Nie wieder... ...Weihnachtsmärkte!


Glühwein und Eierlikör, Champignon-Pfannen und Knoblauch-Shrimps, Schaschlikspieße und Fettgebackenes - und das alles schön durcheinander. Wer da mitmacht, scheitert am Minimalanspruch des kultivierten Mitteleuropäers. Wann ist endlich Schluss mit diesem Elend?
Von Christoph Wirtz

Natürlich gibt es irgendwo in Deutschland einen schönen Weihnachtsmarkt. Festlich geschmückt zieht er die Bauersfrauen der Umgebung an, auf dass sie mit gütigen Augen glücklichen Kindern glänzende Bratäpfel reichen. Mürbes Weihnachtsgebäck, liebevoll geschnitzte Krippenfiguren und zarte Christbaumkugeln liegen auf duftendem Tannengrün bei Kerzenschein und frommen Liedern. Bei Betreibern und Besuchern solcher Märkte entschuldigen wir uns an dieser Stelle. Für alle anderen gilt: Weihnachtsmärkte sind die letzten Drecklöcher und gehören verboten. Ganz früher deckten sich die Menschen auf den Weihnachtsmärkten mit Wintervorräten ein. Sie erhöhten die Vorfreude auf das Christfest und beschränkten sich auf wenige Tage und die Hauptmarktplätze.

Heute beschränken sich Weihnachtsmärkte auf gar nichts mehr. Weder in der Fläche noch im Angebot. Allein im Raum München gab es 2006 davon 65. In Berlin gibt es einen Hartz-IV-Weihnachtsmarkt, in München einen schwul-lesbischen, in so ziemlich jeder Flughafen- und Bahnhofshalle gibt es einen, außerdem natürlich auf der "MS Wappen von Mainz" sowie im Heide- Park Soltau und auf St. Pauli. Die Liste wäre endlos fortzusetzen, das Angebot bleibt vergleichbar: lila Lametta und beleuchtete Salzkristalle. Von Kirmesveranstaltungen anderer Jahreszeiten unterscheiden sich Weihnachtsmärkte dadurch, dass überwiegend Glühwein in die Ecken erbrochen wird und beim Autoscooter die Randfichten "Weihnachtstraam" singen. Zum Starkmagneten werden Weihnachtsmärkte erst durch ihr kulinarisches Angebot. Sie sind das lukullische Traumland der deutschen Mehrheitsgesellschaft. Bei Schwenkgrill und Pilzpfanne, Butterstollen und Wurstgulasch, Gyros und Bismarckhering, Tintenfischringen und Zuckerwatte lacht das Genießerherz. Wo Knoblauch-Shrimps und Schaschlikspieße mit Glühwein und Eierlikör heruntergespült werden, wo fränkische Würste, Fettgebackenes und asiatische Nudelpfannen in wilder Reihenfolge im Gedränge der Budengassen vom Pappteller ins Maul geschaufelt werden, da fallen die Korsette von Erziehung und Selbstdisziplin. Da werden Kinderträume wahr.

Outing - Wohlstandsgesellschaft als kulturelles Prekariat

Wen stört’s, dass die Abfalleimer überquellen und ab und an ein Pitbull ein Kind auf der Jagd nach einer Ratte umschmeißt, wenn über allem Drehorgelklang und wärmender Bratfettdunst liegt? Die Weihnachtsmärkte zeigen, wie Anspruchslosigkeit bei der Bedürfnisbefriedigung in die Kulturerosion führt. Sie verhalten sich zu ihrer Uridee wie "Jugend musiziert" zu "Popstars" bei RTL2. Auf Weihnachtsmärkten outet sich die Wohlstandsgesellschaft als kulturelles Prekariat. Wer sich vor den Preisen am Glühweinstand (Becher zu 2,50 Euro) der Diskussion um die Milchpreiserhöhung von zehn Cent pro Liter erinnert, den muss das Grausen packen. Überhaupt der Glühwein! Er gilt als Hauptmotiv für den Weihnachtsmarktbesuch. Man hält ihn für das einzige alkoholische Getränk, das man sich zu jeder Tageszeit auf offener Straße reinpfeifen kann, ohne als gescheitert zu gelten. Der Satz ist ebenso hübsch formuliert wie unzutreffend. Wer sich an trüben Novembernachmittagen zwischen Erzgebirgsschnitzereien aus China um muffige Verschläge drängt, um klebrigen Fusel mit dem Aroma von Nagellackentferner und Klostein aus angeschlagenen Kaffeepötten zu saufen, der ist zweifellos gescheitert - am Minimalanspruch jedes kultivierten Mitteleuropäers. Zuschriften zwecklos.

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