HOME

TV-Kritik Günther Jauch: Floskeln aus der Komfortzone

Günther Jauch möchte mit seinen Talk-Gästen über die Terrorgefahr in Deutschland debattieren, doch der sonst so streitlustige CSU-Minister bleibt friedlich und die Journalisten machen lieber große Außenpolitik.

Von Jan Zier

Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU)

"Massive Bedrohung an jedem Ort": Bayerns Innenminister Joachim Herrmann spricht bei Günter Jauch über das Thema "Terrorziel Deutschland - Wie groß ist die Gefahr?".

Die Frage ist naheliegend und die Antwort darauf, natürlich, vor allem Kaffeesatzleserei: "Terrorziel Deutschland - Wie groß ist die Gefahr?" Aber wahrscheinlich dachten sie bei Günther Jauch wirklich, sie müssen das debattieren, und zwar: genau das. Doch schon bei der Frage, wen man dazu einladen soll, in so eine Talkshow, mussten sie passen. Also sitzen da am Ende lauter Journalisten herum, zusammen mit einem von der CSU. Doch wenn gerade der, in diesem Falle: Bayerns Innenminister Joachim Herrmann, am Ende auch noch die Bundesregierung verteidigt, und statt dessen der frühere Spiegel-Chef Stefan Aust rechte Thesen verbreitet – nun, dann hätte man sich die Debatte vielleicht doch lieber ganz gespart. Aber es muss ja auch kein Verlust sein, wenn Günther Jauch diesen Job am Sonntagabend jetzt aufgibt.

"Nicht jeder Flüchtling ist ein Terrorist"

Aust, heute Herausgeber bei "Welt N24", gehört zu denen, die in diesen Tagen gerne vom "globalen Krieg" reden – nicht mal Herr Herrmann will soweit gehen – und der Kanzlerin vorhalten, sie habe "weder die Lage noch die Bundesregierung im Griff". Deswegen möchte er auch gerne über die "Flüchtlingsströme" sprechen, wenn es um den islamistischen Terror geht, weil diese Menschen die Lage in Deutschland "destabilisieren". Und zwei der Attentäter von Paris einst über Griechenland nach Europa gekommen seien. Immerhin, das sagt sogar Herr Aust: "Nicht jeder Flüchtling ist ein Terrorist." Glücklicherweise geht dann aber keiner in der Runde auf diese unselige Vermischung von Unzusammenhängendem ein, nicht mal Joachim Herrmann. Der will nur das Schengener Abkommen aufkündigen und den Schutz der EU-Außengrenzen im Zweifelsfall wieder in die eigene Hand nehmen.

Die "reale Bedrohung" durch den Islamischen Staat dürfe man sich "nicht schönreden", sagt Herrmann dann noch, ja, man müsse sie "ernst nehmen", diese "massive Bedrohung an jedem Ort". So weit, so floskelig. Aber was heißt das nun? Das weiß auch Herrmann nicht. Nur, dass es mehrere Hundert Islamisten in Deutschland gebe, die als "höchst gefährlich" einzustufen seien, und mehrere Tausend in Frankreich. Das BKA spricht von 426 "Gefährdern", denen sie die Planung eines Terroranschlages zutraut. Hm.

"Militärisch ist der IS nicht zu besiegen"

Wir müssen "viele Dinge neu lernen", hier, in unserer "Komfortzone", sagt Sonia Seymour Mikich dann, die WDR-Chefredakteurin, auch ohne genauer darauf einzugehen. Vielleicht auch, weil sie ja "gemessen" an das Problem herangehen will. Die Arbeit der Geheimdienste findet sie trotzdem okay, Intransparenz und Unwissenheit und schärfere Grenzkontrollen auch, und mehr Uniformierte auf der Straße dagegen irgendwie "beruhigend". Sie ist zudem eine, die die "Realpolitik" verteidigt auch wenn sie "widerlich" ist und für Bündnisse mit Wladimir Putin, Recep Tayyip Erdoğan oder Baschar al Assad plädiert. Aust wiederum möchte gar über Bodentruppen gegen den Islamischen Staat debattieren, weil man ja "nicht bei jeder Gelegenheit" davon absehen könne, militärisch einzugreifen.

Der einzige an diesem Abend, der etwas fundierter redet, ist der Journalist Jürgen Todenhöfer, der mal für die CDU im Bundestag saß und im vergangenen Jahr zehn Tage in IS-Kreisen lebte. Bombardements von IS-Hochburgen in Syrien hält Todenhöfer für "kontraproduktiv". Die Waffenexporte müssten gestoppt werden, fordert er stattdessen, zudem die Grenze zwischen der Türkei und dem Islamischen Staat geschlossen. Und schließlich müssten, um sie auszutrocknen, die "gefährlichste Terrorbewegung, die es je gegeben hat", bisher unterdrückte Sunniten im Irak und in Syrien integriert, die Länder national ausgesöhnt werden. Der "Traum" des Islamischen Staates aber, so Todenhöfer, wären Bodentruppen aus Europa und den USA, gegen die die Dschihadisten unmittelbar kämpfen könnten. Doch "militärisch ist der IS nicht zu besiegen", sagt Todenhöfer. Die anderen schweigen dazu.

Gemeinhin gelten hierzulande ja vor allem jene als besonders bedrohlich, die schon mal nach Syrien ausgereist und nun wieder nach Deutschland zurück gekehrt sind. "Da sind wahrscheinlich auch Killer dabei", sagt Mikich. "Manche von denen sind frustriert, mache reisen wieder aus", sagt Herrmann. "Die gelten beim IS zumeist als Fahnenflüchtige", sagt Todenhöfer.