STRASSENSCHILDER Fruchtfliegen und fallende Kühe


Ob kreuzende Kängurus oder kuriose Parkverbote - Verkehrszeichen sorgen bei deutschen Autofahrern im Ausland immer für eine Überraschung. Wir zeigen die verrücktesten Schilder.

In Australien oder den USA sind die Distanzen groß. Nach dem Check-Out am Flughafen steuern die meisten deshalb sofort den nächsten Autoverleih an. Wer was vom Land sehen will, braucht halt den Mietwagen - und wird zwangsläufig mit den Eigenheiten der regionalen Schilderkultur konfrontiert.

Da stehen sie verlassen am Straßenrand, wie bestellt und nicht abgeholt, scheinbar unbeachtet, aufrecht bei Wind und Wetter, stoisch. Sie sind Einzelgänger, bleiben bei sich, sind Kosmopoliten, überall zuhause. Sie wissen, was sie wollen und sagen das jedem, der vorbeikommt, unumwunden: Bleib stehen, mach langsam, hier geht's lang!

Verkehrsschilder. Immer präsent, beeinflussen sie mit einfacher Zeichensprache oder wenigen Worten Millionen Menschen - und das täglich. In Deutschland etwas mehr, in Ägypten etwas weniger. Meistens geht es ihnen dabei nur um Geschwindigkeiten und Richtungen, manchmal aber auch um mehr. Um Einwanderer, um Fruchtfliegen, um herabstürzende Kühe.

- Australien

- USA

- Amrum

Australien

Welten trennen die Autobahn und Australien: In Down Under wird britisch links gefahren, Stau und Lichthupe sind unbekannt, und der Beitrag der heimischen Fauna zum Schilderpanorama ist nahezu umfassend.

Wer auf einer deutschen Landstraße nicht viel mehr findet als einen Hirsch mit prächtigem Geweih, der in ein rotes Dreieck gezeichnet zum Sprung auf den Mittelstreifen ansetzt, trifft im Outback auf einen wahren Schilder-Zoo, in dem sich Kängaruh, Koalabär, Emu und Schildkröte die Klinke in die Tatze geben.

Gourmet

Soweit vertraute Gestalten, immer für einen Schmunzler gut. Ratlosigkeit erfasst den Ortsfremden hinterm Steuer allerdings, wenn ein plump gebauter Körper unbekannter Identität das Schild ziert. Der Griff zum Tierlexikon hilft: Hier handelt es sich um den Echidna, einen Schnabeligel. Wegen seiner kulinarischen Vorlieben wird er auch Ameisenigel gerufen.

Fruchtfliegen-Müllkippe

Ein ganz besonderes Highlight ist in Fruchtanbaugebieten zu bestaunen. Ein sehr großes, blaues Quadrat steht dort am Straßenrand, und in weißen Lettern die Aufschrift »Fruit Disposal Bin«, Obstmülltonne. Quasi als optische Ergänzung dieses rätselhaften Hinweises thront ein rundes Verbotsschild darüber; eine in einfachen Strichen gezeichnete Fruchtfliege blickt von ihrer erhöhten Position unbeteiligt auf die Fahrbahn.

Mülltrennung

Warum das jetzt? - Australien hat ein Fruchtfliegenproblem. Deshalb ist es verboten, Obst von einem Fruchtanbaugebiet ins andere mitzunehmen. Die Plage könnte dabei mitreisen. Also vorher Reste aufessen oder in den Müll schmeißen. Die Bio-Bunker stehen am Ende der Anbaugebiete bereit, die Fruchtfliegen-Schilder weisen den Weg. Wer sich jedoch von seinen Äpfeln und Birnen nicht trennen kann und in eine Kontrolle gerät, darf zahlen.

USA US-Schilder? Klar, Route 66. Nicht nur! Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten lässt auch fernab des EasyRider-Asphalts den graphischen Phantasien der Schildermacher freien Lauf.

Eine sehr direkte Sprache spricht das Exemplar auf der Deception Pass Bridge in der Nähe von Seattle, Bundesstaat Washington.

Vorsicht: Schmaler Bürgersteig

Den Fußgängern ist dort ein nur sehr schmaler Bürgersteig überlassen. Sollte gerade ein breites Auto, zum Beispiel ein Wohnwagen, die Brücke überqueren, könnte es passieren, dass der Außenspiegel in Kontakt kommt mit dem Kopf des Fussgängers. Das Piktogramm besticht durch eindeutige Rollenzuteilung und klare Raumaufteilung: Fußvolk immer schön ans Brückengeländer klammern, sonst wird es unangenehm. Missverständnisse ausgeschlossen, auch wenn das Ganze etwas grob daher kommt.

Verkehrsschilder können auch durchaus politische Dimensionen annehmen. Was nicht heißt, dass es sich zwangsläufig um politisch korrekte handelt. Wie das Schild an einer Straße in New Mexiko beweist.

Immigration im Piktogramm

Darauf ist eine Kleinfamilie - Vater, Mutter und Kind - abgebildet. Illegale Einwanderer aus Mexiko. Tausende schlüpfen jedes Jahr durch den Grenzzaun und flüchten vor den Infrarotsonden der Grenzpatrouillen ins Gelobte Land. Und die Botschaft des Warnschildes: Vorsicht alle Autofahrer - Ungebetenen Gäste kreuzen die Fahrbahn. Zehn Zynismus-Punkte an den Hersteller!

Amrum Auch Amrum lässt sich bei so viel Schilder-Charme nicht lange bitten.

Fahrradfahrer, die bei einer Inselrundfahrt auch Norddorf durchradeln, wundern sich nicht groß, wenn der blaue Kreis mit Mama und Tochter darauf den eben gewonnenen Schwung abrupt beendet. Fußgängerzone, ist schon in Ordnung!

Auf den dritten Blick

Aber dann! Dann treten die Worte unter dem vertrauten Motiv ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Man liest, liest nochmal, halb vom Sattel gestiegen, stutzt dann, stirnrunzelt - legt das Fahrgerät zur Seite und unterzieht den Text einer kritischen Prüfung.

Aha!

»Vernünftige fahren hier nicht mit dem Fahrrad, den anderen ist es verboten.« Das steht da. Einsichtige fahren hier zwar nicht, könnten aber; denn nur den anderen, den Unvernünftigen, ist es grundsätzlich verboten. Ist das eine Geheimsprache? Oder eine dialektische Spitzfindigkeit? Was hat der Mann von der Schilderbehörde damit gemeint?

Selbsteinschätzung

Eine Ahnung überkommt die Radfahrer, mehr nicht. Aber ihnen bleibt keine Zeit, weitere Vermutungen anzustellen. Sind noch einige Kilometer zu fahren. Grübelnd durchqueren sie Norddorf - zu Fuß. Und überlegen dabei, zu welcher Gruppe sie sich zählen sollen.

Von Andreas Lorenz


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