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Wer steckt hinter...: ... dem Schweizer Messer?

Vor 125 Jahren erfand Carl Elsener das Universalwerkzeug. Inzwischen war es im Weltall, liegt im Museum of Modern Art und hat bis heute seinen festen Platz im Reisegepäck.

Von Stéphanie Souron

Wie so viele Kinder sammelte auch Carl Elsener IV. während seiner Schulzeit Klebebildchen von Fußballspielern. Er hatte von allen die wenigsten Probleme, seine Alben vollzukriegen. Denn immer, wenn ihm ein Bildchen fehlte, bot er seinen Schulkameraden zum Tausch ein Taschenmesser an. Das war unschlagbar. Und die Messer gab es bei Elseners zu Hause in Massen.

Das Reich von Carl Elsener IV. liegt in Ibach unweit des Vierwaldstättersees im Kanton Schwyz. Draußen verbergen sich die Gipfel hinter dunklen Wolken, drinnen im Werk rattern die Maschinen auf Hochtouren. 60.000 Taschenmesser verlassen täglich die Produktionshallen von Victorinox. Es riecht nach Öl und Metall, im Sekundentakt fallen Rohlinge aus den Stanzen. Ein Stockwerk höher stapeln sich Kisten mit fertigen Einzelteilen: Sägen, Flaschenöffner, USB-Sticks - es gibt kaum ein Werkzeug, das man nicht zwischen die zwei roten Schalen pressen kann.

Carl Elseners Urgroßvater gründete das Unternehmen vor 125 Jahren. Aus dem Vornamen seiner Mutter bastelte er den Firmennamen: "Victorinox" setzt sich zusammen aus "Victoria" und "Inox", dem rostfreien Stahl.

Treue Reisebegleiter

Schnell sprach sich die Unkaputtbarkeit des Taschenmessers herum. 1891 rüsteten die Schweizer Streitkräfte ihre Soldaten erstmals mit Elseners Messern aus. Heute ordern 15 Armeen, darunter auch die Bundeswehr, die Produkte aus Ibach. Für Zivilisten sind sie treue Reisebegleiter geworden, Victorinox liefert in 130 Länder. Ein "Swiss Army Knife" liegt im Museum of Modern Art in New York, selbst die Nasa schickt ihre Astronauten mit Schneidewerkzeugen aus Ibach ins All.

Carl Elsener, 50, trägt ein helles Hemd, darüber einen dunklen Pullunder. Er entschuldigt sich für die Verspätung: Er musste das Mittagessen für die drei Kinder kochen. Dann bittet er in ein kleines Zimmer mit Holztisch und Blick auf die Berge - den Konferenzraum.

Ein Familienunternehmen

In seiner Familie und im Unternehmen seien christliche Werte immer sehr wichtig gewesen, sagt Elsener. Glaube, Ehrlichkeit, Fürsorge. Und dass man seine Eltern respektieren soll. Er selbst wird jeden Tag aufs Neue daran erinnert - er teilt das Büro mit seinem Vater, 86, der bis vor Kurzem noch täglich mit dem Fahrrad in die Firma kam. Carl Elsener III. mischt immer noch mit im Unternehmen.

Der Sohn greift in die Hosentasche, sein Messer hat einen Höhenmesser und eine Digitaluhr. Sie zeigt 14.30 Uhr, unten in den Produktionshallen beginnt die Gymnastik. Dreimal am Tag legen die Mitarbeiter die Klingen beiseite und lassen die Hüften kreisen. Die Abteilungsleiter sind Vorturner, selbst Elsener reiht sich regelmäßig in die Riege ein. Die Gymnastik hat er vor sieben Jahren eingeführt, weil viele Angestellte über Rückenschmerzen geklagt hatten. Seitdem ist der Krankenstand bei den 900 Mitarbeitern gesunken.

Umsatzeinbruch und Neuerfindung

Nach dem 11. September 2001 stürzte das Unternehmen in eine tiefe Krise. Als in Flugzeugen und Duty-Free-Shops wegen verschärfter Sicherheitsvorschriften keine Messer mehr verkauft werden durften, brach der Umsatz von einem Tag auf den anderen um 30 Prozent ein. "Das ganze Flughafengeschäft war einfach weg", sagt Elsener. Ein Heuschrecken-Manager hätte wahrscheinlich einem Drittel der Belegschaft gekündigt. "Aber unser Unternehmen ist wie eine Familie. Und da lässt man ja auch keinen in der Krise hängen." Also hat er für alle Mitarbeiter ein paar Monate lang die Arbeitszeit verkürzt und die Produktpalette um Klamotten, Koffer, Uhren und sogar Parfüm erweitert.

Wozu braucht man heutzutage eigentlich noch ein Taschenmesser? "Das Messer ist ein Symbol für Sicherheit", sagt Elsener. "Wenn ich in eine Notsituation komme, bin ich gewappnet." Er steht am Fenster des Konferenzraums. Draußen haben sich die Wolken verzogen, nun glitzern die Gipfel schneeweiß. Vielleicht wird es ja irgendwann einmal ein Werkzeug geben, mit dem man auf Knopfdruck das Wetter ändern kann. Und dann wird Elsener ganz sicher einen Platz dafür finden in einem seiner Taschenmesser.

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