HOME

Nie wieder...: ...VIP-Lounge

Im Backstage-Bereich des Industriekapitalismus tummeln sich jede Menge Wichtigwichtel - vom Platten-Promoter bis zum Autoverkäufer. Nur bestimmt keine Stars.

Ein paar Jahre mach ich den Job ja nun auch schon und tu optisch, sprachlich, inhaltlich, was ich kann, um dem schlechten Ruf (Abzocker, Lohnschreiber, Kungelbrüder) der Journalistensippe entgegenzuwirken, aber es hilft alles nichts: Immer, wenn jemand hört, womit ich mein Geld verdiene, heißt es: Da ziehst du die besten Frauen ab, stimmt's? Du musst nur Stefan Aust oder Frank Schirrmacher anrufen, und die Sache läuft, oder? Du kommst in jede VIP-Lounge und kriegst alles umsonst, richtig?

Ich zerstöre den Neid der anonymen Masse nur ungern, aber was die Frauen betrifft, sollte ich besser rappen können, und weder mit Aust noch mit Schirrmacher hab ich je geredet, obwohl ich für Aust schon mal in ein Krisengebiet gefahren bin (Somalia, dafür schuldet er mir eigentlich was). Das Einzige, was zutrifft, ist das mit den VIP-Lounges. Aber das ist nicht unbedingt ein Vorteil.

Veranstaltung für Superwichtel

Falls es jemand noch nicht weiß: VIP steht für Very Important Person, für Superwichtigwichtel also, und wenn die Firmen, Sportklubs, Autokonzerne oder Unterhaltungsriesen von heute der Welt zeigen wollen, wie groß das neue Stadion ist (die Allianz Arena), wie super die neue CD (ColdplayU2SarahConnorMariahCareyGwenStefani), wie lässig der neue Wagen (3er BMW) - dann schicken sie Typen wie mir Einladungen zum Eröffnungsspiel, Konzert, zur Party. Komme ich da an, führen sie mich direkt in die VIP-Lounge.

Die VIP-Lounge ist der Backstage-Bereich des Industriekapitalismus. Es ist der Raum, zwecks "intimerer Atmo" oft leicht puffig gestaltet, in den die Fans, die Laufkundschaft und die Unfotografierten draußen, die für ihren Eintritt bezahlt haben, nicht vorgelassen werden, weil sie für das Image des Konzerns nicht entscheidend sind. Entscheidend sind Stars, Sternchen, Sponsoren - und Journalisten, die darüber berichten, welche Stars, Sternchen, Sponsoren anwesend waren und was die Stars, Sternchen, Sponsoren getragen, geredet, getrunken haben.

Umsonstalkohol und Kanapees

Lustige Sache, könnte man meinen: Zu Umsonstalkohol und Kanapees kann ich mir dann zusammen mit Gerd Schröder, Carmen Electra, Helge Schneider und Bruno Ganz oder einem anderen, der schon mal Hitler gespielt hat, das Spiel (Bayern-HSV) oder Konzert (Madonna) angucken oder zumindest über die Quietsche-Mädchen lachen, die auf dem neuen Wagen (Porsche Cayenne) rumrutschen. Leider aber trifft man die nie in der VIP-Lounge. Dafür trifft man Udo Walz, Oliver Korittke und jemanden, der vor vier Jahren mal bei "Verbotene Liebe" mitgespielt hat. Und wenn es einen Ort gibt, an dem Madonna garantiert noch nicht gesehen wurde, dann ist das die VIP-Lounge ihres eigenen Konzerts. "Ja, aber ist es denn nicht wenigstens weniger voll unter euch VIPs?", höre ich die Außenstehenden, Draußenstehenden im Chor rufen.

Au contraire, meine Damen und Herren: Da heute jeder Zweite als VIP gilt, treten wir uns auf die Füße hier! "Und die Drinks?" Wodka und Bier sind nach einer halben Stunde aus, und den Sekt kannst du immer vergessen.

Während auf den Rängen im Stadion oder der Konzerthalle also die Fans schreien, durchdrehen, ausflippen und sehen, hören, riechen, was die Spieler oder Musiker sehen, hören, riechen; während draußen also das Leben tobt, verbringst du in der VIP-Lounge deine Zeit mit Leuten, deren einzige Anstrengung darin besteht, so zu tun, als hätten sie schon alles gesehen, gehört, verstanden: gelangweilt.

Die VIP-Lounge ist darum wie Fernsehen, nur schlechter: Beim Fernsehen kannst du auf dem Bett liegen und dir deine Gesellschaft aussuchen. In der VIP-Lounge musst du stehen und wirst mit der Art Small Talk gefoltert, über die der Princeton-Professor Harry G. Frankfurt gerade eine Abhandlung veröffentlich hat: mit Leerformeln, mit Bullshit. Das einzig Gute daran: Unter all dem Bullshit verschwindet auch der Grund, warum man überhaupt in die VIP-Lounge gekommen ist. Es ist also praktisch gar nichts passiert.

Marc Fischer / print

Wissenscommunity