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Rafting auf der Soca: Volle Kraft voraus!

Dieser wilde Fluss ist ein Vamp: mal verführerisch, mal tückisch. Rafting auf der Soca in Slowenien ist etwas für Hartgesottene - und stille Genießer.

Von Christoph Leischwitz

Wenn es nicht echt wäre, wäre es Kitsch: Die Felsen am Ufer sind viel zu weiß, das Gras ist zu grün, der Fluss zu klar. Vermutlich bezahlen die Einheimischen jemanden, der geschmolzene Smaragde ins Wasser mischt. Die Soca in Slowenien ist einer der beliebtesten Kajak- und Raftingflüsse überhaupt, aber nicht nur wegen ihrer Anmut. In Wahrheit ist der Fluss ein verkappter, grünblau geschminkter Vamp. Wer sich in seine Fänge wagt, wird zunächst verführt von reiner Schönheit. Doch sobald man die Soca erkundet, offenbart sie ihre tückische Seite, und aus dem Kristallstrom wird wütendes Weißwasser. Das Boot dreht sich wie von selbst, wird gegen Felsen geschleudert, ist Spielball ihrer Gewalt. Wer nicht aufpasst, geht auf Tauchfahrt. Und zu allem applaudiert die laute Gischt. Eine Raftingtour ist ein Vergnügen, natürlich. Vor allem aber ein Kampf, den man nur als Team besteht. Und besiegen kann man das Wasser nicht. Aber den Höllenritt bändigen.

Alles beginnt für uns dort, wo es endet: am Ausstieg. Dort ziehen sich alle Teilnehmer um und lassen ein Auto stehen, für später. Die Fahrt zum Start dauert nur zehn Minuten. Später, auf dem Wasser, werden wir zwei Stunden brauchen. Wir starten einen Generator und pumpen das Boot auf. "Ganz schön unsportlich", ruft ein vorbeipaddelnder Kajakfahrer. Doch ohne Generator wäre der Tag nach dem Aufpumpen schon vorbei - obwohl unser Raft nur eine kleine Version ist, gerade mal 3,80 Meter lang. Sechs Personen passen hinein. Noch vor der ersten Fahrt befiehlt uns Tom Kurz, der Bootsführer, die erste Abkühlung: Wir legen uns auf dem Rücken ins Flussbett, das Wasser strömt in den Neoprenanzug. "Damit ihr später keinen Schock bekommt", sagt Kurz, "und gleich weiteratmen könnt." Dafür stockt uns der Atem jetzt. So müssen sich Babys beim ersten Klaps auf den Hintern fühlen. Die Soca, dieses hübsche Biest, hat sieben Grad.

Zeit, die Natur zu genießen

Am Anfang aber ist sie brav, im Kehrwasser der Felsen kommt das Boot zur Ruhe, wir finden Zeit, die Natur zu genießen. Sandstrände warten, aber wir sind ja nicht zum Faulenzen hier. Aus dem Gestein wachsen Gänseblümchen - und manchmal Eisengriffe. Wer will, klettert hoch hinauf und springt ins Wasser. Das muss man natürlich sehr wollen. Wir machen erste Paddelübungen, alles muss synchron ablaufen. Langsam gleiten wir auf dem Fluss dahin, der hier ganz zahm scheint, wir sind bester Laune. Bis das Rauschen naht. Noch in 100 Meter Entfernung sind wir uns sicher: Es muss ein Wasserfall sein, ein mächtiger Wasserfall. Aber es ist nur eine Stromschnelle. Nur? Das Boot bockt wie ein Rodeostier, Wasser schießt von drei Seiten auf uns zu. Wir paddeln, bis die Milchsäure in unseren Muskeln schäumt.

Tom Kurz ist seit elf Jahren Bootsführer, und ein bisschen ist er wie der Fluss. Wenn die Soca dahintreibt, sitzt er gelassen am Heck und blickt stumm nach vorne. Tröpfchenweise kommen die Tipps. "Wir müssen immer sehen, dass wir schneller oder langsamer sind als die Strömung", sagt er. "Wenn wir genauso schnell sind, macht der Fluss mit uns, was er will." Wenn die Soca jedoch weiß wird und ungemütlich, dann erwacht auch Tom zum Leben, er brüllt so laut, dass jeder schon vor Schreck lospaddelt: "Alle vorwärts, Vollgas!" "Rechts rückwärts, links vorwärts, volle Sahne!" Wenn wir eine heikle Stelle hinter uns haben, blickt Toms Freundin Michi zu ihm zurück. Sie ist ebenfalls Bootsführerin und scheint von Toms Augen abzulesen, was er als Nächstes vorhat. Sie arbeitet sonst als Skilehrerin und als Croupière in einem Salzburger Casino. Zocker erkennt sie mit einem Blick. Mitunter sieht sie fast ein bisschen besorgt aus.

Manchmal hat Tom Touristen im Boot, die sich wundern, dass sie selbst paddeln müssen. Rafting, das kommt vom englischen Wort für Floß. Ein gemütliches Wort. Dabei hat Rafting mit einer Huck- Finn-Floßfahrt nicht viel gemein. Viele buchen eine Raftingtour gar nicht selbst und wissen nicht, was auf sie zukommt - ihnen wurde die Reise geschenkt. Mit Vorliebe sind es Banken und Unternehmensberatungen, die vor ein paar Jahren ihre Angestellten noch zum Klettern schickten, auf dass sie ein Team würden. Jetzt ist Rafting angesagt. Und Slowenien ist dick im Geschäft.

Umzingelt von 2600 Meter hohen Bergen

Bovec, die wichtigste Anlaufstelle an der Soca, ist eine Art Fitnesscenter ohne Dach, perfekt geeignet zum Wandern, Skifahren, Klettern, Paragliden. Der Ort hat Platz für 3000 Touristen. Trotzdem strahlt es an jeder Ecke Einsamkeit aus - das Tal ist umzingelt von bis zu 2600 Meter hohen Bergen. Nicht einmal Radiowellen schaffen es richtig bis hierher. Die Soca hat das Tal gemacht und in Jahrmillionen aus den Julischen Alpen viele kleine Karstfelsen gefräst. Die wirken nun wie natürliche Wegweiser. "Wollt ihr links oder rechts vorbei?", fragt Tom. Doch manchmal hat man keine Wahl. Man steuert unaufhaltsam auf eine malmende Gischtwolke zu, paddelt, paddelt, paddelt, späht in ihren weißen Rachen, folgt möglichst rasch den Kommandos. Wenn in einer kritischen Passage jemand vorn links nicht durchzieht, kann ein anderer hinten rechts ganz schnell über Bord gehen. Und in der Soca zu treiben macht ungefähr so viel Spaß, wie mit geschlossenen Augen durch einen Wald zu joggen. Ständig bollert man irgendwo gegen.

Ein Raft kentert selten, doch auszuschließen ist es nicht. Tom übt an einer ruhigen Stelle den Notfall, wir kippen es absichtlich um. Die Situation ist ähnlich wie bei einem Autounfall. Theoretisch hat man alles im Erste-Hilfe-Kurs gelernt, aber jetzt ist das Gehirn überfordert. Einer von uns bleibt lange Sekunden verschwunden, er kann nur unter dem Boot sein. Als er prustend auftaucht, sagt er: "Keine Chance, das Ding von unten hochzudrücken." Vom ersten Tag bleibt nur Respekt, vor dem Fluss und seiner Kraft. Die Arme sind am Abend stinksauer, der Magen ist leer.

Bovec und die Dörfer entlang dem Fluss sind gemütlich, sie haben gute Pizzerien und prächtige Hausmannskost. Die Bewohner sprechen allesamt deutsch - aber sie sprechen grundsätzlich sehr wenig. Es scheint eine schwarz-grüne Koalition zu herrschen in diesem Tal: Einerseits hat hier jedes Haus eine Hecke, als sei sie bei Vermessungsarbeiten entstanden. Und vor den Haustüren stehen Gartenzwerge, die stellvertretend für die Menschen in die Welt hinauslächeln. Nicht, dass die Menschen in Bovec unfreundlich wären. Doch sie zeigen selten Emotionen. Als ob sie die Gäste nicht behelligen wollten. Zugleich hat hier jede verrostete Bushaltestelle drei Mülleimer: Papier, Plastik, Restmüll. Vielleicht ist deshalb der Fluss auch noch so sauber. Und: Bovec ist kein Ort für seichte Après-Partys, eher für den ökologisch korrekten Familienurlaub.

Scharfkantige Felsen, Sprünge aus sieben Metern Höhe

Der nächste Morgen bringt einen Kater, nur nicht im Kopf. Die Neoprenanzüge sind auf dem Balkon des Apartments über Nacht nicht trocken geworden, beim Anziehen zwängt man sich in den klammen Stoff wie in eine Wurstpelle. Doch am Abend, nach weiteren fünf Stunden auf dem Wasser, denkt niemand mehr daran. Vielmehr an die scharfkantigen Felsen, die aus dem Wasser lugten, als wollten sie das Boot aufspießen. An das Beinahe-Kentern. An unsere Sprünge aus sieben Meter Höhe. An das anstrengende Zurücktragen des Bootes auf dem Kopf. Und an das Gulasch mit Bratkartoffeln für 4,50 Euro und das Bier für zwei Euro, mit dem der Tag ausklingt. Wertvolle Elektrolyte. Michi sagt nach dem zweiten Bier, dass wir am dritten und letzten Tag eine Hammertour machen. "Das habt ihr euch verdient." Schwierigkeitsstufe fünf, die höchste, die als befahrbar gilt. Diesmal seilen wir das Boot in eine bewaldete Schlucht ab. Wir sehen uns die ersten 100 Meter des Flusses vorher genau an, ein gurgelnder und dröhnender Schlund, doch es hilft nichts: Wir rutschen direkt auf einen Felsen zu und laufen mit einem hässlichen Quietschen auf. Mehrere Sekunden hängen wir im 45-Grad-Winkel da, ehe wir ganz langsam zurückgleiten und uns mit vereinten Kräften aus dem Weißwasser kämpfen. Es ist das große Finale.

Am Schluss lässt der Vamp noch einmal seine Schönheit aufblitzen. Links eine Grotte, die „blaue Lagune“. Dann strömt der Fluss in eine Schlucht, über uns spannt sich die Napoleonbrücke, 22 Meter hoch. Tom fragt, ob jemand noch mal springen will. Nein, murmeln wir, danke.

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