall im Zentrum sollen den Turinern Mut machen. "Passion lives here" steht auf ihnen: Hier ist die Leidenschaft zu Hause. Viel mehr an olympischem Schmuck ziert Turin nicht kurz vor Beginn der Winterspiele. Mediterran überschäumend ist sie also nicht, die Leidenschaft für die fünf Ringe im Herzen der Stadt und der Menschen. Sie zeigt sich eher unterkühlt, was durchaus zu dem Image passt, das die Landsleute von den Turinern haben. Die "Calvinisten Italiens" nennt man sie, und darauf sind die Turiner auch noch stolz. Der irische Dramatiker Samuel Beckett antwortete einmal auf die Frage, warum die Hauptstadt der Region Piemont ihm so gut gefalle: "Sie erinnert mich an einen Friedhof."

Das war unfair vom Dichter der absurden Leere. Denn Turin mit knapp einer Million Einwohnern ist eine spröde, doch keine sterbenslangweilige Stadt. Hier begann im 19. Jahrhundert die Vereinigung Italiens unter den Königen aus dem Geschlecht Savoyen - und viel vom herrschaftlichen Flair aus jenen Zeiten hat sich bis heute erhalten. Steinerne Arkaden säumen die meisten Straßen in der Innenstadt, stolze Platanen-Alleen führen in die Vorstädte. An fast jeder Ecke findet sich ein gemütliches Café, hinter dessen Glasscheiben ein umfängliches Sortiment an kandierten Früchten oder Schokolade-Konfekt zu sehen ist.

Wo immer sich ein freier Platz bot, steht ein Monument aus jenen glorreichen Tagen der Gründung des Königreichs Italien. Siegreiche Helden in Marmor oder Bronze zücken auf ihrem Sockel den Säbel, reiten hoch zu Pferd in die Schlacht oder starren staatsmännisch in eine verheißungsvolle Zukunft. Es gibt wohl keine Stadt auf der Welt mit einer höheren Denkmaldichte pro Quadratkilometer. Überragt wird das königliche Turin vom eigenwilligen Kuppelbau der "Mole", dem Wahrzeichen der Stadt. Ursprünglich als Synagoge gedacht, aber nie als Bethaus benutzt, weil das Gebäude zu gigantisch war, beherbergt es heute ein modernes Museum der Filmkunst. Von der Aussichtsplattform der Mole aus sehen wir in dunstiger Ferne die schneebedeckten Alpen. Dort finden rund zwei Drittel aller Wettbewerbe statt, darunter die alpinen Ski-Disziplinen, Bobfahren, Biathlon und Langlauf. Daher müssen die Besucher hoch in die Berge. Doch bleiben können die wenigsten dort oben. Denn in Sestriere und Cesana-San Sicario, den beiden Hauptwettkampfstätten, ist das Bettenangebot spärlich und seit Monaten völlig überbucht. Außerdem wäre kaum jemand bereit, ein Apartment in Containergröße für die zwei Wochen der Spiele mit 3000 bis 8000 Euro zu bezahlen, was die Bergler angesichts der Nachfrage mit verstecktem Händereiben verlangen. Der wahre Fan hat also keine andere Wahl, als zwischen dem schönen Turin und dem Gebirge zu pendeln. Damit leistet er seinen olympischen Beitrag. Höher. Weiter. Leider nicht schneller. Denn der Transfer vom Stadtzentrum bis in das etwa 100 Kilometer entfernte Sestriere dauert gut drei Stunden - und da darf kein widriges Wetter herrschen.

Morgens nimmt der durchschnittliche Zuschauer den Zug vom Bahnhof Porta Nuova - er fährt alle 30 Minuten - bis ins Bergstädtchen Oulx. Er kann Oulx auch im Auto über eine neue Autobahn erreichen, für eine stattliche Mautgebühr von insgesamt neun Euro. Dann muss er seinen Wagen allerdings auf einem Großparkplatz abstellen, für den die Veranstalter eine Reservierung per Internet dringend empfehlen. Privatverkehr ist ab Oulx untersagt. Von jetzt an ist der Fan in den bewährten Händen italienischer Organisationsgenies. Sie haben ein Shuttlebus-System für die Olympiastätten im Gebirge ersonnen, das auf dem Papier aussieht wie der Weichenplan eines Groß-stellwerks und ungefähr im 15-Minuten-Takt funktionieren soll. "Wenn es nicht schneit während der Spiele. Sonst gibt es ein Chaos", sagt einer der Organisatoren in Cesana-San Sicario. Denn die Umlaufbahnen der Shuttlebusse sind kurvenreiche, enge Bergsträßchen. Ein vereister Anstieg, ein quer stehender Bus, und es käme die SOS-Meldung: "Torino, we have a problem!" Zum Biathlonstadion soll der Fan für die letzten Kilometer die Seilbahn ab Cesana benutzen. Jede halbe Minute schwebt eine Acht-Personen-Kabine den Berghang hoch. Pro Stunde etwa 1000 Menschen. Erwartet werden rund 6000 Zuschauer. "Macht nichts", tröstet die nette Dame vom Fremdenverkehrsbüro, "dort hinauf verkehrt auch eine Shuttlelinie, und deren erste Fahrt startet schon vier Stunden vor Beginn der Wettkämpfe." Na ja, die Strecke sei ein wenig holprig, was daran liege, dass die verantwortliche Baufirma Pleite gemacht habe. Das Problem wurde italienisch gelöst. Man malte auf die buckelige Teerdecke leuchtend weiße Markierungslinien, so sieht sie aus wie fast neu. Cesana und San Sicario, das wegen der Disziplinen Bob, Schlitten und Biathlon ein Schwerpunkt deutscher Medaillenträume ist, sind Gebirgsdörfer mit Häusern aus Stein und Holz sowie schönen Kneipen, wo der Espresso unter einem Euro kostet und die Nudelgerichte Namen tragen wie "Fiorellini a noci", Blümchen mit Nüssen. Sestriere, mit gut 2000 Metern der höchstgelegene Olympiaort, ist eine Gründung der Fiat-Familie aus den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Daher gibt es hier eine "Piazza Agnelli" und eine Agnelli-Abfahrtspiste.

Das alpine Flair der Kleinstadt ist mäßig, abgesehen von den schicken Pelzmützen der Ortspolizei, die an Doktor Schiwago erinnern. Die beiden höchsten Gebäude sind zwei bunt bemalte Wassertürme, erst beim Näherkommen als Hotels zu erkennen. An Pragelato ist der Name das Auffälligste: Vereiste Weide. Hier sind fünf Sprungschanzen entstanden, zwei für die Wettbewerbe, drei kleinere fürs Training, und hier werden die Langläufer über die Loipen und hoffentlich verschneite, aber nicht eisige Wiesen keuchen. Tun wir jetzt so, als wären wir in den Bergen gewesen und fahren nun wieder brav - Seilbahn, Shuttle, Eisenbahn - drei Stunden heim nach Turin. Vertrauen wir uns dort einem Taxi oder einem der Busse an, die unermüdlich auf einem auch hier verwirrenden Linien-Netzwerk die Stadt durchkreuzen und zweifellos zügig vorankommen, da es für die Hauptstraßen exklusive, gelb markierte Fahrspuren für Olympia-Fahrzeuge gibt und jedermann weiß, wie strikt sich Italiener an derlei Regelungen halten. Wir wollen einem Eishockeymatch beiwohnen. Vielleicht auch den Darbietungen der Eiskunst- oder Eisschnellläufer. Karten kriegen wir gewiss noch an der Tageskasse. Zwei Wochen vor Beginn der Spiele waren erst 70 Prozent der Tickets verkauft. Die drei Hallen, in denen die olympischen Flachland-Konkurrenzen stattfinden, sind kühn und kühl. Die schönste ist der Sportpalast für Eishockey. Hier hat der japanische Architekt Arata Isozaki in der Außenwand und der Bestuhlung gefrorenes Wasser in seiner reinsten Form nachempfunden und ein fast transparentes Bauwerk errichtet. Knapp 12000 Besucher finden in diesem coolen Schmuckstück Platz. Turins lokales Eishockey-team müht sich aber nur in der dritten italienischen Liga ab. Vor durchschnittlich 500 Zuschauern. Deshalb hat man für die Zeit nach den Spielen die Tribünen beweglich konstruiert. Sie können zusammengeschoben werden, bis sie in der Mitte nur noch ein Basketballfeld oder einen Boxring freilassen, Platz genug für Disziplinen also mit größerem Publikumszuspruch. Auch das "Stadio Olimpico" mit seinen 35000 Sitzen, Ort der Eröffnungs- und Schlusszeremonie, soll später nicht leer stehen. Den Bau werden in Zukunft die Kicker vom AC Torino, des zweiten Fußballklubs neben Juventus, für ihre Heimspiele nutzen. Das Stadion wurde zuletzt bewacht wie ein Hochsicherheitsgefängnis. Denn hier probten die Akteure die Auftaktshow, und nicht das geringste Detail des hochwertigen künstlerischen Spektakels sollte vorzeitig nach draußen dringen. Eingeweihte murmelten jedoch etwas von Andrea Bocelli, dem blinden Tenor. Und von Laura Bush, der amerikanischen Präsidentengattin, als prominentestem Ehrengast.

Für das Olympische Dorf, eine farbenfrohe Ansammlung rechteckiger Wohnblocks, die über 2500 Athleten und Betreuer beherbergt, hoffen die Organisatoren auf Nachmieter. Dieser Treffpunkt der Jugend aus aller Welt liegt in Sichtweite der Halle für den Eisschnelllauf. Unglücklicherweise befindet sich dazwischen der Bahnhof Turin Lingotto, so- dass die Athleten Waggons und Weichen und Oberleitungen auf einem elegant geschwungenen Steg überqueren müssen, der durch einen riesigen roten Bogen führt, das Wahrzeichen der Spiele. "Ein Symbol unserer Medaillenhoffnungen", spotten Italiener gern: "Erst steigen sie schwungvoll in schwindelnde Höhe, um dann genauso schwungvoll auf dem Boden der Tatsachen zu landen." Nehmen wir für unseren virtuellen Abendausflug jetzt an, wir hätten doch keine Karten mehr bekommen. Macht nichts, wir stürzen uns in die freie Turiner Olympianacht. Auf der Piazza Solferino drängen sich die Sponsoren von "Turin 2006" in ihren Zelten und Pavillons. Hier gibt es auch eine öffentliche Eisbahn des US-Sponsors "General Electric". Auf ihr zeigen stolpernde und schliddernde Turiner deutlich, dass Wintersport bisher nicht so sehr ihre Sache war. Weiter zur Piazza Castello, im italienischen Olympiajargon "Medals Plaza" genannt und "Meedals Plaatza" ausgesprochen. Hier kümmert sich ausnahmsweise kein in Erz gegossener Reiter um das bunte Treiben, sondern ein in Erz gegossener Infanterist, der jedoch nicht minder heldenhaft wirkt als seine Kollegen hoch zu Ross. Vor ihm und dem Regierungspalast der Savoyer läuft nicht bei Nacht und Nebel, sondern bei Musik und Multimedia-Show die Ehrung der olympischen Tagessieger unter einem gleißenden Halbkugeldach ab. Der Eintritt ist frei. Doch die Platzkarten für die 8000 Stehplätze sind bereits für alle 55 Zeremonien vergriffen - mit Ausnahme von 400 Last-Minute-Tickets pro Abend, für die man vor einem "Kiosk" auf der Piazza San Carlo Schlange stehen kann. Also wenden wir uns für diesmal vom Turiner Treiben im Zeichen der fünf Ringe ab. Was tun? 40 Kilometer nach Pinerolo zum Curling fahren? Auch der feurigste olympische Geist hat seine Grenzen. In den barocken Dom gehen und die Nachbildung der Sindone bewundern, des angeblichen Leichentuchs Jesu Christi? Die Kirche ist abends geschlossen. Also schlendern wir die Fußgängerzone der Via Garibaldi entlang. Vorbei am Fan-Shop von Juve, dem Fußballklub, der zu Turin gehört wie Fiat und Agnelli. Ein paar Schritte weiter liegt die Olympiaboutique, wo man die amöbenähnlichen Maskottchen "Neve" (Schnee) und "Gliz" (ein Fantasiename) in Filz, Plastik und Metall erwerben kann, aber auch so sinnvolle Geräte wie Snowboards und Rodelschlitten, beide aufblasbar. Im Laden ist kaum etwas los. Kenner der Stadt überrascht das nicht. Olympia ist nicht Juve. Die Organisatoren hatten sich zwar gegen einiges zu wappnen. Sie haben die Gullydeckel in der Nähe der Wettkampfanlagen verschweißt, damit keine Terroristen dem Untergrund entsteigen können. Sie haben einen Krisenstab gebildet, der Zwischenfälle wie etwa einen kapitalen Wasserrohrbruch vor den Stadien simulierte. Eines aber mussten sie eben nicht befürchten: Überbordende Begeisterung von Seiten der Calvinisten Italiens.

Teja Fiedler / print

Wissenscommunity