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Ryanairs PR-Strategie Der kalkulierte Porno-Knaller


Pornos über den Wolken und gegen Gebühr - mit diesem Vorschlag sorgte Ryanair für Aufregung. Tatsächlich geht es gar nicht um XXX-Filme in der Flugkabine, die Idee ist nur Teil einer PR-Strategie.
Von Gernot Kramper

Kalender mit mehr oder minder unbekleideten Stewardessen verkaufen viele Airlines. Ryanair-Boss Michael O’Leary treibt das Geschäft mit der Erotik auf die Spitze, er möchte Sexfilme an Bord zeigen, gegen Gebühr versteht sich. Wer schon einmal mit dem irischen Billigflieger unterwegs war, weiß: Eine Flugreise mit Ryanair ist eher Qual als Vergnügen. Insofern kalkuliert O’Leary ganz richtig, dass bei seinen Passagieren ein gesteigertes Bedürfnis nach kurzweiliger Unterhaltung besteht. Die heiße Action soll freilich nicht über die Bordbildschirme flimmern. Der Ryanair-Chef sinniert über eine Streaminglösung, also ein Bord eigenes W-Lan-Netz. Jeder Ryanair-Porno würde dann individuell abgerechnet.

Viel Wind um nichts

Ob es dazu kommt? Eher nicht, aber das macht nichts. O’Leary hat mit den Jahren eine PR ganz eigener Art entwickelt. Normalerweise schmeichelt man seinen Kunden, der Ryanair-Chef macht das Gegenteil. Seine Vorschläge verstören die Fluggäste. Sein Kalkül: Je extremer, umso mehr Resonanz - Ryanair bleibt im Gespräch.

Zutrauen tut man Michael O’Leary noch die verrücktesten Ideen. Schließlich hat Ryanair das System perfektioniert, aus den Kunden immer mehr Geld zu pressen. Selbst der Reisekoffer kostet bei seiner Fluglinie extra. Wer irgendeine Leistung nicht online, sondern am Schalter bucht, muss bei der Disounter-Marke Gebühren 1. Klasse zahlen. Bereits minimales Mehrgewicht im Gepäck führt zu saftigen Aufschlägen. Und der Flug ist sowieso als Dauerwerbesendung konzipiert. Der Berieselung kann man nur mit Kopfhörer und eigenem Programm entkommen.

Kunden schlimmer als der Chef

O’Leary hat viel erreicht, vor allem Aufmerksamkeit, doch das reicht ihm nicht. Vor keiner Peinlichkeit schreckt er zurück. Unlängst forderte er Toilettengebühren für das Geschäft an Bord. Gegen die Pippi-Gebühr erhob sich zwar ein Sturm der Entrüstung und O’Leary knickte ein. Doch es folgte sogleich eine geniale PR-Idee: Er ließ die Ryanair Passagiere befragen, wofür er ihnen noch Gebühren abnehmen könne. Die Hitliste der Kundenvorschläge war dann noch unkorrekter als die Pinkelgebühr: Die Passagiere forderten eine Dicken-Abgabe. In der Abfertigungsschlange sind die Adipösen der Schrecken aller Schlanken. Jeder fürchtet das Unglück im Mittelsitz zwischen zwei Wonneproppen zu landen. Die zusätzlichen Pfunde scheren sich nicht um Sitzplatzgrenzen. Dafür sollten die Dicken büßen, fanden die anderen Passagiere.

Auch der Ryanair-Chef macht sich ungeniert zum Affen: Viele Passagiere fanden die Idee apart, für ein Spezial-Klopapier extra zu zahlen, wenn es mit dem Gesicht von O´Leary bedruckt wird.

Folgen hatten diese kreativen Visionen bislang nicht. Auch die Idee, die normalen Sessel gegen eine Art Stehhocker im Flugzeug auszutauschen, weil man so mehr Passagiere in den Jet pressen kann, löste nur Aufregung aber keine Umbauten aus. Michael O’Leary profiliert sich so als durchgeknallter Kostenkiller. Das harte Kalkül hinter all den Absurditäten: Die Botschaft "Ryanair ist billig" wird immer wieder in die Welt hinausgetragen.

Ryanair ohne Bordnetz

Auf heiße Stewardessen-Sexfilme wird man an Bord von Ryanair auch in Zukunft verzichten müssen. Denn diese Idee ist alles andere als zu Ende gedacht. Mit Smartphone und Netbook ist die Privatsphäre in der Kaninchenstallatmosphäre der Flugkabine begrenzt und keineswegs mit der kuscheligen Langeweile auf einem Kingsize-Hotelbett vergleichbar. Michael O’Leary vertuscht mit dem PR-Gag nur geschickt, dass seine Airline hier einem Trend hinterherhinkt: W-Lan und Internetzugang an Bord gibt es bei anderen Linien schon lange – Pornos sind da nur ein Randthema. Wer heiße Seiten an Bord sucht, wird vermutlich enttäuscht, denn das Schmuddel-Web wird gesperrt. Wie gering die Porno-Toleranz an Bord ist, musste unlängst die Fluglinie Qantas erleben. Als aus Versehen eine Dokumentation über der weiblichen Orgasmus – mit Körpereinsatz und Stöhngeräuschen - im Bord-TV lief, gab es einen weltweiten Aufschrei der Moralapostel.


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