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Roms neues Szeneviertel: Party im Pigneto

Al Pacino ist schon da: Das Filmfest in Rom lockt derzeit Stars und Sternchen in die italienische Hauptstadt. Gefeiert wird im einst runtergekommenen Viertel Pigneto. stern.de-Autorin Luisa Brandl hat dem neuen Trendbezirk einen Besuch abgestattet.

Dario Santilli wollte zurück in das Viertel, in dem er groß geworden ist. Die Straßen im Pigneto waren abends stockfinster damals, Junkies lungerten herum. "Alle haben mich für verrückt erklärt," sagt Dario, 54, mit seiner tiefen rauen Stimme, die so gar nicht zu seinem agilen Körper passt. Graumeliertes, schütteres Haar, ein tätowiertes Peace-Zeichen auf dem rechten Unterarm und eine Vergangenheit in den Reihen der Extremen Linken. Vor vierzehn Jahren eröffnete Dario im Kiez sein Restaurant "Infernotto", deutsch kleine Hölle, und gab den ersten Anstoß zu dem, was das Pigneto heute ist: ein Szeneviertel zum Wohlfühlen, ein Magnet für Trendsetter und Globetrotter.

Dario lockte Künstler, Journalisten und Intellektuelle an. Sie mochten die Dorfatmosphäre inmitten der zwei- bis dreistöckigen Arbeiterhäuschen aus den 20ern, blieben und zogen andere nach. In den renovierten Häusern entstanden Lofts. Allein in den letzten fünf Jahren hat sich der Quadratmeterpreis verdoppelt auf 5000 bis 6000 Euro. Das Boomviertel jenseits des Bahnhofs Termini wirkt wie eine Stadt in der Stadt. "Wir sind eine kleine Gemeinschaft, jeder kennt jeden", schwärmt Dario. In einer Bürgerinitiative setzte er sich dafür ein, dass die Hauptachse Via del Pigneto, an der sein Restaurant liegt, zur Fußgängerzone erklärt wurde. Auf dem täglichen Obst- und Gemüsemarkt kann man dort das Multi-Kulti aus Borgatari, den alten Bewohnern des Bezirks, Schwarzafrikanern, Srilankern und Szenegängern beobachten. Pigneto, das ist das Kreuzberg von Rom, das Schanzenviertel am Tiber.

Im Pigneto gibt es das einzige Pornokino der Stadt

Hier gibt es die meisten Fahrradfahrer in Rom, den größten Bikershop der Stadt und das einzige Pornokino. Den Filmclub Alphaville mit eigenem Filmfestival, den Undergroundclub Fanfulla, den Bäcker Giovanone, der in der dritten Generation frühmorgens süße Teigwaren im Holzofen backt und abends Pizza für alle, die an den drei Tischen im engen Geschäft Platz haben oder draußen Schlange stehen. Graffitis, Street Art, Flohmarkt, Galerien und Geschäfte, die bis tief in die Nacht geöffnet haben sorgen für eine lebendige, entspannte Atmosphäre, die es so in Rom sonst nicht gibt. Bis zum Morgengrauen hängt die Szene bei Mojitos und Prosecco draußen an den Tischen der Bars ab.

Einige haben es weit gebracht, wie die Schmuckdesigner Roberta Paolucci und Paolo Giacomelli, die einst in einer kleinen Bottega werkelten. Nach Produktionen für Kenzo, Missoni und Alessandro dell'Acqua lancierten sie ihre eigene Marke "Iosselliani". In ihrem Flagstore an der Via del Pigneto zeigen sie ihre edel-punkigen, neu-gothischen Kreationen und beherbergen auch andere Künstler in ihren Räumen mit den kleinen bunten Fliesen an den Wänden. "Die stammen noch aus der Zeit, als hier die Bar 'Arlecchino' drin war, eine Kaschemme, wo die Verbrecher sich trafen", sagt Roberta, 42 schmunzelnd. "Iosseliani" hat es weit übers Pigneto hinaus bis ins edle Mailänder Concept Store geschafft und ist in Showrooms in New York und Tokio vertreten. Doch ihren Gewinn investieren die Designer wieder in das Viertel, kauften einen alten Palazzo und wollen ein "Co-housing" daraus machen mit abgetrennten Wohnungen und gemeinschaftlich genutzten Räumen. "Das Schöne hier ist, dass die Menschen herkommen, um ihre Ideen zu verwirklichen. Sie bringen sich in den Kiez ein und wollen nicht nur Geld machen", sagt Roberta. Ständig entstehe etwas Neues. Gegenüber eröffnete eine neue Bar, ein paar Straßen weiter ein Buchhandel, "Hobo", mit einer erlesenen Auswahl über Musik und Theater , samt Cafeteria und Veranstaltungsprogramm.

Erstmals in diesem Jahr wird das Filmfest von Rom auch die etablierten Kulturschaffenden ins Pigneto locken, auf den Spuren der italienischen Großmeister, die mit ihren Kamerateams in den einstigen Schmuddelbezirk ausrückten. Roberto Rossellini drehte hier die berühmte Schlussszene für seinen neorealistischen Film "Rom, offene Stadt", Federico Fellini kam für einige Szenen von "Dolce Vita", und Pier Paolo Pasolini verwandelte 1961 für seinen Film "Accatone" gleich das ganze Viertel in ein Filmset. Das Festival, das Ende Oktober beginnt, wird aber nicht nur die Klassiker zeigen. Im "Cinema Aquila", das vor seiner Enteignung der römischen Mafia gehörte, sollen die innovativsten und experimentellen Produktionen vorgeführt werden. "In den drei Kinosälen wollen wir Qualitätsfilme zeigen, die sonst keine Chance auf dem Markt hätten," sagt Bezirkspräsident Giammarco Palmieri.

Boom des Viertels passt nicht allen

Der Hype um das Pigneto ist Dario suspekt. Viele versuchten aus dem Mythos Geld zu schinden. Pasolini habe etwa nie in der Bar Necci gedreht, wie überall zu lesen sei, schimpft er. Seine Hand streicht zart über drei spröde Latten, die von einer Umzäunung noch übrig geblieben sind. "Das sind noch Originale," sagt er, "hinter diesem Zaun errichtete Pasolini seine Film-Bar für den 'Accattone'." Man solle hier eine Tafel anbringen, meint Dario, damit Besucher nicht irregeführt würden. Wer mit ihm durchs Viertel streift, spürt mit welchem Respekt ihn die Menschen auf der Straße grüßen. Jene, die hier schon immer wohnten, die zu ihm kommen, wenn sie Nöte haben, die Miete schon wieder gestiegen ist oder der Gerichtsvollzieher vor der Tür steht. Dario ist die Seele von Pigneto.

Er kennt sie alle, die alten Männer, die in der Bar Rosi in der Morgensonne auf knallgelben Plastikstühlen an knallgelben blanken Plastiktischen sitzen, stundenlang, ohne etwas zu verzehren. Marco Veletti war Goldschmied, jetzt warte er seit acht Monaten auf seine Rente: "443 Euro, wer kann davon leben?" Wer arbeite und ehrlich sei, würde in Italien am Ende bestraft, meint er. In einem Verschlag gegenüber brät der Wirt Nudeln auf einer Gasflamme, eigentlich für seine Familie, aber oft wird das Mittagessen mit den Stammgästen geteilt. Auch das ist das Pigneto, Menschen, die so aussehen, als stammten sie aus dem Drehbuch von Pasolinis Milieufilmen.

Dario ist einer von ihnen. Der Vater war Widerstandkämpfer und starb früh an den Folgen des Krieges, hinterließ seine Frau und fünf Söhne. Darios Mutter ging arbeiten. Mittags machten sich die Kinder die Tomatensauce für die Nudeln selber warm. Um das Mittagessen zu variieren, fing der kleine Dario an in der Küche zu experimentieren und verfeinerte die vorgekochten Saucen. Mit der Eröffnung eines eigenen Restaurants erfüllte er sich später einen Kindheitstraum. Zusammen mit seiner damaligen Lebensgefährtin, Anke Luther aus Bayreuth, boxten sie sich bei der korrupten Verwaltung durch und widerstanden den Schutzgeldforderungen von Kleinkriminellen. "Sie kamen danach nie wieder ins Viertel. Das ermöglichte anderen, ebenfalls Geschäfte zu eröffnen," erzählt Dario.

Seit knapp 30 Jahren wohnt Anke Luther im Pigneto, hat mit Dario zusammen eine 20-jährige Tochter Noemi. Lange Zeit galt sie als Exotin. "Wenn ich ins Pigneto nach Hause fuhr, sagte man mir an der Straßenbahnhaltestelle oft, ich führe in die falsche Richtung, das Zentrum sei in der anderen Richtung", erzählt sie. Doch sie liebt das Pigneto und die direkte Art der Menschen: "Niemand benutzt eine Klingel, es wird gehupt oder vorm Haus solange geschrieen, bis jemand die Tür aufmacht." Dario hingegen will noch ein paar Jahre weitermachen, 2011 soll die U-Bahn-Anbindung kommen, dann will er irgendwann verkaufen, sich aufs Land zurückziehen und halbjährlich in Afrika leben. Sein Traum: eine Kochschule für Straßenkinder in Tansania aufbauen.

Luisa Brandl

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