Stadtführung Bis gleich in der Lobby


Wer weder erhobenen Regenschirmen noch Touristengruppen folgen möchte, sollte den Fremdenführer mal durch einen MP3-Player ersetzen. Der lässt sich nicht nur ausschalten, sondern überrascht auch mit prominenten Gaststimmen.
Von Stéphanie Souron

Die Stimme im Ohr hat eindeutige Absichten. Sie säuselt sanft, aber bestimmt: "Nach wenigen Metern sehen Sie den Eingang des Atlantic-Hotels. Sie können sich dort schon mal einen Kaffee oder einen Champagner gönnen. Bis gleich in der Lobby des Atlantic." Oha, das hört sich viel versprechend an – ein Rendezvous in der Empfangshalle des berühmten Hamburger Grandhotels, das kriegt man nicht alle Tage.

In der Lobby liest sich die Geschäftswelt gerade unter Kronleuchtern durch die Sonntagspresse, dazu wird After-Breakfast-Tee gereicht. In den weichen Ohrenledersessel scheint sich jedes Problem dieser Welt mit einem Wimpernschlag zu lösen. Auf den Tischchen liegt die Getränkekarte aus. Der Mann im Ohr muss Millionär sein: Eine Tasse Pfefferminztee kostet 7,50 Euro, die Jasminmischung "Tai Mu Long Zhu" noch drei Euro mehr. Die Gedanken schweifen: Ist Reichtum trinkbar? Die Dame vom Empfang holt mich in die Realität zurück. "Entschuldigung wenn ich störe, aber was machen Sie hier?"

Stadtführer im Ohr

Ich mache einen "Audiowalk" durch Hamburg, eine Stadtführung mit Knopf im Ohr. Die Stimme auf dem MP3-Player gehört einem Mann namens Taufik Khalil. Seit einer Viertelstunde sagt er mir schon, wo’s lang geht, laut Plan sind wir rund 60 Minuten zusammen unterwegs. Und weil Khalil ursprünglich aus Bayern kommt, hat er für die City-Tour noch einen Experten aus Hamburg engagiert. Der spricht norddeutsch und kennt sich bestens aus mit den Gepflogenheiten der Hansestadt: Hier oben sagt angeblich kein Mensch "Moin, Moin" zur Begrüßung, sondern ganz langweilig "Hallo" und "Guten Tag".

Das Treffen im Atlantic ist Teil der Stadtführung und mit dem Hoteldirektor abgesprochen. Als ich auf "Play" drücke, ergreift der Chef des Hauses persönlich das Wort und erzählt, wie gerne sich die Hamburger High Society in seiner Bar betrinkt. Dann schaltet sich der prominenteste Dauergast des Etablissements ein: "Hey Leute, ich wohne hier, hier ist die Panikzentrale. Ich kann prima malen hier. Ich zieh mir hier manchmal nachts Filme im Hotelkino rein", kehlt Udo Lindenberg aus den Kopfhörern. Der Rockstar bewohnt das ganze Jahr über eine Suite im obersten Stock, und der Sprecher weiß: "Udo ist eher ein Spätaufsteher."

Als ob der Stadtführer dahinter steht

Dann lotst die Stimme zur Kennedy-Brücke, die die Binnen- von der Außenalster teilt. Herrlicher Blick, der Wind bläst ins Gesicht, die Silhouette der Stadt erhebt sich in die Nachmittagssonne. "Wenn wir uns jetzt mal die Kirchtürme ansehen, sehen wir alle fünf Hauptkirchen", weiß der unsichtbare Stadtführer. Fünf? Aber da sind doch sechs Türme, hallo? "...und dazu noch das Rathaus", ergänzt die Stimme. Na also, doch richtig gezählt. Es ist fast ein bisschen unheimlich: Die Beschreibung von dem, was man gerade sieht, ist so exakt, dass man sich umdreht, um nachzuschauen, ob nicht jemand hinter einem steht.

Auf dem Weg zum Jungfernstieg brummen die Touristen-Busse doppelstöckig an der Binnenalster vorbei. Wenn sie anhalten und neue Gäste einladen, kann man das scheppernde Mikrofon bis auf die Straße hören. Die Tür schließt sich, die Meute fährt weiter zur nächsten Sehenswürdigkeit. Organisierte Führungen lassen wenige Freiheiten, die Stimme im Ohr schafft Platz für Eskapaden – zum Beispiel für ein Stück Himbeertorte an der Rathausschleuse. "Unsere Idee passt sich dem Wunsch der Touristen nach Individualismus an", sagt Matthias Geisler, einer der Entwickler von "Audiowalk". "Die meisten Leute haben die Schnauze voll vom Regenschirmtourismus." Neben Hamburg gibt es den "Audiowalk" bereits in sechs weiteren Städten. In Berlin erzählt Gregor Gysi Geschichten aus der DDR, in Leipzig fidelt das Gewandhausorchester. In Österreichs Hauptstadt wienert ein Oberkellner, auch in London, Köln und Frankfurt haben Stadtoriginale ihre Stimme hergegeben. Bis zum Ende diesen Jahres sind noch Führungen in Rom und Paris geplant.

Vorsicht in der Herbertstraße

90 Minuten später endet der Fußmarsch nach einem Rundgang durch Hafen und Speicherstadt auf der Reeperbahn. Nur für Ausdauertrainierte ist die Tour in den geplanten 60 Minuten zu schaffen, Klamottenläden, Straßenkünstler und Cafés haben zum Trödeln verführt. Na und? Hinter mir steht schließlich keine Touristentruppe und drängelt zum Aufbruch.

Bevor sie endgültig verstummt, warnt die Stimme eindringlich vor dem einem Besuch in der Herbertstraße, der berüchtigten Prostituiertengasse. Weiblichen Besucher ist der Besuch dort aus Konkurrenzgründen verboten, die Strafe folgt unverzüglich. "Das geht über den Wassereimer, der mal aus dem Fenster kommt, weit hinaus", unkt es aus den Kopfhörern. "Gehen sie also nur hinein, wenn Sie männlich sind und wirklich Lust haben." Ach danke, ich verzichte und nehme lieber einen Jasmintee im Hotel Atlantik.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker