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Buchungen im Web: Google mischt das Geschäft mit Flugtickets auf

Google dehnt seine Macht aus und strebt ins Reisegeschäft. 700 Millionen Dollar investiert der Suchmaschinen-Gigant in die Software-Firma ITA, die mit ihren Fluginformationen andere Reise-Webseiten beliefert.

Von Till Bartels

IT-Riese Google aus Mountain View in Kalifornien hat den nächsten Wachstumsmarkt für sich entdeckt: das Online-Geschäft mit Flugtickets. Der Suchmaschinendienst will selbst keine Flugreisen verkaufen oder über ein neues Internetportal vertreiben. Er gibt aber umgerechnet 560 Millionen Euro aus, um einen Software-Spezialisten für Fluginformationen und Ticketpreise zu kaufen. Dem Geschäft steht noch die Prüfung durch amerikanische Wettbewerbshüter bevor, da Google mit der Firmenübernahme eine Schlüsselposition bei der Suche nach passenden Flugreisen im Internet erlangt.

"Fast die Hälfte der Flugtickets werden heute online verkauft", kündigt Google auf der eigenen Blog-Seite den Deal an. "Aber für viele ist die Suche nach dem besten Preis ein frustrierendes Erlebnis." Denn Preise und Verfügbarkeiten von freien Plätzen ändern sich ständig. Google will mit der Übernahme von der Firma ITA die Suche nach Flugtickets deutlich verbessern, wie Konzernchef Eric Schmidt verkündete. Einfach nur die ITA-Software zu lizenzieren, wie es andere Reiseportale in den USA praktizieren, hätte für die angedachten Innovationen nicht ausgereicht.

Wettbewerber versuchten Aufkauf zu verhindern

Die in der Nähe von Boston beheimatete Firma ITA war 1996 von Informatikern des renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT) gegründet worden und vergleicht und wertet Flugreise-Informationen wie Airline, Ticketpreise bis hin zur Flugdauer aus. Die aufbereiteten Daten werden wiederum Buchungsportalen zur Verfügung gestellt. Zu den Kunden von ITA gehören Expedia, Orbitz, fly.com, kayak.com und auch Bing Travel. Letztere Website wird von Google-Rivalen Microsoft betrieben.

Als die Medien im Frühjahr über die ersten Gespräche zwischen ITA und Google berichtet haben, taten sich laut "Wall Street Journal" die anderen Reise-Anbieter zusammen. Die Wettbewerber Expedia, Kayak, Travelport und Amadeus sollen in den vergangenen Monaten gemeinsam versucht haben, ITA vor Google wegzuschnappen. Aber die von wenigen Aktionären kontrollierte Firma ließ sie aber abblitzen. Die bisherigen Eigentümer sollen nach Informationen der Zeitung zunächst eine Milliarde Dollar verlangt haben, Google habe aber den Preis gedrückt.

Konsequenzen für den Markt für Werbeanzeigen

Google macht nicht den Fehler, in ein Reise-Buchungsportal zu investieren, weil die US-Kartellbehörden wegen einer möglichen Monopolstellung intervenieren dürften. Der Suchmaschinen-Gigant setzt dagegen auf den indirekten Weg, kauft einen Software-Dienstleister und verfeinert die Technik bei der optimalen Suche nach dem besten Flugpreis. Der immer noch hohe Kaufpreis von 700 Millionen Dollar zeigt, dass Google mit glänzenden Geschäftsaussichten in diesem Bereich rechnet.

Und der nächste Schritt liegt auf der Hand: Der Suchmaschinen-Primus dürfte auch mehr Werbeanzeigen platzieren können, wenn noch mehr Menschen sich mit Hilfe von Google über Flugreisen informieren. Brisant wird es, wenn Google auch Daten über das Reiseverhalten seiner Kunden sammelt und mit seinem Adwords-Geschäft kombiniert, um potentielle Reisekunden gezielt mit Werbeeinblendungen zu versorgen.

Die Auswirkungen der Übernahme für Europa dürften gering bleiben. Die ITA Software wird vor allem in den USA genutzt. Im Gegensatz zu den USA, wo jedes zweite Flugticket online gekauft wird, läuft der größte Teil des Flugscheinverkaufs in Europa noch über Reisebüros. Auch berührt der Deal nicht den lukrativen Geschäftsreisemarkt, der über Ketten abgewickelt wird. Google betont, dass der Umsatz von ITA in Europa gering sei und die Übernahme bei den dortigen Wettbewerbshütern nicht angemeldet werden muss.

mit DPA

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