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Interview

Niki Laudas letztes stern-Gespräch: "Was ich gelernt habe, ist: auf dem schnellsten Weg zum Ziel, keine Schlangenlinien"

Es war im Februar 2018, da wollte Niki Lauda es noch einmal wissen: Er hatte die insolvente Fluglinie Niki zurückgekauft. Im Interview dazu zeigte er sich in seinem letzten Gespräch mit dem stern voller Tatendrang.

Interview: David Baum und Jan Boris Wintzenburg

Niki Lauda kauft Airline: "Es ist mein eigenes Geld. Komplett"

2003 gründete Niki Lauda die Fluggesellschaft Niki. 2011 verkauft er sie ganz an Air Berlin, die ihren Betrieb 2017 einstellen musste

Hinweis: Dieses Interview erschien erstmals am 18. Februar 2018 an dieser Stelle. Anlässlich des Todes von Niki Lauda veröffentlicht der stern sein letztes Gespräch mit dem Rennfahrer und Unternehmer erneut.

Herr Lauda, haben Sie die Reaktionen auf die Übernahme der insolventen Fluglinie Niki, die Sie einst selbst gegründet haben, überrascht?

Ich habe noch nie 70 oder 80 begeisterte SMS an einem Tag gekriegt, so einen Schwung an Anerkennung. Weltmeister zu werden oder ein Formel-1-Rennen zu gewinnen ist nichts dagegen.

Woran liegt das?

Schwer zu sagen, aber was vielleicht mitgeholfen hat: Ich habe in meinem Rennfahrerleben jedem etwas geboten: Ich bin jung Weltmeister geworden. Und kaum war ich's, brenn ich mir das Ohr ab und verlier im letzten Rennen. Das sind Emotionen. Damit hab ich die Menschen hinterm Ofen hervorgeholt.

Ein schwarz-weiß Foto zeigt Ex-Formel-1-Fahrer Niki Lauda

Es gab immer Rummel um Sie.

Das war eine richtige Achterbahn. Das löst mehr aus, als wenn es immer gut geht.

Die Niki-Übernahme hat erst im dritten Anlauf geklappt. Sie mussten große Konzerne wie die Lufthansa, die British-Airways-Mutter IAG oder Billigflieger Ryanair aus dem Feld schlagen.

Ja, das war wieder eine Achterbahn: Zweimal hab ich verloren, am Ende aber gewonnen. Ein Hin und Her.

Sie steigen zum dritten Mal ins Airline-Geschäft ein und haben schon schlimme Zeiten erlebt. Eine Lauda-Air-Boeing stürzte 1991 in Thailand mit 223 Menschen ab. Reicht es Ihnen noch nicht?

Jeder fragt mich: Warum tun Sie sich das noch mal an? Die denken: Der Niki ist hundert Jahre alt und hat immer noch nicht genug.

Sie sind erst 68, aber genau das fragen wir uns auch.

Da gibt's eine ganz einfache Antwort: Jeder macht, wie er will! Wenn Sie mit 50 in Pension gehen und am Strand liegen wollen, dann ist das wunderbar. Aber ich bin halt anders. Es gibt Extreme in die eine und in die andere Richtung. Durch mein Rennfahrerleben war ich immer kompetitiv unterwegs, und im Geschäftsleben ist das nicht anders. Je mehr Wettbewerb, desto lustiger ist es für mich.

Dreimal war Niki Lauda Formel-1-Weltmeister. Das Vermögen des 68-Jährigen wird auf etwa 200 Millionen Euro geschätzt

Dreimal war Niki Lauda Formel-1-Weltmeister. Das Vermögen des 68-Jährigen wird auf etwa 200 Millionen Euro geschätzt

Was war diesmal Ihre Motivation: Wollten Sie sich noch mal beweisen?

Das Ganze ging los, als ich mich gefragt habe: Wie kann es sein, dass es nach einer Air-Berlin- und Niki-Übernahme durch Lufthansa keine Konkurrenz in Deutschland und vor allem Österreich mehr geben soll? Mir geht es um Wettbewerb.

Aber wenn es um ein Traktoren-Monopol gegangen wäre, hätten Sie sich nicht eingekauft, oder?

Bei Airlines kenne ich mich halt a bisserl aus. (Pause) Oder sagen wir: Ich kenne mich da gut aus.

Die Airline Niki ist mit Ihrem Namen in die Pleite geschlittert. War das nicht schlimm?

Da kann ich nix mehr dafür, weil ich seit 2011 weg bin. Das belastet mich nicht.

All Ihre Airlines trugen immer Ihren Namen. Erst Lauda Air, dann Niki und jetzt Laudamotion. Ist das nicht ein hohes Risiko?

Natürlich ist das riskant. Ich wollte eigentlich von meinem Namen komplett weg und die Airline "emotion" nennen. Aber mein Name ist das Bekannteste, was es gibt. Der überstrahlt alles.

Sie haben eine Pilotenlizenz. Wann haben Sie Fliegen gelernt?

1976 habe ich in Salzburg gelebt und musste immer zu Ferrari nach Maranello fahren, sechs Stunden im Auto. Ein Cousin sagte zu mir: Du, ich hab eine einmotorige Maschine. Flieg mal mit. In der Luft sagte er: Probier mal. Da kam mir gleich der Gedanke: Damit könnte ich zu Ferrari fliegen.

Das war sehr ökonomisch gedacht?

Ja, ich hab dann den Flugschein gemacht, hatte ein Jahr später ein Flugzeug und war in 55 Minuten da. Ich hab dann alle Lizenzen gemacht und bin alle Flugzeugtypen selbst geflogen. Bei der Lauda Air waren es Langstreckenflieger bis zur Boeing 777, dann bei Niki Airbus A320.

Quiz für Vielflieger: London oder Frankfurt? Erkennen Sie diese Städte aus der Luft?

Ist es etwas Magisches für Sie, in der Luft zu sein?

Nein. Es ist das perfekte Beherrschen meines Flugzeugs, was mich fasziniert. Beim Fliegen gibt es keine Kompromisse. Und es kommt auf die Feinheiten an, mit denen man eine Flugmaschine bedient, wie man sie spürt. Wie man sie ökonomisch fliegt und es den Passagieren so angenehm wie möglich macht. Da gibt's maßlose Unterschiede bei Piloten. Aber auch das Wirtschaftliche interessiert mich: Grand Prix gewinnen und Weltmeister werden ist einfacher, als eine Airline zu führen.

Lauda am Rande einer Formel-1 Veranstaltung

Lauda am Rande einer Formel-1 Veranstaltung

Wieso?

Airlines sind ein fürchterliches Geschäft. Sie sind abhängig vom Dollar, dem Spritpreis und, und, und. Diese Vehikel zu steuern ist mühsam. Trotz Passagierboom bleibt es eine Riesenherausforderung, alles richtig zu machen und damit Geld zu verdienen.

Wieso glauben Sie, dass Ihnen das mit Laudamotion jetzt gelingt?

Ich bin effizienter als andere. Ich geb Ihnen ein Beispiel: Wir mussten gestern relativ schnell die Bücher der Airbus-Flugzeuge von der Niki umschreiben auf die Laudamotion. Das kann nur Airbus. Also habe ich meinen Flugbetriebsleiter, den Trainingsleiter und den Geschäftsführer in meinen Privatflieger gesetzt und bin mit ihnen zu Airbus nach Toulouse geflogen. Zwei Stunden später waren wir schon wieder auf dem Rückweg. Erledigt.

Da hilft es, Niki Lauda zu sein und einen Privatjet zu haben.

Ja, genau!

Planen Sie, bei Niki wieder selbst ins Cockpit zu steigen?

Nein, ich bin über 65, das darf ich nicht mehr. Bloß meinen Privatjet kann ich weiter selbst fliegen.

Niki Lauda als Pilot zu erleben – das war früher bei Lauda Air für die Passagiere der besondere Reiz.

Vollkommen richtig. Deswegen werde ich bei Laudamotion sicher öfter mitfliegen. Ich will schauen, wie die Kunden hinten reagieren. Bei Niki habe ich damals zum Beispiel die Sicherheitshinweise selbst gesprochen. Das überlege ich jetzt wieder.

Sind Sie ein guter Chef?

Grundsätzlich weiß ich, wie man mit Menschen kommunizieren muss, ich glaube, ich bin da ganz gut.

Sie fahren nie aus der Haut?

Nein, nie. Wenn einer nicht so gut landet, dann frage ich ihn, warum. Ich versuche schon, meine vorgelebte Perfektion zurückzuverlangen.

Schon in seiner Zeit als Rennfahrer erwarb Niki Lauda eine Pilotenlizenz

Schon in seiner Zeit als Rennfahrer erwarb Niki Lauda eine Pilotenlizenz

Sie hatten immer eine Vision, wie Fliegen mit Lauda sein muss. Was erwartet die Passagiere künftig?

Die größte Hetz für mich ist, dass vor einigen Jahren Niki brutal runtergespart wurde. Ich hatte Niki als Low-cost-Airline aufgestellt, aber mit Service, weil ich mich unterscheiden musste. Bei mir konnte man immer ein Wiener Schnitzel kaufen oder ein Sandwich. Und auch eine Zeitung haben die Passagiere bekommen. Es sprechen mich heute noch Leute drauf an, wie toll ihr Flug war. So was passiert heute nicht mehr. Der Service an Bord ist überall runtergenudelt auf nichts. Wenn du ein Glas Wasser willst, musst du zahlen. Das ist das neue Konzept des Low-cost-Fliegens.

Da sehen Sie Ihre Chance?

Klar, ich mache einen Riesensprung gegenüber der Konkurrenz, wenn ich wieder was anbiete. Ich will besser sein als die anderen.

Bei den Mitarbeitern gibt es eher die Angst, dass Sie beim Lohn zu wenig bieten. Ist die begründet?

Das ist eine unglaubliche Geschichte: Als ich mich den Piloten vorgestellt habe, fragte einer: "Bekommen wir wieder so einen Sklavenvertrag?" Da sag ich: Wo waren Sie Sklave? Sie wurden bezahlt wie bei Eurowings. Und die Dienstzeiten lagen im gesetzlichen Rahmen: zwischen 750 und 830 Stunden im Jahr.

Gesetzlich erlaubt sind maximal 900 Stunden.

Bei Niki sind sie zuletzt nur noch 640 Stunden geflogen. Die Air Berlin hat ihren Tarifvertrag über die Niki gestülpt. Kein Wunder, dass alles pleiteging.

Verdienen Piloten zu viel?

Ich habe nichts gegen Tarifverträge mit gutem Gehalt, bloß muss ich hinterher noch fliegen können. Und Air Berlin hatte da Dinge eingebaut wie die "Betonwoche". Das heißt, Crewpläne können eine Woche vorher nicht mehr geändert werden, egal, ob Flugzeuge verspätet sind oder ausfallen. Das ist total unflexibel.

Verhandeln Sie selbst mit den Gewerkschaften?

Ja, die suchen schon das Gespräch mit mir. Aber ich hab noch keinen einzigen Flieger in der Luft. Momentan hab ich keine Zeit.

Wollen Sie denn die Gehälter der Piloten drücken?

Nein, weil ein unglaublicher Pilotenmangel besteht. Mein Plan ist klar: Was jetzt bezahlt wird, das wird auch weiterbezahlt.

Wann soll Laudamotion an den Start gehen?

Am 28. März geht es los. Zum Sommerflugplan.

Haben Sie schon genügend Mitarbeiter dafür?

Wir brauchen für 15 Flugzeuge ungefähr 200 Piloten. Wir machen gerade die Verträge fertig und geben sie raus. Mal sehen, wer unterschreibt. Ich biete jedem, der bei Niki war, einen Job an. Aber da Niki in Konkurs gegangen ist, müssen alle neu bei der Laudamotion angestellt werden. Dafür kann ich nix.

Nutzen Sie die Erfahrungen aus dem Rennsport, um Ihre Firma zu führen?

Alles, was ich gelernt habe, ist: auf dem schnellsten Weg zum Ziel, keine Schlangenlinien. Der Sport prägt mich, aber man kann natürlich nicht nur Gas geben, sondern muss ökonomisch fahren. Und ich glaube, dass ich gut delegieren kann. Ich habe sehr gute Leute, die mir den Laden führen. Ich fang nicht an, da reinzupfuschen.

Sie wollen also nicht alles selbst entscheiden?

Kann ich gar nicht. Ich habe ja auch noch 1200 Mitarbeiter im Formel-1-Rennstall, den ich mit Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff zusammen führe.

Sie haben zehn Prozent des Teams von Mercedes gekauft.

Ja, das ist mein eigentlicher Hauptjob. Aber auch da bin ich nur bei den großen Entscheidungen beteiligt.

Sie wollen Formel-1-Weltmeister werden und sind gleichzeitig Jungunternehmer ...

Na, eher ein alter Unternehmer, der es noch mal wissen will.

Die Niki hat angeblich 47 Millionen Euro gekostet. Haben Sie eigentlich mit eigenem Geld bezahlt?

Ja, komplett.

Es gibt keinen weiteren Investor?

Nein, zuerst war die Idee, es mit Thomas Cook und Condor gemeinsam zu machen. Aber es ging schneller, allein reinzugehen. Das war in der Nacht der Entscheidung wichtig.

Da ging es um viele Millionen Euro. Fällt Ihnen so eine Entscheidung leicht?

Ich hab schon überlegt: Wie weit will ich bieten, wo ist Ende?

Wo geht es jetzt hin mit der Airline?

Zunächst mal: Ich habe keine Airline gekauft, sondern nur Slots. Die muss ich jetzt mit meinen 15 Fliegern bedienen. Sonst sind sie schnell weg. Und das wär schlecht. Expansion ist erst der zweite Schritt.

Hatte Ihre kürzlich getroffene Entscheidung, als Formel-1-Experte bei RTL aufzuhören, auch mit dem Kauf der Niki zu tun?

Nein. Ich hab mir in der Nacht nach dem letzten Rennen überlegt: Es reicht. Im normalen Leben bin ich verlässlich: Wenn ich einen Job habe, mache ich den. Aber manchmal ploppt eben die Sinnfrage auf, und dann denke ich: Wieso mache ich das nach 21 Jahren eigentlich noch?

Sie sind auch junger Familienvater, haben zwei schulpflichtige Kinder. Wie kriegen Sie das mit Laudamotion unter einen Hut?

Ich finde, dass ich das gut kann, aber meine Frau Birgit schimpft manchmal. Logischerweise ist es gerade etwas schwieriger.

Gehen Sie mit dem Projekt Laudamotion voll ins Risiko? Sind Sie arm, wenn's scheitert?

Ja. Ich muss ehrlich sagen: Da wäre richtig viel weg.

Alles?

Das meiste. Das ist doch die Herausforderung. So habe ich mein ganzes Leben gestaltet. Das macht mir keine Angst.

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