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Langläuferin Stefanie Böhler: "Gefühlte Medaille" nach Sieg über den Krebs

Den größten Sieg hat Stefanie Böhlert schon vor Olympia gelandet. Die deutsche Langläuferin besiegte den Schilddrüsenkrebs. Platz sechs in ihrem Rennen bedeutet ihr soviel wie ein Medaillengewinn.

Dass sie einmal mit müden Muskeln, aber wachem Kopf bei Olympia stehen würde, hätte Stefanie Böhler vor zwei Jahren kaum für möglich gehalten. Nach ihrem Sturmlauf zum besten Einzelergebnis ihrer Karriere war sie wie aufgezogen. Bereitwillig beantwortete sie jede Frage, lächelte in die Kameras und ließ sich von den Teamkolleginnen drücken. Der sechste Platz im Zehn-Kilometer-Klassikrennen war für die Schwarzwälderin Gold wert. Kein Wunder, dass sie ähnlich ergriffen war und deshalb Freudentränen vergoss wie Olympiasiegerin Justyna Kowalczyk, die trotz eines gebrochenen Fußknochens zu olympischem Langlauf-Gold stürmte. "Das ist eine gefühlte Medaille. Ich bin einfach nur gelaufen und so glücklich", erzählte Böhler mit feuchten Augen.

Vor zwei Jahren war die Sportsoldatin aus Ibach an Schilddrüsenkrebs erkrankt. Ein Schock, der ihr Leben zunächst veränderte. Doch sie stellte sich der Situation und kehrte nach ihrer Heilung in die Loipe zurück. "Für jeden, der in diese Situation gerät, ist es wichtig, dass der Alltag weitergeht. Sonst kommt man ins Grübeln", erzählte sie in Sotschi.

Reise nach Sotschi ein Geschenk

Mühsam und langsam kämpfte sie sich zurück und löste auf den letzten Drücker die Olympia-Fahrkarte. Die Reise in den Kaukasus empfand sie daher als Geschenk. Und am Donnerstag erwachte ihr Kampfgeist. "Ich bin ein kleines Kampfschwein. Wenn ich am Start stehe, will ich auch alles geben", berichtete sie strahlend.

Furios fegte sie bei frühlingshaften Temperaturen im kurzen Rennanzug durch die Loipe. Wegen der Wärme hatte sie, wie ihre chancenlosen Teamkolleginnen Nicole Fessel (23.) und Katrin Zeller (25.), die Ärmel einfach abgeschnitten. "Das war das härteste Rennen, das ich im Leben gelaufen bin. Die Strecke ist gnadenlos hart", sagte Böhler. Sie war in dem Rennen auf tiefem und sulzigem Schnee einen anderen Schliff gelaufen als Fessel und Zeller. "Das war ein Risiko, aber scheinbar hat es funktioniert", stellte Böhler fest.

Nach 29:04,3 Minuten kam sie mit Bestzeit ins Ziel, wo sie bis zum Eintreffen der großen Favoritinnen strahlend und fröhlich auf dem roten Führungsthron Platz nahm. Am Ende fehlten der Schwarzwälderin ganze 18 Sekunden zur Bronzemedaille, die Therese Johaug aus Norwegen gewann. Silber ging an die Schwedin Charlotte Kalla. Ski-Königin Marit Björgen aus Norwegen war nur 13 Sekunden schneller als Böhler und ging als Fünfte überraschend leer aus. "Wenn man eine gute Leistung abgeliefert hat, ist man zwar körperlich müde, aber der Kopf funktioniert. Da hat man nur positive Gedanken", beschrieb die 32-Jährige ihren inneren Zustand.

"Da relativiert sich vieles im Leben"

"Wenn uns jemand vorher gesagt hätte, dass wir in Schlagdistanz zu Frau Björgen sind - wir hätten ihn zum Traumtänzer erklärt. Steffi war heute ganz stark", lobte Bundestrainer Frank Ullrich und stellte überglücklich fest: "Nach alldem, was sie in den vergangenen zwei Jahren durchgemacht hat, war das ein absolut positives Signal. Auch an ihren Körper."

So kam bei Böhler auch überhaupt kein Frust über die knapp entgangene Medaille auf. "Dass es der sechste Platz wird, damit habe ich nicht gerechnet", versicherte die 32-Jährige. "Ich habe mir während des Rennens keine Gedanken gemacht und versucht, diesen letzten Mörderanstieg so gut wie möglich zu bewältigen. Ich bin einfach nur gelaufen", schilderte sie ihre Gefühle auf der Strecke.

Das Rampenlicht genoss sie danach in vollen Zügen. Kein Wunder, lief sie doch immer im Schatten einer Evi Sachenbacher-Stehle oder Claudia Nystad, die größte Hochachtung vor der Leistung ihrer Teamkollegin hat: "Wenn du solch eine Krankheit hast, relativiert sich vieles im Leben." Auch Ullrich zollte Böhler Anerkennung: "Kompliment, wie sie sich zurückgekämpft hat." Der Auftritt im Kaukasus war der verdiente Lohn für all ihre Mühen.

Eric Dobias und Gerald Fritsche/DPA / DPA

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